23.11.2018 - 12:29 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Bei Depression: Virtuelle Hilfe aus der Dose

Alexa, ist es kalt draußen? Alexa, spiele Robbie Williams. Anhänger von Home-Entertainment genießen solche technischen Spielereien. In der Region arbeiten Tüftler nun daran, so einen sprachgesteuerten Assistenten in der Medizin einzusetzen.

Michael Mark, Heike Kraus und Luis Geißler (von links) von der OTH Weiden präsentieren einen ersten Entwurf ihres „Munchkin“. Zum Entwicklerteam des sprachgesteuerten Assistenten gehören ferner Bilel Said, Zeineb Ben Salah und Yuliya Helwig.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Ihre Zielgruppe: Menschen mit psychischen Leiden wie Depressionen. Anfang Mai veranstalteten der Landkreis Neustadt und die OTH Weiden einen zweitägigen "Hackathon" an der Hochschule. Rund 50 angehende oder ausgebildete Ingenieure, Entwickler oder Bastler aus den Bereichen IT, Medizin, Pflege oder Pharma nahmen daran teil. Angeleitet wurden sie von 37 Coaches.

Ihre Aufgabenstellung: Wie kann die Zukunft der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum aussehen? Aus dieser Ideenwerkstatt soll nach dem Willen eines halben Dutzend kreativer Köpfe eine Unternehmensgründung hervorgehen. Wie das Start-up heißen soll, ist noch völlig unklar. Das Produkt zeichnet sich aber jetzt schon ab.

Es ist eine Art "Alexa", eine große, mit dem Internet verknüpfte Dose wie sie der Online-Riese Amazon millionenfach in Wohnzimmer liefert. Der Arbeitsname der "Hackathon"-Tüftler heißt "Munchkin". Diese Bezeichnung hat allerdings auf dem Markt keine Chance. "Munchkins" sind hilfreiche Zwerglein aus dem Kinderbuch "Der Zauberer von Oz" und dürften daher so etwas wie Markenschutz genießen.

Mediziner als Berater

Das Szenario für das Fallbeispiel hat Ärztlicher Leiter Dr. Markus Wittmann vom Bezirksklinikum Wöllershof entworfen (siehe Infokasten). Die Lösung hat eine Handvoll junger Leute erarbeitet, die sich beim "Hackathon" zum Teil das erste Mal gesehen hat: zwei Audi-Mitarbeiter aus Ingolstadt sowie Studenten der OTH Weiden aus Berlin, München und der Oberpfalz. Für ihre Idee gewannen sie beim "Hackathon" den Publikumspreis.

Darum geht's: Ein Psychiatriepatient hat gerade die stationäre Behandlung im Krankenhaus hinter sich, muss sich aber noch gedulden, bis er einen ambulanten Therapieplatz bekommt. "Diese Schnittstelle müssen wir verbessern, ohne dass es dabei zu großen Brüchen kommt. Das geht entweder kostenintensiv mit mehr Personal oder mit technischen Möglichkeiten", sagt Markus Wittmann. Da kommt der "Munchkin" ins Spiel. Er soll Krankheitsverläufe dokumentieren und Signale geben, erklärt der Psychiater.

Therapeut unersetzbar

Der Mediziner bekommt somit Informationen, wie es dem Patienten geht, und der Patient soll erfahren, ob er umgehend Hilfe aufsuchen soll oder ob alles vorerst in Ordnung ist. So kann der "Munchkin" den Patienten fragen, ob er heute schon seine Medikamente genommen hat. Oder das Gerät springt als Ersthelfer ein, wenn der Mensch morgens um drei aus einem Alptraum aufwacht und niemand hat, den er anrufen kann. Dann kann der "Munchkin" besänftigend auf ihn einwirken: Beruhige dich, erinnere dich daran, wann du zuletzt gut geschlafen hast.

