In der Ecke des Speisesaals steht ein altes Motorrad, eine Zündap. Ansonsten zieren Luftschlangen und Luftballons den Raum. Schwarz-Weiß-Fotos hängen an den Wänden. Ein Schallplattenspieler spielt Schlager- und Rock’n’Roll-Klassiker aus den 50er und 60er Jahren. Das alles ist Teil der Fete, die die drei Auszubildenden zur Pflegefachkraft Sophia Schreffl, Maximilian Pecher und Elisabeth Zahner im Seniorenheim St.-Martin organisiert haben. Dabei geht es nicht nur darum, dass sich die Senioren wieder jung fühlen. Vielmehr sind Erinnerungen an früher von großer Bedeutung für Menschen, die an einer Form von Demenz erkrankt sind.
In Deutschland leben derzeit rund 1,7 Millionen Menschen mit einer Demenz-Diagnose. Der deutschen Alzheimer-Gesellschaft zufolge wird sich die Zahl bis 2050 verdoppeln. Jedes Jahr erkranken 300 000 Personen neu. Demenz ist auch ein Thema im St.-Martin-Pflege- und Altenheim. Sind alle Plätze besetzt, sind rund zwei Drittel der Bewohner in irgendeiner Form von der Krankheit betroffen, sagt Heimleiterin Stefanie Schricker. Eine Feier im Stil ihrer Jugend soll diesen Bewohnern helfen, Erinnerungen zu wecken, Gefühle hervorzurufen. Praktisch: Das kommt auch bei allen Nicht-Demenzkranken gut an.
„Demenzerkrankte können an Musik, Gerüche und bestimmte Elemente aus jungen Jahren zurückdenken. Durch die Musik werden viele an ihr früheres Leben erinnert“, sagt die Auszubildende Elisabeth Zahner. Alte Schlager und die Hits von Elvis Presley etwa wirken auf das Langzeitgedächtnis der Betroffenen ein. „Bei Demenzkranken ist es so: Das Langzeitgedächtnis ist noch relativ gut vorhanden, deshalb können sie in solchen Fällen besonders gut andocken“, sagt Altenheim-Chefin Stefanie Schricker.
Das Kurzzeitgedächtnis dagegen funktioniere oft nicht so gut. „Die Erkrankten wissen manchmal von einer Minute auf die andere nicht, was gerade geschehen ist.“ Umso mehr rückten die Gefühle in den Mittelpunkt. „Das Gefühlsgedächtnis bleibt sehr lange erhalten. Auch, wenn alles andere, alles rationale, untergeht, über Gefühle erreiche ich diese Menschen trotzdem noch.“
Fest bewirkt Wunder
Udo Jürgens singt „17 Jahr’, blondes Haar“. Einige Senioren fangen an, mit den Pflegekräften zu tanzen. Mittendrin ist auch eine ältere Dame im Rollstuhl, die von einer jüngeren Frau im Kreis gedreht wird. Beide lachen laut. Am Tisch in der Ecke stupst eine Bewohnerin ihre Tischnachbarin an, sie sagt: „Komm, beim nächsten Liedl gehen wir vor.“
Mehr Frauen als Männer sind von einer Demenz-Erkrankung betroffen. Rund zwei Drittel aller Patienten sind weiblich. Der deutsche Alzheimerstiftung zufolge liegt das nicht daran, dass Frauen dafür anfälliger wären. Vielmehr sei der Unterschied auf die verschiedenen Lebenserwartungen zurückzuführen. Je älter eine Person, desto größer wird das Risiko, daran zu erkranken.
Am Tag vor der Party sortieren die drei Auszubildenden Schallplatten, spielen ein paar davon ab. Eine Frau, die schwer dement ist, geht zusammen mit ihrer Pflegekraft am Speisesaal vorbei. Sie hört eines der Lieder und fängt prompt an, mit ihrer Betreuerin zu tanzen und zu singen. „Das war total schön für uns. Man könnte sagen, dass das das erste kleine Wunder war, das unser Fest bewirkt hat“, sagt Elisabeth Zahner lächelnd. Die 18-jährige Sophie Schreffel ergänzt: „Viele fühlen sich nicht so, als lebten sie 2019. Sie sind vielmehr im Jahr 1950, erzählen viele Geschichten oder sprechen plötzlich mit ihrem Mann, der schon lange verstorben ist.“
Essen wie damals
Zurück zur Party: Die Auszubildenden haben für ein großes Büfett gesorgt. Es gibt Finger-Food mit kleinen Kuchen, Buletten, Eiern mit einer halben fliegenpilzähnlichen Tomate mit Majo oben drauf wie es damals eben Mode war. Eine halbe Stunde später ist vom Essen nicht mehr viel übrig. Auch an der Bowle schenken sich die Partygäste fleißig nach. Das alles bietet eine willkommene Abwechslung für die Bewohner. „Sonst werden sie gefragt, was sie essen wollen, und bekommen es dann auf den Tisch gestellt“, erklärt die 20-jährige Elisabeth Zahner.
Zahner, Sophia Schreffl und Maximilian Pecher machen eine Ausbildung zur staatlich anerkannten Pflegefachkraft. Schreffl erinnert sich: „Am Anfang war es ungewohnt, auf der Station zu arbeiten. Aber dann akzeptiert man den Geisteszustand der Leute. Man wird Teil ihrer Wahrnehmung. Die Menschen sind so herzlich.“ Auch Pecher hat die Bewohner ins Herz geschlossen: „Der Kontakt bereitet einem wirklich Freude. Man bekommt viel zurück: Ein Lächeln, ein Dankeschön. Gerade das bedeutet mir viel in meinem Beruf.“
Der Auftritt der Tanzschule Vezard ist es, der die Senioren wieder zurück in die Gegenwart holt. Der Schallplattenspieler bringt zu wenig Leistung, modernere Technik muss her. Eine alte Dame im Rollstuhl feuert die Tänzer trotzdem an und schwingt die Arme in die Luft. Die Party ist noch nicht vorbei.














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