Neustadt an der Waldnaab
04.07.2022 - 15:21 Uhr
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H wie Hoffnung und Wasserstoff: Landkreis Neustadt/WN tüftelt an der Energiewende

Wasserstoff gilt als hoffnungsvoller Energielieferant der Zukunft. Doch wann beginnt diese Zukunft? Antworten soll der Landkreis Neustadt/WN geben. Dort könnte frühestens in zwei Jahren bereits ein Wasserstoffbus fahren.

Traditionshandwerk trifft auf Hightech: Die Bamberger Mälzerei Weyermann setzt auf Energie aus einem Wasserstoff-Blockheizkraftwerk zur Strom- und Wärmeerzeugung, Bild: IfE GmbH
Traditionshandwerk trifft auf Hightech: Die Bamberger Mälzerei Weyermann setzt auf Energie aus einem Wasserstoff-Blockheizkraftwerk zur Strom- und Wärmeerzeugung,

Die Hintergründe für Streit um die sinnvollste Energieform sind hinlänglich bekannt: Öl und Kohle zehren am Klima, Gas gilt als Treibstoff für politische Erpressungen, Standorte für Sonnenkollektoren und Windräder stoßen vielerorts auf Widerstände. Kann Wasserstoff (chemisches Element H) ein Ausweg sein? Neun Modellregionen in Deutschland sollen das nach dem Willen des Bundesverkehrsministeriums ausloten. Eine davon ist der Landkreis Neustadt.

Der bekam vor kurzem 400 000 Euro aus Berlin, um eine einjährige Machbarkeitsstudie zu erstellen. Eine zentrale Rolle spielt bei diesem Thema der Raum Mantel/Weiherhammer. Erstens, weil dort viele Speditionen ansässig sind, deren Flotten eines Tages für einen Wasserstoffantrieb infrage kommen könnten. Zweitens, weil dort neben der BHS mit Pilkington ein Unternehmen als Wasserstoffverbraucher Interesse hat, den Energieträger vor Ort herzustellen. Drittens, weil dort viel Photovoltaik vorhanden ist, aus der grüner Wasserstoff, sprich Wasserstoff, der nicht aus fossiler Verbrennung stammt, produziert werden kann. Viertens, weil auf der ehemaligen Deponie Kalkhäusl eine Biovergärungsanlage geplant ist, die ebenfalls Wasserstoff liefern kann.

Tankstelle für Busse und Lkw

Erstes sichtbares Zeichen, was sich im Landkreis in Sachen Wasserstoff tut, soll eine H-Tankstelle werden. Wirtschaftsförderin Barbara Mädl, die das Projekt am Landratsamt federführend betreut, rechnet damit, dass die Tankstelle Ende 2023/Anfang 2024 in Betrieb gehen könnte. "Wir prüfen dazu derzeit drei bis vier Standorte." Kriterien wären, dass die Zapfstelle für Linienbusse und Lastwagen günstig gelegen wäre, dazu gehöre eventuell die Autobahnnähe. Mit an Bord sind bei der Modellregion daher auch Firmen wie Wies und Bergler.

Die technische Seite der Studie betreut das Institut für Energietechnik (IfE) an der OTH Amberg um Professor Raphael Lechner. Er findet eine H-Tankstelle samt Erzeugungsanlage daneben vor allem für den ÖPNV im Landkreis interessant. "Die Reichweite dieser Busse ist ähnlich wie beim Diesel, 300 bis 400 Kilometer. Und es gibt gute Förderprogramme des Bundes, die federn die Mehrkosten ab."

Busunternehmer Wolfgang Wies aus Weiden bremst zu hohe Erwartungen: "Frühere Programme, etwa für Elektrobusse, waren innerhalb von Stunden ausgeschöpft. Und es kamen fast ausschließlich kommunale Betreiber zum Zug." Das ist ein Grund, warum bislang in und um Weiden keine E-Busse fahren. Hinzu kommt: Omnibusse werden in Kleinserie hergestellt und haben lange Lieferzeiten. Schon bei einem herkömmlichen Dieselmodell dauert das ungefähr ein Jahr. Dann der Preis: Ein gewöhnlicher Niederflurbus kostet rund 250 000 Euro, ein H-Bus 650 000.

"Doch das größte Problem ist die Fahrzeugverfügbarkeit", räumt Barbara Mädl ein, die mit drei bis fünf Jahren rechnet, bis einige Teile des ÖPNV mit Wasserstoff im Kreisgebiet unterwegs sind. Um Fuhr- und Busunternehmen den Umstieg schmackhaft zu machen, soll die H-Studie auch einen Einkaufspool für Fahrzeuge ausloten.

Berufsanfänger anders ausbilden

Ein weiteres Thema in Zusammenarbeit mit dem Ausbildungszentrum ÜBZO in Weiherhammer ist die Berufswelt im Zeichen des großen H. Das ÜBZO soll Weiterbildungsmodule entwickeln, damit sich etwa Kfz-Mechatroniker oder Beschäftigte an Tankstellen mit der neuen Technologie auskennen.

Davor stehen jedoch ganz praktische Hürden, etwa: Wie kommt der Wasserstoff zur Tankstelle? Für die industrielle Nutzung wie beim Großverbraucher Pilkington braucht es wahrscheinlich das öffentliche Netz gar nicht, meint Professor Lechner. "Wir schauen uns auch mal an, inwiefern wir das Erdgasnetz nutzen können." Es sei nicht schlecht, Elektrolyseanlagen dort zu bauen, wo man in das Gasnetz einspeisen könne. Als Einspeiser seien auch Bürgerenergiegenossenschaften wie Zeno oder die NEW West willkommen, ergänzt Mädl.

Priorität hat laut Lechner aber erst einmal das Thema Wasserstoff und Verkehr. Ein eigenes H-Netz aufzubauen, ergibt aus seiner Sicht derzeit wenig Sinn. Für die Oberpfalz ebenfalls interessant ist die Umwandlung von Biogas (Methan) in Wasserstoff. In elf Monaten soll die Studie vorliegen. Dann ist es eventuell erstmals soweit, über die zeitliche Umsetzung all dieser Pläne zu sprechen. Um die Bürger näher darüber zu informieren wollen sich Barbara Mädl und ihre Mitstreiter im Juli oder August mit einem H-Infostand in Weiden präsentieren.

Hintergrund:

Wie wird aus Wasserstoff Energie?

  • Das Verfahren heißt Elektrolyse. Dabei wird Wasser (H2O) in die Bestandteile Sauerstoff (O) und Wasserstoff (H) aufgespalten.
  • Erwünscht ist "grüner" Wasserstoff: Dabei kommt der Strom für die Elektrolyse aus erneuerbaren Energien. Der Strom kann gespeichert werden, vorzugsweise im Untergrund unter hohem Druck. Überschüssiger Sauerstoff entweicht klimaneutral oder wird wiederverwendet.
  • Strom aus Wasserstoff kann durch Rückverstromung mittels Wasserstoff-Brennstoffzelle (umgekehrte Elektrolyse) erfolgen. Der Wasserstoff kann auch in einem Gaskraftwerk zu Strom werden. In beiden Fällen fällt nutzbare Wärme an. Rückverstromung ist in Kraftwerken oder in elektrisch angetriebenen Bussen oder Lastwagen möglich.
  • Quelle: https://www.swb.de/ueber-swb/swb-magazin/swb-insider/wasserstoff
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