Neuenhammer bei Georgenberg
30.10.2018 - 09:52 Uhr

Sau schwer zu treffen

Die erste gemeinsame Jagd auf Schwarzwild ist eine Herausforderung, sowohl für die Staatsforsten als auch für die privaten Jäger. Trotz guter Vorbereitung stehen die Waidleute in Neuenhammer mit leeren Händen da. Die Sau ist schlau.

Vor der Drückjagd am Samstag in Neuenhammer blasen einige Jagdhornbläser zum "Sammeln der Jäger" und den "Aufbruch zur Jagd". Bild: ck
Vor der Drückjagd am Samstag in Neuenhammer blasen einige Jagdhornbläser zum "Sammeln der Jäger" und den "Aufbruch zur Jagd".

Die Organisatoren hatten viel Mühe und Geld in diese Premiere investiert. Gemeinsam wollte man den Schwarzkitteln zu Leibe rücken. Eine Rotte von 30 bis 40 Wildschweinen war in dem rund 250 Hektar großen Gebiet vermutet worden. An der revierübergreifenden Drückjagd wirkten am Samstag neben den Staatsforsten die Genossenschaftsreviere Dimpfl, Pfifferlingstil und Waldthurn mit. Stefan Bösl, Betriebsleiter vom Forstbetrieb Flossenbürg, für die staatliche Seite sowie Christian Ertl und Peter Wild, die beiden Vorsitzenden der BJV-Kreisgruppe Vohenstrauß, freuten sich, dass nach Monaten der akribischen Vorbereitung endlich das Signal "Aufbruch zur Jagd" erklang.

Der Auflauf in Grün am Treffpunkt in Neuenhammer war enorm. Rund 50 Jäger - allesamt sehr gute Schützen - und 15 erfahrene Hundeführer kamen mit etwa 35 Stöberhunden bei nass-kaltem Herbstwetter zusammen. Auch die "Oberpfälzer Saumeute" mit Hundeführern aus dem Bereich Amberg, Schwandorf und Nabburg sowie die Stöberhundgruppe um Hundeobmann Roland Bäumler aus Grub waren mit von der Partie. Auf Schnüffelzug begaben sich hauptsächlich die Hunderassen Deutscher Jagdterrier, Dackel, Kleiner Münsterländer und Wachtelhunde. Feuerwehren hatten Straßensperren eingerichtet. Bösl erläuterte kurz Sinn und Zweck der Aktion. Der Arbeitskreis Schwarzwild habe vor einigen Monaten erkannt, dass das Problem der ausufernden Schwarzwildbestände mit all den negativen Folgen nur dann in den Griff zu bekommen sei, wenn alle gemeinsam an einem Strick ziehen. "Dieses Signal macht mich stolz. Wir haben das als eine der ersten Regionen in Bayern so geschafft", sagte der Forstdirektor. Das Damoklesschwert der Afrikanischen Schweinepest schwebe weiter über der Region. Er wies die Jäger nochmals ausdrücklich darauf hin, dass an diesem Vormittag einzig und allein Schwarzwild zum Abschuss freigegeben sei.

Mit orangefarbenen Warnwesten ausgestattet, machte sich die Truppe dann auf in den Wald. Schon während des Anblasens heulte so mancher Vierbeiner im Auto in seiner Transportbox mit den Jagdhornbläsern in den höchsten Tönen mit. Die Ansteller brachten die einzelnen Jäger persönlich zum betreffenden Stand und belehrten sie, wie lange in welche Richtungen geschossen werden darf. Jeder Schütze hatte für den Notfall eine Liste mit wichtigen Telefonnummern zur Hand.

Flüchtende Rehe

Pünktlich um 10 Uhr wurden die Hunde von der Leine gelassen. Teils in ganzen Rudeln stürmten die Tiere ins Gehölz, um flugs Fährte aufzunehmen. Es dauerte nicht lange bis die ersten aufgescheuchten Rehe flüchteten. Keinen Mucks taten dagegen die Jäger, auch wenn es ihnen angesichts des Wilds vor ihren Nasen natürlich in den Fingern juckte. Es hieß warten. Ruhig stehen, den Finger am Abzug und darauf hoffen, dass im nächsten Augenblick ein Schwarzkittel anwalzt. Einige hatten sich mit Trainingseinheiten im Schießkino extra auf diese Jagd vorbereitet.

