In 20 Jahren wird es rund 25 Prozent mehr Menschen ab 65 Jahren geben als heute. Betrachtet man nur die Über-75-Jährigen, ist laut Bevölkerungsvorausberechnung des Landesamts für Statistik sogar von einer Steigerung um 58 Prozent auszugehen. Wie Senioren möglichst selbstbestimmt leben können, wie ihre Versorgung trotz mobiler Einschränkungen und gegebenenfalls Pflegebedürftigkeit gesichert werden kann und wie alleinstehende Senioren am Sozialleben teilhaben können, sind daher Fragen, die sich auch die Kommunen im Landkreis Neustadt stellen. Schon lange setzen sich Seniorenbeauftragte ehrenamtlich für die Belange der älteren Mitbürger ein. An einigen wenigen der 38 Orte im Landkreis gibt es zudem Quartiersmanager, die mit den Seniorenbeauftragten zusammenarbeiten. Deren Wunschliste ist lang, die Liste der bereits umgesetzten Projekte allerdings auch.
"Senioren werden die größte Bevölkerungsgruppe sein. Wenn keine entsprechenden Strukturen da sind, besteht das Risiko der Gebietsabwanderung, besonders bei kleineren Orten", mahnt Bernd Lober, Senioren- und Behindertenbeauftragter beim Landratsamt Neustadt. Gute Seniorenarbeit könne für Kommunen ein Standortfaktor sein. So kennt Petra Brenner, Quartiersmanagerin in Eslarn, Besucher aus anderen Orten, die sich bei ihr Anregungen holen, sowie Senioren, die wegen des guten Rufs der Seniorenarbeit einen Umzug nach Eslarn in Betracht gezogen haben. Auch Evi Hofmann, Quartiersmanagerin in Parkstein, bekommt Anfragen aus anderen Gemeinden.
Bei der Seniorenarbeit besonders gut aufgestellt ist Bernd Lober zufolge der westliche Landkreis. Mit Sitz in Eschenbach leiste der gemeinnützige Verein "GeHiH - Generationen Hand in Hand" in zwölf Kommunen, davon elf im westlichen Landkreis, wertvolle Arbeit. Er hat über 700 Mitglieder und bietet für kleines Geld erweiterte Nachbarschaftshilfe durch Ehrenamtliche, zum Beispiel Fahr- und Einkaufsdienste, handwerkliche Hilfe und Besuche an. In Weiherhammer arbeitet die Luce-Stiftung im Modellprojekt "Alia – Agil leben im Alter" mit der Gemeinde und anderen Einrichtungen zusammen. Wenn es solche Strukturen gibt, brauche ein Ort nicht unbedingt ein Quartiersmanagement, sagt Bernd Lober.
Steigende Nachfrage
In Schwarzenbach bei Pressath wissen Quartiersmanagerin Franziska Schraml-Pöllmann und Seniorenbeauftragter Gerhard Przetak nicht, wie es nach 2025 weitergeht. Dann läuft die Förderung für Schraml-Pöllmanns Stelle aus. Zu tun gibt es genug. "Es ist ein großer Spagat zwischen der Nachfrage und den Möglichkeiten der Versorgung", sagt Schraml-Pöllmann. Die Nachfrage steige, das Angebot hinke hinterher. "Wir brauchen mehr Mehrgenerationen-Wohnraum. Da hat man die letzten Jahre verschlafen", nennt Gerhard Przetak ein Beispiel. Trotz Defiziten hat Schwarzenbach aber auch für Senioren einiges zu bieten. Schraml-Pöllmann und Przetak haben zum Beispiel einen Lieferdienst fürs Mittagessen aufgebaut. Die Quartiersmanagerin liefert das Essen seit fast drei Jahren selbst aus. "Wenn sie es nach 2025 nicht mehr machen könnte, hätten wir ein Problem", sagt der Seniorenbeauftragte. Sieben alleinstehende Senioren freuen sich nicht nur übers Essen, sondern auch über den sozialen Austausch.
Um diesen zu fördern, können die Schwarzenbacher zwei Mal im Monat im Dorfladen an einem Seniorencafé teilnehmen. Besuche, Hilfs- und Fahrdienste sind über den Verein "GeHiH" zu bekommen. Bei der Dorfsanierung wurden die Bedürfnisse von Senioren ebenfalls berücksichtigt: Die Bordsteinkanten in Schwarzenbach sind niedrig, Dorfladen, Gemeindezentrum und Kirche sind barrierefrei zugänglich, an der Schule soll ein Mehrgenerationen-Spielplatz entstehen. Was sich die Seniorenkümmerer wünschen, ist eine bessere medizinische Versorgung. Die nächsten Hausärzte befinden sich in Pressath, Grafenwöhr, Parkstein und Weiden. Gerhard Przetak fährt manche Patienten selbst dorthin. Wünschenswert wäre ein Arzt, der wöchentlich vor Ort zum Beispiel Blutabnahmen anbietet.