An solchen Algorithmen arbeitet ein Entwicklerteam um den Audi-Software-Spezialisten Bilel Said. "Später wollen wir das mit einer künstlichen Intelligenz ergänzen. Das Gerät soll vom Patienten lernen", erklärt der Deutsch-Tunesier.

Zum Team an der OTH Weiden, das sich fast wöchentlich trifft, gehört Luis Geißler, Medizintechnikstudent aus München. "Wir wollen und können keinesfalls den Therapeuten ersetzen, aber eine Art Fallschirm sein, der den Patienten im akuten Fall auffängt", sagt er.

Der vielzitierte Facharztmangel auf dem Land ist damit nicht aufzuheben, winkt Wittmann ab. "Wir sind in der Nordoberpfalz im psychiatrischen Bereich auch nicht so schlecht versorgt, aber die Fallzahlen steigen ständig."

Bis dabei ein "Munchkin" eingreifen kann, können nach Ansicht von Wittmann und Geißler noch vier bis fünf Jahre vergehen. Geißler kann sich vorstellen, sich mit dem Produkt und einigen Kommilitonen selbstständig zu machen. Eine Weiterentwicklung wäre der Einsatz bei Einsamkeit im Alter.

Investoren gesucht

Momentan ist die Psycho-Alexa aber noch im Stadium des "Minimum viable Product", eine Art Prototyp des Prototypen. Damit es weitergeht, ist Geld notwendig. Um potenzielle Investoren zu überzeugen, gehen die OTH-Studenten mit ihrer Idee bei verschiedenen Wettbewerben ins Rennen, etwa dem renommierten "Medical Valley Award". Ferner bewerben sie sich um ein "Exist"-Gründerstipendium des Bundeswirtschaftsministeriums.

Die Signale aus der Region stimmen hoffnungsvoll, sagt Luis Geißler. Sparkassenvorstand Ludwig Zitzmann, die Klinken Nordoberpfalz AG und natürlich OTH-Professoren hätten nach dem "Hackathon" schon Interesse signalisiert. Gut möglich, dass an der OTH Bachelor-Arbeiten dazu entstehen. Wittmann hat den Studenten in Aussicht gestellt, ihnen eine Masterandin zur Seite zu stellen, die aus medizinischer Sicht die "Munchkin"-Gesprächsprotokolle ausfeilt.

Bis zur Marktreife ist der Weg aber noch lang. Medizinische Tests an Probanden und vor allem der Datenschutz sind hohe Hürden. Letzterer liegt dem Team um Geißler sehr am Herzen. "Da kann man nicht mit Google Open Source arbeiten." Daher ist die Verschlüsselung der Patientendaten ein großes Thema. "Wir wollen uns deswegen zunächst auch von Smartphones und den Datenkraken darauf ziemlich fernhalten."

Das Fallbeispiel:

Die 45-jährige Michaela ist Führungskraft bei einem Global Player in der Oberpfalz. Als zweifache Mutter steht sie nicht nur beruflich unter Druck, sondern muss sich auch um ihre beiden Kinder kümmern. Die Eltern sind weit über 70 und benötigen ebenfalls eher mehr als weniger Aufmerksamkeit.

Nach Jahren der Dauerbelastung hält Michaela dem Druck nicht mehr stand, sie erleidet einen schweren Burnout und muss sich stationär behandeln lassen. Nachdem sie aus der Behandlung entlassen wurde hat sie Probleme, sich wieder in ihrem sozialen Umfeld zu integrieren. Die Nachbehandlung kann nicht nahtlos erfolgen, es gehen Monate ins Land, bis Termine bei niedergelassenen Psychiatern und Therapeuten verfügbar sind.

Michaelas Arbeits- und Familienalltag kann darauf keine Rücksicht nehmen, bald steckt sie wieder in der Tretmühle. Sie erleidet einen Rückfall und muss erneut stationär behandelt werden, der klassische Drehtüreffekt des wiederkehrenden Patienten stellt sich ein. (phs)

Für Sie empfohlen

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.