16.01.2019 - 16:39 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Handelsplatz für blondes Haar

Neustadt hat sein 800-jähriges Bestehen gefeiert. Dabei stützte es sich auf eine Urkunde. Die enthält kein Geburtsdatum. Ein Neustädter glaubt deshalb, dass auf dem Gneisfelsen zwischen Naab und Floss schon viel länger Menschen wohnen.

Roland Gröger ist überzeugt, dass Neustadt bereits zur Römerzeit besiedelt war und an einer Handelsroute lag, über die Tauschgeschäfte mit dem Germanenstamm der Hermunduren abgewickelt wurden.
von Uwe Ibl Kontakt Profil

Roland Gröger hat das Allgäu und England gesehen. Er entdeckt Spuren der Römer und Kelten, wo andere nur Wald, Wiesen oder Häuser sehen. "Jeden Tag bin ich den Schulberg hinauf zum Gymnasium und habe überlegt, dass Regensburg gar nicht weit weg ist", erinnert sich der ehemalige Englisch- und Lateinlehrer an seine aktive Zeit als Pädagoge. Die Donau bei Regensburg bildete früher die Grenze des römischen Reiches. "Es kann nicht sein, dass die Römer nicht hierhergekommen sind", lautet eine weitere Überlegung des heute 73-Jährigen. Seine erste These ging von militärisch, strategischen Überlegungen aus, warum die Römer das Naabtal gen Norden genutzt haben könnten.

Im Lauf der Jahre entwickelte Gröger eine Hypotheses über die Vorgeschichte der heutigen Kreisstadt, die eher eine Bedeutung für den Handel gehabt haben könnte. Als Beleg verweist der Lateiner auf Tacitus. Der Geschichtsschreiber erwähnt in seiner auf das Jahr 98 nach Christus datierten Schrift "Germania" den Stamm der Hermunduren. Von denen wurde 40 Kilometer nördlich von Erfurt auf halber Strecke zum Harz eine Siedlung entdeckt.

Dort steht heute das Freilandmuseum Funkenburg. Nach Tacitus gab es enge Kontakte der Römer mit den Hermunduren. "Es ist schwer zu sagen, ob und wann sie in Thüringen oder sogar in Böhmen waren", so Gröger Das Verhältnis zwischen Römern und Hermunduren ist nach Tacitus loyal. Sie seien die einzigen Germanen, die nicht nur an der Grenze mit den Römern Handel trieben, sondern auch tief in deren Gebiet. "Überall und ohne Bewachung kommen sie herüber und während wir den übrigen Stämmen nur unsere Waffen und unsere Militärlager zeigen, haben wir ihnen unsere Häuser und Bauernhöfe gezeigt, obwohl sie es nicht verlangt haben", zitiert Gröger den römischen Historiker.

Verweis auf Bernsteinstraße

Der Fund einer römischen Münze aus dem dritten Jahrhundert in Wernberg ist ein Beleg für den Neustädter, dass die Römer, wie üblich entlang der Flüsse unterwegs waren und so auch naabaufwärts kamen. Gröger geht davon aus, dass die Verbindung auf weit älteren Wegen von der Donau über das Naab- und Saaletal aus zur Funkenburg verlief. Zwar ist es zum Rhein kürzer, aber topografisch ist die Strecke ungleich schwieriger zu finden und zu bewältigen. "Außerdem lag den Römern lange der Schrecken der Varusschlacht in den Knochen."

Gröger verweist auf den Regensburger Altstraßenexperte Professor Dietrich Manske, der ebenso wie der Altenstädter Heimatforscher Jörg Krämer und Stefan Wolters vom Geschichtspark Bärnau davon ausgeht, dass die mittelalterliche Handelsrouten auf viel ältere Wege wie in der Region die bis zur Ostsee reichende Bernsteinstraße zurückgehen.

Der Hügel, auf dem Neustadt thront, war von Osten leicht zugänglich. An allen anderen Seiten fällt er schroff ab. Aufgrund dieser Topographie ist er leicht zu verteidigen, in friedlicher Absicht aber auch leicht zu erreichen. Vorstellbar ist für Gröger eine Besiedelung etwa durch den keltischen Stamm der Naristen. "Die Kelten waren bekannt dafür, dass sie sich mit Vorliebe auf Hügeln niederließen und diese mit Palisadenzäunen befestigten", so der Neustädter.

Er vermutet, dass sich die Händler mit den Bewohnern des Stadtberges arrangiert haben. "All dieses würde bedeuten, dass Neustadt an der Waldnaab schon 1200 Jahre vor der urkundlichen Erwähnung einen Vorläufer hatte entweder in Form einer keltischen Siedlung oder aber als immer wieder von Händlern oder römischen Soldaten aufgesuchter provisorischer Rastplatz.

Warum gibt es davon keine Funde oder Spuren? Häuser wurden damals aus Holz und Lehm gebaut, wieder weggeräumt und dann immer wieder überbaut und versiegelt. "Man würde einfacher eine Nadel im Heuhaufen finden als etwa Lehm oder Kohle, Scherben oder Münzen aus dieser Zeit." Aber die Frage müsse man sich einfach stellen, was die Kelten und Römer mit so einem Bergsporn machten. "Die hätten ihn sicher nicht ungenutzt lassen", ist sich Gröger, der Latein sogar fließend spricht, sicher.

Auf Glücksfund hoffen

Nun hofft der pensionierte Pädagoge auf mögliche Beweise seiner Hypothese, dass die Hermunduren mit Bernstein, blondem Frauenhaar und Pelzen über den Gneishügel, der heute Neustadt beherbergt, nach Süden zogen und dann mit eingtauschten Eisenwaren wieder zurückkehrten. Erfolgversprechender als zufällige Münz- oder andere Funde hält der Lateiner die Luftbildarchäologie oder moderne chemische Methoden .

So hat man durch Messungen des Posphorgehalts, der durch die Überreste von 20 000 Toten auch heute noch auffällig im Boden nachzuweisen ist, den Ort der Varusschlacht im Teutoburger Wald verifiziert. Gröger: "Vielleicht vermitteln die Hinterlassenschaften der Maultiere und Pferde eine Spur vom ehemaligen Verlauf der alten Wege im Naabtal." Schließlich habe man auch von Hannibals vermutlichem Zug mit den Elefanten über die Alpen erst vor wenigen Jahren Kotspuren der Tiere gefunden.

Zu Wasser und zu Land:

Die Karawanen, die zur Römerzeit von Regensburg, das die Kelten Radaspona oder Ratisbona nannten, zogen entlang der Naab an dem schmalen, halbwegs trockenen Saum zwischen Fluss und dem Fuß der bewaldeten Hügel entlang nach Norden. Roland Gröger stellt sie sich als Mischung aus römischen und keltischen Händlern sowie bewaffneten römischen Soldaten vor. Letztere waren nicht nur zum Schutz dabei, sondern auch, um das Land auszukundschaften.

Es ist überliefert, dass die Naab bis Nabburg schiffbar war. Stefan Wolters vom Geschichtspark Bärnau meint, dass der Fluss bis Neustadt befahrbar gewesen sei. (ui)

Vielleicht vermitteln die Hinterlassenschaften der Maultiere und Pferde eine Spur vom ehemaligen Verlauf der alten Wege im Naabtal.

Roland Gröger

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