Bad Neualbenreuth
13.09.2018 - 11:49 Uhr

Ausflug ins Mittelalter

Über ein Jahrtausend in die Vergangenheit zurückversetzt fühlten sich die Teilnehmer beim Besuch des Geschichtsparks Bärnau.

Auf dem Marktplatz des entstehenden Handelszentrums inmitten der kleinen hochmittelalterlichen Stadt gruppierten sich die Neualbenreuther Besucher zusammen mit Gästen aus Berlin und München um den Zisternenbrunnen. Der Vorsitzende des betreuenden Vereins „Via Carolina“, Alfred Wolf, war verkleidet als Kräuter- und Gemüsehändler und hatte sich zur Erinnerung als „Taxifahrer“ angeboten. Bild: exb
Auf dem Marktplatz des entstehenden Handelszentrums inmitten der kleinen hochmittelalterlichen Stadt gruppierten sich die Neualbenreuther Besucher zusammen mit Gästen aus Berlin und München um den Zisternenbrunnen. Der Vorsitzende des betreuenden Vereins „Via Carolina“, Alfred Wolf, war verkleidet als Kräuter- und Gemüsehändler und hatte sich zur Erinnerung als „Taxifahrer“ angeboten.

Einen Ausflug besonderer Art hatten die Freien Wähler Neualbenreuth zum Ferienprogramms angeboten.

Noch diesseits des Zeittores im modernen Eventbereich der Gegenwart stimmte Meinhard Köstler, Führer in Bärnau seit Projektbeginn vor 5 Jahren, die Gruppe auf die Gründungsmotive, das derzeitige Angebot und auf die allerneuesten Zukunftsvorhaben ein. Besonderen Wert legte er auf die Wissensvermittlung für die mitgekommenen Kinder, die mit ihrem richtig ausgefüllten Beobachtungszettel am Ende auch einen Preis gewinnen konnten.

Über 400 Siedlungen mit Slawenkontakt

Initialzündung für dieses in Mitteleuropa sich zur ersten Adresse in Sachen "Experimentelle Archäologie" mausernden musealen Freilandprojekts war das Stadtjubiläum Bärnaus 1993. Die Nähe zu den tschechischen Nachbarn in Tachau und das Erbe unserer slawischen Vorfahren gaben schließlich die Hauptimpulse zur Gründung des Geschichtsparks. "Jeder von uns einheimischen Oberpfälzern, Ober- und Mittelfranken wird wenigstens ein slawisches Gen in sich haben", erklärte Köstler eingangs etwas schmunzelnd die historischen Wurzeln. Als die Slawen unter dem Druck der östlichen Reitervölker unter anderem über das Donautal nach Westen auswichen und innerhalb von 500 Jahren als Naab-, Main- und Regnitzwenden die Flusstäler der Oberpfalz und Frankens mitbesiedelten, hinterließen sie dort in über 400 Siedlungen Reste ihrer Sprache, Lebens- und Bauweise. Nach 1150 hatte zwar niemand mehr in unserem weiteren Heimatraum Slawisch gesprochen, aber Siedlungsreste wie in Lohnsitz bei Tirschenreuth oder Iffelsdorf bei Pfreimd sind als Zeugen dieser Vergangenheit geblieben.

Durch das Zeittor in das Mittelalter

Nach dem Durchschreiten des Palisadentores zeigte sich den Besuchern ein slawisches Dorf mit etwa 30 Gebäuden aus der Zeit von 700 bis 1400. Das schlichte Flechtwandhaus gleich zu Beginn bot zwar nicht viel Platz, aber angesichts der sengenden Hitze draußen spürbar Kühle drinnen. Die Kinder fanden rasch die Ursache für diesen angenehmen Wohneffekt: die "atmenden Lehmwände" und kaum Fenster. In den Wintern vor 1300 Jahren mussten die Bewohner jedoch mit beißendem Frost fertig werden, weil Kälte und Schnee durch die Ritzen der dünnen, mit Lehm ausgefüllten geflochtenen Wände solcher noch arg primitiver Hütten pfiffen. Das Wort "Wand" kommt übrigens von diesen durchgewundenen Holzstecken.

