19.09.2019 - 15:03 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Für Wasserstoff im Landkreis Neustadt/WN Gas geben

Das Bundesverkehrsministerium hat den Landkreis Neustadt in den Rang einer von nur neun deutschen "Wasserstoffregionen" erhoben. Doch bevor das richtig sichtbar wird, vergehen noch einige Jahre. Doch der Fahrplan dazu liegt schon vor.

Der Fahrer eines Mercedes F-Cell füllt sein Auto an einer Wasserstofftankstelle. Die mit dieser Antriebsart beschäftigten Mitarbeiter des Landratsamts und der OTH könnten sich so ein Szenario in einigen Jahren zum Beispiel in der Nähe von großen Photovoltaikanlagen oder an der A 6 vorstellen.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Anders als andere Energieprojekte - von der Biotonne über Windkraft bis zu den Stromtrassen, - löst die sogenannte "HyLand-Initiative" im Kreisausschuss quer durch die Parteien Euphorie aus. Größere Maßnahmen mit einer stattlichen Anzahl Wasserstoff-Autos auf den Straßen oder Wasserstoff-Biogasanlagen seien aber erst 2015 zu erwarten.

2020 ist das Jahr des Konzeptes. Dabei sollen regionale Akteure wie Forschungsteams, Energiegenossenschaften und Unternehmen eingebunden werden. Die Ergebnisse dazu werden 2021 präsentiert. Daraus sollen erste konkrete Schritte abgleitet werden. 2022 könnten erste Reallabore mit lokalen Akteuren entstehen. 2023 steht ein Monitoring, sprich eine Bilanz dieser Maßnahmen, an. Danach beginnt der Umbau zur Modellregion richtig, erklärte Landrat Andreas Meier. Über Fördersummen ist noch nichts bekannt.

Die Projektskizze mit der die Wirtschaftsförderer des Landkreises im Scheuer-Ministerium das Rennen gemacht haben, liegt inzwischen vor. Sie wirbt mit folgenden Standortvoraussetzungen:

Das dünn besiedelte Gebiet kann vom Aufbau dezentraler Strukturen nur profitieren. Dies könnte den ÖPNV und die Energieversorgung allgemein betreffen. Dabei könnte man Wasserstoff aus dem hohen Energieverbrauch regionaler Firmen beziehen, die bislang noch nicht an die öffentliche Gasinfrastruktur angeschlossen sind.

In Teilbereichen dominieren im Landkreis noch teure und umweltschädliche Energiequellen wie Heizöl.

Die verkehrsgünstige Lage an der Ost-West-Transitachse Tschechien-Frankreich ermöglicht den Aufbau von Wertschöpfungsketten, etwa von Wasserstofftankstellen. Neue Konzepte bei Baxi oder ÖPNV und Biomüllvergärung könnten mit der Wasserstofftechnologie von Anfang an verzahnt werden, ohne gewachsene Strukturen dabei erst umzubauen. Die Bevölkerung ist neuen Techniken gegenüber aufgeschlossen, was etwa die lokalen Energiegenossenschaften beweisen. An der OTH Amberg-Weiden und ihren Instituten wird seit 25 Jahren zu erneuerbaren Energien und Energieeinsparung geforscht.

Dass der Landkreis bei seiner Bewerbung sogar die Metropolregion Nürnberg ausgestochen hat, quittierte Gerald Morgenstern (CSU) mit "Glückwunsch". Auch Klaus Bergmann (Grüne) findet die Initiative gut: "Wir müssen aber darauf achten, Wasserstoff nicht aus Öl oder Erdgas, sondern aus erneuerbaren Energien zu gewinnen." Barbara Kindl (ÖDP) schwärmt davon, dass nun auch in das Thema der Bioabfallverwertung vor Ort wieder Bewegung kommt. Landrat Meier will dazu erneut mit seinem Tirschenreuther Kollegen Wolfgang Lippert und Weidens Oberbürgermeister Kurt Seggewiß sprechen.

Anwendungsfelder für die neue Technik:

Wie kann Wasserstoff ein wichtiger Bestandteil der Energieversorgung im Landkreis werden? In Zusammenarbeit mit dem Institut für Energietechnik der OTH sind Ansätze in folgenden Punkten denkbar:

Nahverkehr

Das Landratsamt könnte sich vorstellen, dass das vor der Einführung stehende Anruf-Baxi mit Wasserstoff angetrieben mittelfristig wird. Das könnte die Neugier und die Akzeptanz der neuen Technologie in der Bevölkerung steigern.

Wasserstoffzellen

Für bisher noch nicht mit öffentlichen Gasnetzen erschlossene Gebiete im Landkreis könnten lokale Wasserstoffzellen eine Alternative sein. Dies wird als vordringlich eingeschätzt, da etwa für die Industrie fast nur teures und umweltunfreundliches Heizöl als Energieträger zur Verfügung steht.

Standorte

Um Power-to-Gas-Anlagen und Wasserstoff-Zwischenspeicher zur Aufnahme von Stromüberschüssen aus erneuerbaren Energien und zur Sektorkopplung einzurichten, könnten die großen Photovoltaik-Standorte im Landkreis ausgebaut werden. Dabei könnten die Betreiber dieser Anlagen auch öffentlich zugängliche Wasserstoff-Tankstellen betreiben. Auch Genossenschaftsmodelle wären denkbar. Zu Beginn bietet sich dabei eine Zusammenarbeit mit Flottenbetreibern wie Bauhöfen oder örtlichen Firmen als gesicherten Abnehmern an. Wasserstoff bietet überdies eine Perspektive für die vorhandene Infrastruktur nach Auslaufen der EEG-Förderung.

Abnehmer

Hauptabnehmer wären große Industriebetriebe, vor allem solche, die mit Glas arbeiten. Sie bräuchten bis zu drei Trailer Wasserstoff pro Tag. In der Vergangenheit wurde der Wasserstoff selbst per Elektrolyse hergestellt. Daran könnte die Wasserstoffregion Neustadt anknüpfen.

Biomüllverwertung

Es gibt bereits mikrobakterielle Verfahren zur Vergärung, die mit Wasserstoff koppelbar sind. Das dabei entstehende CO2, das oft ungenutzt entweicht, wird dabei mit Wasserstoff aus der Elektrolyse zu Methan umgesetzt. Dieses Methan könnte ins Gasnetz eingespeist oder in Erdgas-Autos getankt werden.

Infrastruktur

Mittelfristig könnte sich Wasserstoff als Antriebsalternative für den Schwerlastverkehr entlang der Autobahn entwickeln. Das bietet sich vor allem für den bislang vergleichsweise wenig befahrenen Abschnitt der A 6 im Landkreis an, an dem sich andere Konzepte, wie etwa elektrifizierter Lkw-Verkehr über Oberleitungen nicht lohnen. (phs)

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