Neunkirchen von unten

Im evangelisch-lutherischen Pfarramt von Neunkirchen befindet sich der Einstieg zu etwas, das selbst viele der Dorfbewohner nicht kennen: Einen circa 36 Meter langen und engen Fluchttunnel. Zwei Studenten haben nun Großes vor.

Michael Kraus vom Amt für Ländliche Entwicklung zeigt, welches Geheimnis sich unter dem Neunkirchener Pfarramt verbirgt.
von Anne Wiesnet Kontakt Profil

Eine kleine rechteckige Öffnung in der Wand, durch die ein Mensch gerade so passt - das ist der Eingang zu einem verborgenen Tunnel, der im Keller des Neunkirchener Pfarramtes seinen Ursprung hat. Das unterirdische Bauwerk verläuft krumm, um Feinden besser entkommen zu können, berichtet Michael Kraus vom Amt für Ländliche Entwicklung Oberpfalz, das seinen Sitz in Tirschenreuth hat. Der Neunkirchener betreut die zwei Studenten der Fachhochschule in Würzburg, die für ihre Abschlussarbeit der Ortsgeschichte von Neunkirchen auf den Grund gehen.

Und dabei gibt es viel zu entdecken: Der Tunnel, der laut Kraus im Mittelalter gebaut wurde, schließt sich an drei Kellerräume an. Von dort verläuft er in Richtung "Wiengässchen", erzählt er. "Viele wissen gar nicht, dass es ihn gibt, teilweise nicht einmal die Älteren." Die Erbauer hätten den Tunnel damals von zwei Seiten aus mit Hammer und Meisel durch den Lehm gegraben. Ganz zu einem großen Tunnel zusammengefügt haben sich die beiden Gänge allerdings nie. "Sie haben Höhen- und Seitenversatz. Man kann durchschlüpfen, aber es ist kein richtiger Durchgang", weiß Kraus. Der Teil, der von Osten her in Richtung Pfarramt verlaufe, stehe unter Wasser. Faulgase würden zudem das Betreten unmöglich machen.

Möglichkeit für Flucht

Durch den begehbaren, rund 36 Meter langen Teil des Tunnels geht es meist nur gebückt, denn die Decke ist mit rund 1,40 Meter extrem niedrig. In der Mitte verläuft eine Wasserrinne, damit der Tunnel nicht überschwemmt wird. Dort hat sich nun ein wenig Schlamm angesammelt. "In der Rinne kann ich an einer Stelle fast aufrecht stehen", erzählt der 1,70 große Pfarrer Andreas Ruhs, der die Arbeiten unter Tage begleitet. Die Arme seitlich ausstrecken geht dagegen nicht, die Seitenwände sind nur gut 70 Zentimeter von einander entfernt. Genutzt wird der Tunnel heutzutage nicht mehr. "Es ist zu feucht dafür", erklärt Ruhs. Im Mittelalter sei dieser als Möglichkeit zur Flucht gebaut worden. "Es gibt keine Unterlagen zu dem Fluchtweg", berichtet der Pfarrer. Eine Theorie sei jedoch, dass der Tunnel gebaut wurde, als die Ungarn Süddeutschland bedroht hätten.

Zum ersten Mal vermessen

Um die Geschichte vom Neunkirchener Tunnel nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, wollen die beiden Studenten David Hofmeister (22) und Katharina Ernstberger (21) zusammen mit Kraus den Tunnel zum ersten Mal vermessen und die Daten in einem 3-D-Modell festhalten. Dazu brachten sie nun Prismen an Wänden und Decke an, die dann Koordinaten erhielten. Diese brauche schließlich der Vermessungsscanner, der laut Hofmeister im August die eigentliche Vermessung vornehme. "Eine dichte Punktmessung", beschreibt der Student.

Danach folge eine digitale Auswertung. Das Team will so die Kirche von innen und außen sowie das Pfarramt und den Tunnel in einem 3-D-Modell zeigen. Zudem soll überirdisch gekennzeichnet werden, wo genau der Tunnel beim Pfarramt verläuft. Für das Projekt werden die beiden Studenten noch ein Jahr brauchen, bis es komplett abgeschlossen ist, schätzt Hofmeister.

"Ich kann mir vorstellen, dass wir das Projekt beim Dorffest nächstes Jahr vorstellen", sagt Kraus. Und auch Susanne Götte vom evangelisch-lutherischen Dekanat in Weiden, die sich vor Ort über die Arbeiten informierte, hat bereits Ideen. Sie würde sich freuen, wenn der Tunnel zum Beispiel für eine Führung am Tag des offenen Denkmals zur Verfügung stehe. Der unterirdische Gang sei schließlich ein Aushängeschild für Neunkirchen.

Die beiden Studenten Katharina Ernstberger und David Hofmeister überprüfen, ob bei den Vorarbeiten für die Scannervermessung alles passt.
Der Tunnel ist eng. Susanne Götte traut sich trotzdem hinein.

Für Sie empfohlen

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.