Nervöses Gebell ließ den Adrenalinspiegel der Waidmänner zwischendurch ansteigen. Bei so vielen Hunden auf der Fläche sollte sich die Warterei früher oder später auszahlen. Aber nach etwa einer Dreiviertelstunde wurde es stetig ruhiger im Wald. Die Hundeführer machten ihre Kollegen auf den Ansitzen mit einem lauten "Hussassa" auf sich aufmerksam. Nur mehr ab und zu waren Hunde zu hören. Hier und da sprintete noch ein Reh durch eine Waldschneise. Weit und breit keine Spur von einem Keiler oder einer Bache.

Ertl, der mit seinem Deutschen Jagdterrier "Donna" ein Dickicht durchkämmte, lauschte immer wieder angestrengt. Der erlösende, erste Schuss wollte einfach nicht fallen. "So ist die Jagd. Manchmal ist es eben reine Glückssache", versuchte er zu erklären. Das schlechte Wetter war nicht gerade hilfreich. Im Regen ist herannahendes Wild schlechter zu hören. Das Visier beschlägt, was das Zielen erschwert. Doch so weit kam es gar nicht. Keine Sau in Sicht.

Nach zwei Stunden pfiffen die Hundeführer ihre Tiere wieder zu sich. Die Auswertung der GPS-Geräte, die fast alle Vierbeiner mittlerweile am Hals tragen, zeigte, dass sie bis zu acht Kilometer gelaufen waren. Die Schützen kletterten von ihren Hochsitzen. Kein einziger Schuss war abgefeuert worden. Für jeden einzelnen Jäger an und für sich keine neue oder gar verwunderliche Erfahrung. Waidmannsheil ist naturgemäß unvorhersehbar und unberechenbar. Angesichts des enormen Aufwands war einigen Jägern jedoch die Enttäuschung durchaus anzusehen.

Forstdirektor Bösl, der laut eigenem Bekunden "kein besonders guter Schütze" ist, verzichtete auf eine aktive Beteiligung an der Drückjagd. "Das Schwarzwild", so resümierte Ertl gegenüber Bösl, "hat den Braten offenbar gerochen. Die Sauen waren heute nicht zu Hause".

Mehrere Tausend Euro

Bösl meinte vor versammelter Mannschaft im Gasthaus "Hammerwirt", dass dieser Misserfolg ein Indiz dafür sei, dass es nicht so einfach ist, der Wildschweine habhaft zu werden. Bei einem Einsatz von mehreren Tausend Euro sollte man doch künftig auch Reh- und Rotwild mit zum Abschuss freigeben. Die Befürchtung, dass es die Staatsforsten dabei auf die Rehe der Privatreviere abgesehen hätten, sei unbegründet: "Es wird dadurch nicht ein Reh mehr geschossen." Jedoch könne man an so einem Tag die noch fehlenden Abschüsse erledigen. "Vielleicht ist es doch besser, schnell zuzuschlagen, wenn man sicher weiß, dass sich eine Rotte in einem Gebiet befindet", schloss der Forstdirektor.

Auch Ertl werde seine Schlüsse ziehen. Im Winter will er kleinere, flexiblere Einheiten rekrutieren. "Obwohl trotz des hohen Aufwands leider keine Strecke gemacht wurde, wäre es falsch jetzt zu sagen, dass revierübergreifende Drückjagden ungeeignet zur Bestandsregulierung des Schwarzwilds sind. Mit etwas Glück hätte es ein durchaus erfolgreicher Jagdtag werden können. Aber so ist eben Jagd." Dank galt am Ende vor allem Revierleiterin Anne Bruglachner-Zaschka, die den Großteil der Organisation übernommen hatte.

Bei leckerem Wildgulasch diskutierten alle sehr angeregt über ihre gemeinsame Leidenschaft.

Video zur Drückjagd in Neuenhammer

Hintergrund:

Die Drückjagd ist eine Bewegungsjagd, die auf Hochwild (Schalenwild) durchgeführt wird. Hierzu wird mit brauchbaren Hunden und Treibern das Wild vorsichtig aus der Deckung gedrückt, ohne es zu sehr zu treiben.