Ständig bessere Bautechniken wie ein roter Faden durch die Jahrhunderte

Um gegen das harte Klima anzukommen, gingen die slawischen Bauherren "in die Tiefe". Eine Wohngrube und das Absetzen des Daches bis auf den Boden machten das zeitlich spätere "Grubenhaus" als Unterkunft schon wesentlich wohnlicher. Handwerker mit ihren Familien hatten darin eine gesündere Bleibe. Ähnliche Verbesserungseffekte ergaben sich mit der "Erfindung" des Blockhauses einige Jahrhunderte später, als nur mehr Holzstämme verwendet wurden. Die durch gesündere Lebensweise angestiegene Bevölkerung brachte mehr Arbeitskräfte und größeren Reichtum. Man konnte sich solche Häuser leisten. Beim Aufbau des Geschichtsparks vor 5 Jahren hatte der "Hermannsreuther Rentnertrupp" nach Anleitung von Chefarchäologen Stefan Wolters ehrenamtlich mit alten Techniken dieses Haus gebaut. Man sieht es ihm nicht an, dass über 70 Lärchen- und Eichenstämme darin verbaut worden sind.

Feuer und Feuchtigkeit waren die großen Feinde

Um einigermaßen Wohntemperatur in die Innenräume zu bekommen, musste entsprechend geheizt werden. Feuer bedeutete aber Funken und Rauch, eine ständige Gefährdung der Gesundheit und der Häuser. Ummauerte Feuerstellen auf Steinen im Wohnbereich und sog. "Eulenluken" als Luftlöcher waren die baulichen Errungenschaften. Die Feuchtigkeit bekämpfte man durch Anheben des Wohnbodens für Luftpolster und durch Ankohlen aller im Boden steckender Hölzer. Steinfundamente im Hochmittelalter ab 1300 waren jedoch die bessere Lösung.

Eine willkommene Abwechslung für die Kinder boten die beiden Wollschweine "Eberhard" und "Kunigunde". Sie taten der Besuchergruppe den Gefallen und kamen trotz der Hitze zum Kraulen heran. Ein wolliges Fell wie Schafe besitzt diese alte Rasse natürlich nicht, dafür aber Borsten wie eine schön gelockte Stahlbürste.

Der Rundgang neigte sich schon fast dem Ende zu, aber zuvor gingen alle Teilnehmer noch "in die Luft" - Aufstieg in die Turmhügelburg als höchstes und in die Herberge als größtes Bauwerk im Slawendorf. Während es von der auch als "Motte" bezeichneten Holzburg 30 bis 40 in der Oberpfalz zum Zwecke der eigenen Verteidigung und Machtdemonstration gab, waren Herbergen als hochmittelalterliche Übernachtungshäuser vorwiegend an der "Goldenen Straße", der wichtigsten Handelsstraße zwischen Nürnberg und Prag postiert. Sie boten den Kaufleuten willkommene Rast und ihr Gastraum konnte problemlos 60 und mehr Reisende aufnehmen und betreuen. Im Winter spendete der von der Küche außerhalb bediente Becherkachelofen wohlige und saubere Wärme. Mit der Übernachtungsetage im 1. Stock wurde erstmals auch das Obergeschoss bewusst einbezogen. Gebucht, benutzt und bezahlt hat man damals kein Bett, sondern eine Schlafstelle, so dass in unmittelbarer Nähe beim Zubettgehen oft schon ein müder Wanderer schnarchte.

Beim besten Überblick von der hohen Hügelburg aus erklärte Museumsführer Köstler einen derzeit zwar noch ziemlich leeren Platz hinter der Herberge, aber da entstehe die Zukunft für den Geschichtspark. "Wenn du in 15 Jahren mit deinen eigenen Kindern wiederkommst, wirst du einen originalen Reisehof vorfinden, wie ihn Kaiser Karl IV. ab 1350 für seine Reisen durch Europa hat erbauen lassen", erklärte Köstler. "Sein Entstehen mit alten Werkzeugen, alten Techniken und Materialien des Hochmittelalters kannst du in den nächsten Jahren Schritt für Schritt miterleben. Der Bärnauer Geschichtspark bräuchte dafür dringend handwerkliche Fachleute, die das alles gelernt haben."

Als nach etwa zwei Stunden Marsch durch die "mittelalterliche Waldnaabaue" die Beine müde, das Lösungsblatt voll und der Magen leer waren, gab es die wohlverdiente Rast im vereinseigenen Gasthaus "Brot und Zeit", wo die ehrenamtlichen Helferinnen von "Via Carolina" die Buben und Mädchen aus Neualbenreuth mit einem großen Eisbecher belohnten. Vorsitzender Johannes Salfrank von den Freien Wählern konnte bekannt geben, dass alle Teilnehmer auf ihrem Wissenszettel das richtige Lösungswort - "400 Slawensiedlungen" - gefunden hatten. Sie werden dafür eine Eintrittskarte zum "Vulkanmuseum Parkstein" erhalten.

 
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