21.06.2018 - 16:22 Uhr
Neunburg vorm WaldOberpfalz

Erstbesetzung aus dem Knast

Blasmusik aus der Pfalzgrafenstadt genießt nicht erst seit Gründung der Stadtkapelle einen hervorragenden Ruf: Schon im 19. Jahrhundert treten die ersten Musik-Pioniere ins Rampenlicht. Nicht immer war alles "in Harmonie vereint".

Aus einer Festschrift stammt dieses Foto der Stadtkapelle aus dem Jahr 1952. Zur Besetzung damals gehörten (vorne, von links) Anton Kern, Karl Kraus, Paul Spott, Hans Kern, Anton Steininger und Hans Vitzthum (Pauke) sowie (hinten, von links) Josef Kopp, Josef Heindl, Willi Hein, Hans Lettang, Karl Weniger junior und Weniger senior.
von Philipp Mardanow Kontakt Profil

Die Stadtkapelle feiert an diesem Wochenende ihr 40-jähriges Bestehen. Dieses Jubiläum gibt Anlass, um einen Blick in die Neunburger Blasmusik-Tradition zu werfen. Dokumentiert ist die Historie in früheren Festschriften der Kapelle sowie in der Stadtchronik.

Danach trat erstmals 1888 eine Kapele auf. Laut den Aufzeichnungen hatte die erste Besetzung einiges auf dem Kerbholz: Der frühere Militärmusikermeister Wilhelm Neudel, der um 1900 zum Gefängniswärter in Neunburg berufen wurde, rekrutierte die Musikanten aus den Reihen der Sträflinge. Diese saßen meist wegen Diebstahl oder Wilderer ein.

Instrumente schweigen

Geprobt wurde in der Wohnung des Kapellmeisters, bei besonderen Anlässen - Geburtstag des Kaisers, hohen Kirchenfeste und Beerdigungen - stellte das Ensemble den musikalischen Rahmen. Als Neudel 1918 starb, verstummten die Instrumente: Es fand sich kein Nachfolger, die Kapelle löste sich auf.

Erst nach dem Ersten Weltkrieg gelang einem Offiziant namens Dürr die Wiedergründung: Begünstigt durch musikalisches Talent baute er mit seinen Söhnen eine Kapelle auf, die sich hören lassen konnte. Auch Vater und Söhne der Familie Steininger, Anton Kern und seine Brüder sowie der Schneider Pinapfel musizierten mit.

Allerdings blieben Dissonanzen nicht aus. Nach Streitigkeiten spaltete sich der Klangkörper in zwei Kapellen auf: eine mit Vater Dürr und seinem Nachwuchs, die andere mit den Steiningers und ihren Anhängern. Erst in den späten zwanziger Jahren waren alle Zwistigkeiten wieder ausgeräumt und vergessen, gemeinsam traten die Musiker nun unter der Leitung von Maurermeister Steininger auf.

In der Folgezeit machten sich die Neunburger bei Umzügen und Tanzveranstaltungen einen Namen. Im Zweiten Weltkrieg aber war der Ofen aus: Die jüngeren Musiker mussten an den Fronten kämpfen, den Daheimgebliebenen war die Lust am Musizieren offenbar vergangen.


Neubeginn mit dem "Oudlweiß"

1946 wurden Pauken und Trompeten wieder hervorgeholt: Anton Steiningern, älteren Neunburgern noch bekannt als der "Oudlweiß", trieb den Wiederaufbau der Kapelle voran und fing da an, wo sein Vater vor dem Krieg aufgehört hatte. Von der damaligen Besetzung sind auch noch die Namen überliefert: Neben Anton Kern und Edi Hartinger sowie dem Pinapfel-Schneider musizierten der Postbote Kern vom Bügerl, Richard Braun sowie Hans Vitzthum und die Herren Schneeberger und Probst mit.

Durch die Aufnahme des Flüchtlings Kraus, der beim "Gaggamüllner" in Neunburg untergekommen war, gelangt die Kapelle an einen wahren Schatz böhmischen Notenmaterials. Aber auch der Kirschner-Maler, Karl Weniger sowie Paul Spott sollen in dieser Aufzählung nicht vergessen werden. die Leitung der Blasmusik hat später Karl Reimer von Anton Steininger übernommen. Der Mangel an Nachwuchs stoppte ab 1954 die musikalischen Aktivitäten, die Pfalzgrafenstadt musste über 20 Jahre ohne eigene Kapelle auskommen. Dies gefiel freilich weder den Bürgern noch den Stadtvätern.

Mit der Gründung einer Städtischen Musikschule legten Bürgermeister Josef Manlik und Oberamtsrat Richard Wagner 1972 den Grundstein für eine neue Stadtkapelle. 1978 folgte die Gründung, unter musikalischem Leiter Hermann Süß begann der Aufbau des heute hervorragenen und mehrfach ausgezeichneten Klangkörpers.

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