Das so in Bewegung gebrachte Wild kommt den angestellten Schützen möglichst ruhig in Anblick, so dass es sicher und tierschutzgerecht erlegt werden kann. Die Schützen sitzen dabei auf Ansitzeinrichtungen, um möglichst hohe Sicherheit für alle Beteiligten zu gewährleisten. Diese sogenannten Ansitzdrückjagden ermöglichen es, einen Wildbestand möglichst effektiv und schonend zu bejagen. Optimalerweise wird die Fläche an ein bis zwei Tagen im Jahr beunruhigt und dann wieder lange Zeit in Ruhe gelassen. Die Planung und Organisation von Drückjagden bedeutet einen hohen personellen sowie zeitlichen Aufwand.

Etwa 50 Jäger und 15 Hundeführer mit etwa 35 Stöberhunden beteiligen sich an der ersten gemeinsamen Drückjagd von Bayerische Staatsforsten und Privatjägerschaft. Die revierübergreifende Jagd war wegen der großen Schwarzwildbestände bei Neuenhammer angesetzt worden. Bild: ck
Etwa 50 Jäger und 15 Hundeführer mit etwa 35 Stöberhunden beteiligen sich an der ersten gemeinsamen Drückjagd von Bayerische Staatsforsten und Privatjägerschaft. Die revierübergreifende Jagd war wegen der großen Schwarzwildbestände bei Neuenhammer angesetzt worden.
Die Jäger harren zwei Stunden lang bei nass-kaltem Wetter aus - immer bereit für den Fall, dass vor ihrer Büchse ein Wildschwein auftaucht. Bild: ck
Die Jäger harren zwei Stunden lang bei nass-kaltem Wetter aus - immer bereit für den Fall, dass vor ihrer Büchse ein Wildschwein auftaucht.
Hundeobmann Roland Bäumler aus Grub tritt mit seinen Stöberhunden nach der Jagd den Heimweg an. Bild: ck
Hundeobmann Roland Bäumler aus Grub tritt mit seinen Stöberhunden nach der Jagd den Heimweg an.
Betriebsleiter Stefan Bösl vom Forstbetrieb Flossenbürg verfolgt die Drückjagd mit großem Interesse. Am Ende spricht er sich dafür aus, dass künftig bei solchen Jagden nicht nur Schwarzwild, sondern auch Reh- und Rotwild zum Abschuss freigegeben wird. Bild: ck
Betriebsleiter Stefan Bösl vom Forstbetrieb Flossenbürg verfolgt die Drückjagd mit großem Interesse. Am Ende spricht er sich dafür aus, dass künftig bei solchen Jagden nicht nur Schwarzwild, sondern auch Reh- und Rotwild zum Abschuss freigegeben wird.
Christian Ertl, Vorsitzender der BJV-Kreisgruppe Vohenstrauß, beteiligt sich mit seinem Deutschen Jagdterrier Donna an der großen Drückjagd bei Neuenhammer. Bild: ck
Christian Ertl, Vorsitzender der BJV-Kreisgruppe Vohenstrauß, beteiligt sich mit seinem Deutschen Jagdterrier Donna an der großen Drückjagd bei Neuenhammer.
Die Stöberhunde sind mit speziellen Schutzwesten ausgestattet, die sie vor Angriffen der Schwarzkittel vor allem im Halsbereich schützen. Um den Hals tragen sie ein GPS-Gerät, das den Hundeführern die Ortung erleichtert. Am Ende ist genau ersichtlich, wo sich der Hund wie lange aufgehalten hat und welche Strecke er dabei zurückgelegt hat. Bild: ck
Die Stöberhunde sind mit speziellen Schutzwesten ausgestattet, die sie vor Angriffen der Schwarzkittel vor allem im Halsbereich schützen. Um den Hals tragen sie ein GPS-Gerät, das den Hundeführern die Ortung erleichtert. Am Ende ist genau ersichtlich, wo sich der Hund wie lange aufgehalten hat und welche Strecke er dabei zurückgelegt hat.
Forstdirektor Stefan Bösl gibt die Richtung vor: Nach dem Misserfolg der großangelegten Drückjagd am Samstag will er künftig bei der gemeinsamen Jagd von Bayerischen Staatsforsten und Privatjägern auf kleinere, flexiblere Einheiten setzen. Bild: ck
Forstdirektor Stefan Bösl gibt die Richtung vor: Nach dem Misserfolg der großangelegten Drückjagd am Samstag will er künftig bei der gemeinsamen Jagd von Bayerischen Staatsforsten und Privatjägern auf kleinere, flexiblere Einheiten setzen.
 
Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:
Zum Fortsetzen bitte

Sie sind bereits eingeloggt.

Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein OnetzPlus- oder E-Paper-Abo.