19.07.2019 - 14:23 Uhr
Neustadt am KulmOberpfalz

Bürgerinitiative kritisiert Windrad-Pläne im Hessenreuther Wald

Die Bürgerinitiative "Windparkfreie HEIMAT Rund um den Rauhen Kulm (RudRK)" sieht im Hessenreuther Wald Parallelen zum Projekt im Speinsharter Forst. In der Kritik steht vor allem die Energiegenossenschaft Neue Energien West.

Die Alarmglocken schrillen bei der BI "Windparkfreie HEIMAT Rund um den Rauhen Kulm (RudRK)". Vor-Ort-Termin des Steuerungsgremiums um BI-Sprecherin Bettina Stickling, Hermann Preißinger, Melanie Herrmann, Andreas Hader, Heidi Schaeffler, Peter Stickling, Berthold Bergner, Winfried Hübner; Karlheinz Schultes und Gerd Neubauer (von links).
von Autor HAIProfil

Der Wirbel um Planskizzen der Firma NES und der Grafenwöhrer Energiegenossenschaft Neue Energien West (NEW) für 13 Windkrafträder auf dem Höhenrücken des Hessenreuther Walds haben bei der Bürgerintiative "Windparkfreie HEIMAT Rund um den Rauhen Kulm (RudRK)" die Alarmglocken läuten lassen.

"Dieses identische Vorgehen genau wie bei den Planungen des Windparks westlich des Rauhen Kulms hinter dem Rücken der Bürger und vorbei an den Kommunen haben uns in unserem mit Misstrauen gegenüber der Energiegenossenschaft und ihres NEW-Geschäftsführers Bernhard Schmidt bestätigt", sagt Karlheinz Schultes.

"Wir werden mit Argusaugen weiter auf der Hut sein und mit den Bürgern und Gemeinden alle rechtlichen Mittel ausschöpfen, die Region um unser Natur- und Kulturdenkmal Rauher Kulm vor gewinnorientierten Investoren zu schützen", bekräftigte BI-Sprecherin Bettina Stickling bei einer Sondersitzung des Steuerungsgremiums.

Zuvor hatten sich die Mitglieder auf der Ramlesreuther Höhe an der Schnittstelle der Gebietsgrenze der drei Gemeinden Speichersdorf, Speinshart und Neustadt am Kulm dort zu einem Termin getroffen. Drei Windkrafträder mit je 250 Meter plant die NEW auf Speichersdorfer Gebiet, zwei weitere in der Speinsharter Enklave und ein Windrad im Staatsforst. Noch im Mai hatte NEW-Vorstand Johann Mayer und das Planungsbüro aus Bayreuth Grundstücksverhandlungen mit Ramlesreuther Grundbesitzern geführt. Entgegen allen Versprechungen des NEW-Geschäftsführers Bernhard Schmidt erfolgte bis heute keine Bekanntgabe der Ergebnisse des Artenschutzgutachtens (SAP). "Diese Information ist überfällig", warf Stickling ihm vor.

Die NEW haben immer nur damit vertröstet, dass sich der Abschluss bis in den Monat März 2019 hinziehe. Passiert sei seitdem nichts. Laut des Geschäftsführers Schmidt liegen die Windparkplanungen nur auf Eis. Immer noch steht eine öffentliche Erklärung des NEW-Vorstands aus, die Planungen zu stoppen und das Projekt einzustellen.

Wie Stickling eingangs berichtete, hatten sich Mitglieder der Bürgerinitiative Windparkfreie Heimat – Rund um den Rauhen Kulm solidarisch an der Familienwanderung des Vereins VLAB (Verein für Landschaftspflege und Artenschutz) im Hessenreuther Wald mit der Waldabteilung „Silberschlag“ als Ziel beteiligt. "Mit über 150 Teilnehmern ein erster großer Erfolg", bilanzierte die Sprecherin. Unvermindert halte der Widerstand aus der Bevölkerung rund um den Rauhen Kulm gegen die NEW Energie und ihr Projekt "Windpark Frankenpfalz" mit Windrädern mit einer Höhe von 246 Metern an, so Stickling.

Wie eine Zwischenbilanz der von Heidi Schäffler und Melanie Herrmann koordinierten Unterschriftenaktion der Bürgerinitiative zeige, sei aktuell die Zahl der Unterschriften auf 1596 angewachsen. Die Resonanz zuletzt am Infostand beim Gewerbefest in Speichersdorf sei enorm gewesen, sagte Herrmann. "Die Menschen erkennen auch hier, wie wichtig es ist, ihre Heimat zu schützen", richtete Schäffler ihren Dank an die Bevölkerung. Wertvolles gehe verloren. Sei es allein aus der Sicht des seit 2013 zum Naturwunder ernannten Basaltkegels Rauher Kulm, bei dem aktuell ein Infozentrum für Tourismus entsteht. Sei es aus der Sicht des Natur- und Artenschutzes sowie des ebenso erhaltenswerten 1000 Hektar umfassenden Staatsforstgebietes und des Speinsharter Forstes zwischen Franken und der Oberpfalz als Naherholungsgebiet des Menschen.

