Während das politische Leben in anderen Kommunen wegen der Coronakrise weitgehend zum Erliegen gekommen ist, hat es am Dienstagabend in der Kreisstadt mit einer ungewöhnlichen Sitzung des Stadtrats eine Ausnahme gegeben. Bürgermeister Rupert Troppmann rief die Räte in die Stadthalle - nur dort ist genügend Platz, um 1,5 Meter Sicherheitsabstand einzuhalten. Einziger Tagesordnungspunkt: Verabschiedung der ausscheidenden Mitglieder.
Hätte das nicht warten können bis in die Zeit nach Corona? Nein, erklärt Troppmann. "Wir leben momentan in der Gefahr, dass begonnene Dinge und Lebensabschnitte nicht zu Ende gebracht werden, sondern einfach auslaufen. Das wollte ich nicht." Neben dem Rathauschef selbst verliert der Stadtrat sieben teils langjährige Mitglieder. "Sie haben sich Jahre und Jahrzehnte in den Dienst der Allgemeinheit gestellt", sagt der Bürgermeister. "Den Dank dafür sollte man auch aussprechen und nicht auf den St.-Nimmerleinstag verschieben."
Nur selten würde es vorkommen, dass gleich acht Mitglieder gehen - "das ist ein Drittel der Mannschaft", sagte Troppmann (siehe Infokasten). Zusammen würden es die scheidenden Kommunalpolitiker auf genau 119 Jahre und 5 Monate an Stadtratserfahrung bringen, rechnet er vor. Dieser "immense Erfahrungsschatz" müsse erst wieder neu erarbeitet werden.
Troppmann, selbst seit 36 Jahren Stadt- und Kreisrat, sagte, er habe seine 12 Jahre als Erster Bürgermeister immer leidenschaftlich gerne ausgeübt. Das Amt sei "keine Last, sondern eher ein Laster" gewesen, zitierte er seine Frau Petra. Der 64-Jährige verglich Neustadt mit einem Boot, das er als Kapitän gemeinsam mit seiner Crew gesteuert habe. "Dass die politischen Ziele größtenteils erreicht wurden, ist der Mannschaftsleistung der Bootscrew zu verdanken, also euch", lobte er die Kooperation der Stadträte.
Neustadt "hochmodernes Schiff"
Die neue "Mannschaft" könne ein "seetüchtiges, hochmodernes und leistungsfähiges Schiff namens Neustadt/WN" übernehmen. Troppmann bedankte sich auch bei seiner Sekretärin Brigitte Weig, die die Geschenke vorbereitet hatte und seinen Verwaltungsmitarbeitern Peter Forster und Michael Neidl.
Die ausscheidenden Räte erhielten als Dank einen Blumenstock und einen Glasbrunnen mit Medaille. Als Spruch ist darin "Wer der Gemein´dient, hat einen harten Herrn" eingraviert. Pro Wahlperiode überreichte Troppmann den Verabschiedeten zudem eine Flasche Wein. Weil Franz Witt (SPD) mit stolzen 36 Jahren Mitgliedschaft dem Gremium ganze 6 Perioden angehörte, hatte er ein großes Geschenkpaket zu schleppen. "Hoffentlich kann man das noch tragen", sagte der Rathauschef unter Lachen im Saal.
Stehender Applaus für "Rup"
Nach Troppmann richteten auch sein Stellvertreter Heinrich Maier, Josef Arnold für die CSU-Fraktion, Achim Neupert (SPD) und Hermann Schmid (FW) Dankesworte an den scheidenden Bürgermeister. Troppmann war bei den Abschiedsreden sichtlich gerührt und hätte gerne seine Kollegen in den Arm genommen. Letztlich musste es jedoch bei einem angedeuteten Händeschütteln auf Entfernung bleiben.
Maier charakterisierte in seiner Ansprache "den lieben Rup" als "Mann der Tat", der mit "Zielstrebigkeit und Toleranz" die städtische Entwicklung vorangebracht habe. "Eigentlich müsste ich dich jetzt umarmen, aber das geht ja leider nicht", sagte er zu seinem Chef. Nach Maiers Rede erhoben sich alle spontan von ihren Plätzen und spendeten Troppmann über Minuten stehenden Applaus. Dieser versprach für die Zeit nach Corona ein großes Abschiedsessen: "Wir werden das gebührend und vielleicht auch über Gebühr nachholen."
Sieben Räte gehen: Aderlass für Neustadt/WN
Knapp 120 Jahre an Erfahrung verliert der Neustädter Stadtrat, rechnete Bürgermeister Rupert Troppmann in seiner Rede vor. Neben ihm als Gemeindechef verliert das Kommunalparlament sieben verdiente Stadträte mit teils jahrzehntelanger Erfahrung. Die ausgeschiedenen Räte aufsteigend sortiert nach Jahren der Mitgliedschaft:
- Peter Reiser (FW): 6 Jahre. Kultur- und Rechnungsprüfungsausschuss, Wohnungsbau St. Martin
- Wolfgang Schwarz (SPD): 6 Jahre. Kultur-, Bau-, Rechnungsprüfungsausschuss, Sportreferent, Abwasserzweckverband
- Alois Zehrer (CSU): 12 Jahre. Finanz- und Bauausschuss, Wohnungsbau St. Martin
- Gabi Fröhlich (CSU): 18 Jahre. Bau- und Kulturausschuss, Seniorenbeauftragte
- Bernhard Knauer (CSU): 30 Jahre. Kultur-, Rechnungsprüfungsausschuss, Wohnungsbau St. Martin, Museumsreferent
- Heinrich Maier (CSU): 30 Jahre. 2. Bürgermeister (12 Jahre lang), Finanz-, Bau-, Rechnungsprüfungsausschuss, Schulreferent, Abwasser-, Grund- und Hauptschulzweckverband
- Franz Witt (SPD): 36 Jahre. Bau-, Kultur- und Finanzausschuss, Feuerwehrreferent, Wohnungsbaugesellschaft











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