03.08.2018 - 16:30 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Trillerpfeife statt Elektroschocker

Nur wenige Bürger machen im Landkreis Neustadt von Waffenamnestie Gebrauch. In Weiden überhaupt niemand.

Hauptkommissar Michael Mutzbauer und Praktikantin Anna Ehinger nehmen von Siegbert Köhler Elektroschocker, Schlagring und Butterfly-Messer entgegen. Die Waffen hatte der Oberwildenauer illegal im Besitz.
von Martin Staffe Kontakt Profil

(ms) "In meinem Alter brauche ich keine Waffen mehr." Der Oberwildenauer Siegbert Köhler war einer der Letzten, der die zwei Jahre lang laufende Straffreiheit ausgenutzt hat. Sozusagen in letzter Minute: Am 30. Juni um 10.30 Uhr lieferte er bei der Polizeiinspektion Neustadt seine restlichen illegalen Selbstverteidigungswaffen ab. Das waren ein Elektroschocker, ein Butterflymesser und ein Schlagring.

"Kleinkram", wie der ehemalige Privatdetektiv, Mitinhaber eines Cabarets in Stuttgart und Betreiber einer Peepshow in Wien erzählt. Schließlich besaß Köhler früher ganz andere Kaliber. So hatte er 1990 in Wien eine Pumpgun legal erworben. Als er 2006 in den Ruhestand ging und nach Deutschland zurückkehrte, durfte er diese Mehrladewaffe nach dem Grenzübertritt eigentlich gar nicht mehr besitzen. Nach dem Amoklauf von Winnenden wurde 2009 eine Waffenamnestie angeboten. Köhler nutze die Gelegenheit und brachte diese großkalibrige Repetierflinte samt Munition ins Weidener Rathaus.

In einer weiteren Amnestie ermöglichte es jetzt der Staat noch einmal, bis 1. Juli 2018 sich aller illegalen Waffen straffrei zu entledigen. Damit sollte erreicht werden, dass weniger Waffen im Besitz von Menschen sind. Allerdings war der Rücklauf nicht mehr so groß wie 2009. Damals waren bundesweit rund 200 000 Schusswaffen, Butterfly-Messer, Schlagringe oder auch Hartkern- und Leuchtspurgeschosse abgegeben worden.

Insgesamt verzeichnete die PI Neustadt laut Leiter Hermann Weiß 2017 und 2018 exakt 17 Meldungen. Zirka 40 Waffen seien gebracht worden, darunter drei Kleinkalibergewehre. Alle seien ans Landratsamt weitergereicht worden, das für die Vernichtung zuständig sei.

Die Kreisbehörde ergänzte, dass in den vergangenen Jahren im Schnitt etwa 50 Waffen freiwillig abgeliefert worden seien. Seit Juli 2017 waren es insgesamt 71: 38 Pistolen und Revolver sowie 33 Gewehre. "Davon war ungefähr die Hälfte in eine Waffenbesitzkarte eingetragen, also legaler Besitz", verrät Pressesprecherin Claudia Prößl. Ihr Fazit: Durch die Waffenamnestie war die Zahl der Rückgaben etwas höher als sonst, sie hat sich jetzt aber nicht vervielfacht.

In Weiden machte von der Amnestie überhaupt niemand Gebrauch, sagt Reinhold Gailer, Leiter des Amts für öffentliche Ordnung. Es würde zum Beispiel nach einem Todesfall immer wieder einmal eine Sportschützenpistole, ein Jagd- oder ein Kleinkalibergewehr ins Rathaus gebracht, aber alle mit Waffenbesitzkarte. Das sei Tagesgeschäft.

Siegbert Köhler fühlt sich nun auch ohne Waffen sicher. In den Großstädten, in denen der Detektiv Undercover arbeitete, sei es mitunter schon gefährlich gewesen. Aber jetzt im Ruhestand sieht sich der 77-Jährige bei seinen Wald- und Wiesenspaziergängen eher einem Wildschwein gegenüber als in Weiden einer potenziellen Gefahr ausgesetzt. Und sollte er trotzdem einmal angegriffen werden, beherrscht er noch ein paar polizeiliche Abwehr- und Abführgriffe wie auch Ju-Jutsu und Karate.

Außerdem hat der Oberwildenauer, der seine Autobiografie unter dem Titel "Ein Leben zwischen den Guten und den Bösen - Zwischen Moral und Unmoral" für Ostern 2019 ankündigt, im Herbst 2013 im Seltmann-Haus den Kurs "senSiwen" (Verhaltensprävention für Ältere) besucht. Den kann er übrigens allen Senioren empfehlen. Seitdem geht er nicht mehr ohne Trillerpfeife aus dem Haus. Sie ersetzt den Elektroschocker und sei eine gute Abschreckung, wenn Gefahr in Verzug ist.

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