Die Parallelen der Planungen und Vorgehensweise vom grünen Tisch aus hinter verschlossenen Türen und vorbei an der Bevölkerung zwischen dem Hessenreuther Wald und dem Rauhen Kulm seien frappierend, erläuterte Karlheinz Schultes. "Hier wie dort fanden und finden naheliegende Anwohner bei der Standortwahl der geplanten Windkraftanlagen keine Beachtung." Hier wie dort wurden die Gemeinde- und Stadtratsgremien übergangen. Uneingeschränkt unterstützt deshalb die Bürgerinitiative die Forderung der Stadt- und Gemeindevertreter aus den drei angrenzenden Gemeindegebieten Erbendorf, Pressath und Kemnath, dass die Gremien und die Bürger bei der Entscheidung mit eingebunden werden, erläuterte Andreas Hader. Erst bei der diesjährigen Bürgerversammlung im Frühjahr in Speinshart hatte Bürgermeister Albert Nickl betont: „Gegen den Willen der Betroffenen sind 250 Meter hohe Windräder nicht durchsetzbar.“

Dazu komme, erklärte Berthold Bergner, dass ein inakzeptabler Abstand von lediglich 700 bis 900 Meter zur nächstgelegenen Wohnbebauung bei Windradgiganten von 246 Metern die Lebensqualität zahlreicher Anwohner massiv beeinträchtigen würde. Dauerhaft hörbarer Lärm, entstehender, nicht hörbarer, gesundheitsschädlicher Infraschall, dessen Wellen zehn bis 20 Kilometer und mehr messbar sind, Entfremdungsgefühl sowie einen deutlichen Wertverlust der eigenen Immobilie, zunehmender Bevölkerungsschwund seien nur einige nennenswerte Beeinträchtigungen, erläuterte er. Der Arzt stellte auch die Frage ob die geltende 10-H-Regelung reiche. Diese besagt, dass Windkraftanlagen einen Mindestabstand vom zehnfachen ihrer Höhe zu Wohngebäuden in Gebieten mit Bebauungsplänen, innerhalb im Zusammenhang bebauter Ortsteile und im Geltungsbereich von Satzungen einhalten müssen.

Inakzeptabel sei zwischenzeitlich auch, dass die Kommunen weitgehend rechnerisch energieautark seien, sagte Peter Stickling. Das bedeute es werde mehr Strom produziert wie vor Ort verbraucht wird. Die Hauptenergienutzer in den Ballungszentren München oder Regensburg würden ihre Energiegewinnung selbst in die Hand zu nehmen. "Auf keinen Fall darf dies zu Lasten der Landbevölkerung durch monströse Industrieanlagen in Wald und Flur erfolgen", meinte er. Im Portfolio der regenerativen Energien müssten Energieeinsparung und Speichermedien viel stärker forciert werden, forderte er.

Info:

Unter dem Motto "Bürgernähe durch Aufklärung" intensiviert die Bürgerinitiative "Windparkfreie HEIMAT Rund um den Rauhen Kulm (RudRK)" ihre Aktivitäten. Das BI-Steuerungsgremien beschloss die Präsenz bei verschiedenen Veranstaltungen in der Region bis Jahresende. Als nächstes beim Bürgerfest in Neustadt am Kulm. In Vorbereitung befindet sich eine Vortragsreihe zu gesundheitlichen Risiken in Zusammenarbeit mit Internisten und Schall-Experten. "Infraschall und daraus hervorgehende Krankheiten müssen publik gemacht werden", so Dr. Bergner. Vorgestellt werden unter anderem die Ergebnisse der neuesten Studie der Deutschen Schutz-Gemeinschaft Schall für Mensch und Tier zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen von Anwohnern durch den Betrieb von Windenergieanlagen in Deutschland anhand von Falldokumentationen. Ende August treffen sich Vertreter der BI "Windparkfreie HEIMAT Rund um den Rauhen Kulm (RudRK)" und der Bürgerinitiative Vogelherd Vernunftkraft Franken zu einem Strategie- und Kooperationsgespräch. Im September ist die BI eingeladen zu einem Treffen der Fränkischen Bürgerinitiativen. Initiiert wird ein Informationsaustausch mit den Betroffenen aus dem Hessenreuther Wald in Zusammenarbeit mit dem Landesbund für Vogelschutz und dem Verein für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern. Bei einem Filmabend im Herbst wird die brisante Kino-Doku von Journalist und Filmautor Jörg Rehmann zur Energiewende "End of Landschaft - wie Deutschland das Gesicht verliert" gezeigt. Weitere Informationen bei Bettina Stickling, Telefon 09205/1446.

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