Soziale Teilhabe großes Thema
Woran es den Senioren in Eslarn mangelt, weiß Quartiersmanagerin Petra Brenner. "Ein großes Thema ist soziale Teilhabe, gefolgt von Mobilität und Einkaufsmöglichkeiten am Ort." Eslarn sei von pflegerischer und medizinischer Seite her gut aufgestellt, aber wer nicht mobil sei, könne den Lebensmittelmarkt am Ortsrand nicht erreichen. Brenner betreut zusammen mit einer Seniorenbeauftragten rund 880 Personen über 60 (Stand Juli 2022). Eine "Arbeitsgemeinschaft Quartiersmanagement", bestehend aus Bürgermeister, Fraktionsvorsitzenden, Gemeindevertretern, Vertretern von Pflegeeinrichtungen und der Kirche, tauscht sich regelmäßig mit ihnen aus. Manch einer packt mit an. Wohnraum- und Pflegeberatung, mobiler Optiker, Seniorengymnastik, Vorträge der Kriminalpolizei, Gedächtnistraining, Line-Dance, Handy- und Tablet-Training, Ausflüge, Reparaturcafé: Auch Eslarns Liste an Angeboten für Senioren ist beeindruckend. Ein monatlicher Generationen-Stammtisch fördert den Austausch. "Er ist fester Bestandteil in Köpfen und Kalendern", so Brenner.
Auch beim altersgerechten Wohnen tut sich was. Derzeit wird ein Gästehaus saniert, das sechs barrierefreie Wohnungen, einen Gemeinschaftsgarten und eine Begleitung durch einen Coach bieten wird. Das Konzept für das Wohnprojekt mit Zielgruppe Senioren und Menschen mit Handicap hat Brenner erstellt, Förderanträge laufen. Es gibt schon eine Warteliste. Nachholbedarf gebe es in Eslarn bei der Mobilität. "Die Gespräche für einen Fahrdienst laufen", sagt Brenner.
Wunsch nach Nachhaltigkeit
Um "ihre" Senioren kennenzulernen, ist Parksteins Quartiersmanagerin Evi Hofmann von Haus zu Haus gezogen. Zusammen mit dem Seniorenbeauftragten Wolfgang Dütsch betreut sie mehrere Hundert ältere Mitbürger, nicht wenige davon leben alleine. Da Parkstein einen kleinen Nahversorger am Ort hat, können sie zentraler Lage einkaufen. Als einziger Ort im östlichen Landkreis wird auch Parkstein durch den Verein "GeHiH" betreut. Hofmann lobt den Zuspruch von Ehrenamtlichen. Einmal pro Woche koordiniert sie ein Mittagessen: Ehrenamtliche bringen das Essen zu 25 bis 35 Haushalten in Parkstein. Hutza-Nachmittage, Kurse und Vorträge richten sich auch in Parkstein an Senioren und Angehörige. Hofmanns Wunsch: "Dass die Angebote auch ohne Quartiersmanagement zum Selbstläufer werden." Die Quartiersmanagerinnen in Eslarn, Schwarzenbach und Parkstein dürfen zumindest hoffen, dass es auch künftig weitergeht. Voraussetzung für die finanziellen Zuwendungen ist ein nachhaltiges Quartiersmanagement. Möglich also, dass die drei sich auch künftig für ihre Zielgruppe einsetzen dürfen.
Quartiersmanagement im Landkreis Neustadt/WN
- Begriff und Zielgruppe: Quartiersmanagement ist kein geschützter Begriff; Zielgruppe sind im Landkreis Neustadt schwerpunktmäßig Senioren und ihre Angehörigen
- Konzept: Quartiersmanager kümmern sich um die Themen Wohnen und Grundversorgung, Beratung und soziale Netzwerke sowie ortsnahe Unterstützung und Pflege
- Förderung und Befristung: unter anderem sind Zuwendungen vom Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales möglich (Anschubfinanzierung von bis zu 80.000 Euro für maximal vier Jahre), dazu ist ein Eigenanteil zu leisten
- Nachhaltigkeit: Quartiersmanagement sollte nachhaltig ausgelegt sein, um angestoßene Projekte dauerhaft vor Ort zu etablieren
- Kontakte: Bernd Lober (Landratsamt Neustadt/WN): 09602/791610, Franziska Schraml-Pöllmann (Schwarzenbach bei Pressath): 09644/9189600, Petra Brenner (Parkstein): 09653/92070, Evi Hofmann (Parkstein): 09602/6163914



















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