08.11.2019 - 13:54 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Lesen lieben lernen

Deutschland ist eines der wirtschaftsstärksten Länder der Erde. Auch im Landkreis Neustadt gibt es so wenig Arbeitslose wie noch nie. Doch an einigen Stellen hapert es an grundlegender Bildung, etwa beim Lesen. Ein neuer Verein soll nun gegensteuern.

So sieht das Ideal sämtlicher Bildungspolitiker aus: Der Tochter wird von der Mutter schon im Kleinkindalter die Freude am Lesen vermittelt. Damit ist es aber auch im Landkreis oft nicht allzu weit her, beweist eine Studie.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Noch im Dezember ist geplant, dass sich im Landkreis ein Lesementorenprojekt unter dem Dach eines Bundesprogramms gründet. Der Hintergrund ist unerfreulich. In Deutschland galt laut einer internationalen Studie aus dem Jahr 2016 jedes fünfte Kind in einer vierten Klasse beim Lesen als "leistungsschwach". "Schulleiter und Lehrkräfte aus der Region bestätigen die Befunde vor Ort", bedauert Barbara Mädl, Wirtschaftsförderin am Landratsamt.

Im Wirtschaftsausschuss des Kreistags stellte sie einen Ansatz vor, diese Situation zu verbessern. Dazu laufen gerade Vorgespräche mit dem Finanzamt zur Gründung eines Vereins von Lesementoren im Landkreis und in Weiden. Bundesweit gibt es über 80 solcher organisierten Lernhelfer.

Bekannte Namen

"Der Unterschied zu herkömmlichen Lesepaten in Bibliotheken ist die 1:1-Betreuung von Kindern. Jeder Mentor kümmert sich nur um einen Schüler und liest nicht nur vor", erklärt Mädl. Dabei muss die persönliche Beziehung passen und das Lesen gemeinsam erarbeitet werden.

Für dieses Ehrenamt formieren sich bereits einige Experten, vor allem pensionierte Pädagogen. Dazu gehören Evelyn Dineiger, die frühere Rektorin der Albert-Schweitzer-Schule, Knut Thielsen, der das Eschenbacher und das Elly-Heuss-Gymnasium geleitet hat, oder Elisabeth Grassler von der Grundschule Mantel. Vonseiten des Schulamts koordiniert Margit Walter. Auch die Leiterin der Regionalbibliothek Weiden, Sabine Guhl, ist an Bord. Wer mitmachen will, muss nicht unbedingt Lehrer sein. Er kann sein Interesse per E-Mail an die Adresse bildung[at]neustadt[dot]de bekunden.

Das Konzept und die Materialien stellt das Bundesprogramm "Leselernhelfer". Dem Landkreis und der Stadt dürfte das Programm also kaum etwas kosten. Geplant ist, dass der Lesementor ein bis zweimal wöchentlich für die Dauer einer Schulstunde in der Schule, aber außerhalb des Unterrichts seinem Schützling unter die Arme greift. Wer die Lesehilfe nötig hat, empfiehlt der Klassenlehrer in Absprache mit den Eltern.

Neuer Ratgeber

An die Mütter und Väter im Landkreis richten sich auch eine neue Broschüre und eine App namens "Elternratgeber". Die zeigen bereits in Mühldorf am Inn und in Schwandorf Erfolge. Zielgruppe sind Eltern, die ihre Kinder beim Übergang zwischen Kita und Grundschule zu wenig oder zu stark fördern. Der Ratgeber soll helfen, die richtige Balance zu finden. Je 25 Prozent der Grundschüler zwischen Waidhaus und Kirchenthumbach treten jedes Jahr an Realschulen oder Gymnasien über, etwa 45 Prozent absolvieren Mittelschulen und etwa 5 Prozent Förderschulen.

Viele Schulabgänger ohne Abschluss:

8,3 Prozent der Schulabgänger im Landkreis verlassen die Schule zuletzt ohne Abschluss. Das sind 63 Kinder und damit viel mehr als der bayernweite Durchschnitt. Die Quote in Weiden lag bei 36 Kindern, die im Kreis Tirschenreuth bei 35. „Erschreckend“ finden Klaus Bergmann (Grüne) und Barbara Kindl (ÖDP) diese Zahlen. Barbara Mädl bittet darum, die Statistik etwas relativiert zu sehen. Im Landkreis gebe es große Förderzentren, in denen auch Kinder von außerhalb betreut würden. Daher werde die Quote in Neustadt immer etwas höher liegen. Auch wenn der Name in der Sitzung nicht fiel, war hierbei vor allem das HPZ Irchenrieth gemeint.

Bergmann schlug vor, Betriebe noch mehr zu animieren, in Förderschulen reinzugehen, um dort nach Jugendlichen zu suchen, die unbesetzte Lehrstellen ausfüllen könnten. Dazu gebe es bereits das Programm „Branchenkenner“ der IHK, erklärte Mädl. Politische Gremien hätten auf kommunaler Ebene bei Bildung ohnehin recht wenig zu melden, unterstrich Landrat Andrea Meier: „Wir können als Sachaufwandsträger für die Ausstattung sorgen, aber auf Inhalte und Lehrpläne haben wir keinen Einfluss.“ (phs)

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