04.11.2018 - 14:49 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Vital und grausam aber auch humorvoll

„Tannöd“, die spannende und schaurige Geschichte eines authentischen Kriminalfalles, verpackt in ein Live-Hörspiel mit musikalischer Untermalung. Das Publikum in der Stadthalle ist gefesselt.

Die Schauspieler Johanna Bittenbinder und Heinz-Josef Braun nehmen das Publikum in der Stadthalle beim Live-Hörspiel "Tannöd" mit auf eine Achterbahn der Gefühle.
von Hans PremProfil

Ort des grausamen Geschehens am 31. März 1922 war der Einödhof Hinterkaifeck bei Schrobenhausen in Oberbayern. Sechs Menschen wurden in der Nacht martialisch mit einer Spitzhacke erschlagen. Tagelang lebte der Mörder danach noch auf dem Hof und versorgte die Tiere. Bis heute gibt der Kriminalfall Rätsel auf. Der Täter wurde nie gefasst.

Krimi-Autorin Andrea Maria Schenkel griff das Thema auf und erzählte es in ihrem Buch „Tannöd“ neu. Sie verlegte das Geschehen in die Nachkriegszeit, in der noch immer der Geist einer archaischen Landschaft vermischt mit dem Geist des gerade untergegangenen Dritten Reiches weht.

Der Bestseller ist Vorlage für das Live-Hörspiel am Samstagabend in der Stadthalle. Die Hauptrollen spielen die beiden Schauspieler Johanna Bittenbinder und Heinz-Josef Braun. Auf der Basis von Zeugenprotokollen der Nachbarn, der abergläubischen Pfarrersköchin, des Postboten, des Monteurs, des verschlagenen Gelegenheitsdiebes Mich oder der achtjährigen Betty schlüpfen die beiden Protagonisten auf der Bühne mühelos in deren Rollen, verkörpern grandios deren Charaktere. Dabei entsteht nicht nur eine mitreißende Kriminalgeschichte, sondern wird auch ein eindrucksvolles Sittenbild über die Zustände der damaligen Zeit auf dem Land gezeichnet.

Das besondere am Stück ist, dass der Zuhörer immer wieder dem Mörder selbst und seinen Opfern begegnet, die alle ihre eigene Geschichte erzählen. „Der Mörder betritt den Raum, heizt den Dämpfer ein. Die Kühe müssen zweimal am Tag gemolken werden. Er spricht mit gedämpfter Stimme auf sie ein. Er scheint eine beruhigende Wirkung auf die Tiere zu haben“, beschreibt Braun den Täter.

Fast lustvoll und lebendig mimen die Schauspieler die verschiedenen Personen, sodass sich der Zuschauer leibhaftig mitten im Geschehen fühlt. Gefesselt folgt das Publikum den Aussagen auf der Bühne. Das Stück nimmt alle mit auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle – vital, grausam, manchmal aber auch ein wenig humorvoll. Es ist so still im Saal, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören. Bittenbinder ist die Magd Maria Meiler, die am Tag der Tat erstmals auf dem Hof ihren Dienst antritt, oder die abergläubische Pfarrerköchin, die das Geschehen auf dem Hof dem Teufel zuschreibt. Zum Erbarmen ihr Gesichtsausdruck, als sie in der Rolle der getöteten Tochter Barbara den jahrelangen Missbrauchs ihres gefühllosen Vaters benennt. Zwei Kinder hat sie ihm geboren, jedes einem anderen Kindsvater untergeschoben.

War einer von ihnen der Mörder? In der Realität wurde er bis heute nicht gefunden. Im Hörspiel läuft es auf Georg Hauer, einen der angeblichen Kindsväter hinaus. Ihn sieht der Gelegenheitsdieb vom Zwischenboden der Scheune aus, als er mit Barbara in Streit gerät und diese schließlich wie im Rausch erschlägt. „Am Ende sitzt der Mörder mit dem Gesicht zum Fenster, den Blick in die Ferne gerichtet. Vor sich sieht er das Gespräch mit seiner Schwägerin Anna, Ungläubigkeit und Trauer in ihrem Gesicht. In ihren Händen hält sie ein Stück Stoff mit Blut.“ Daran hat er sich die Hände abgewischt. Leid tut es ihm nur um den kleinen Josef, der will ihm nicht mehr aus dem Kopf gehen. Er hält seine Pistole in der Hand. Alles ist von ihm abgefallen.

Großer, minutenlanger Applaus brandet auf. Den haben sich die beiden hervorragenden, wandlungsfähigen Schauspieler verdient. Verdient haben ihn auch das „Art Ensemble of Passau“ mit Leo Gmelch (Tuba, Posaune), Peter Tuscher (Trompete, Florian Burgmayr (Akkordeon, Tenorhorn), von dem auch die Kompositionen stammen, und Yogo Pausch (Schlagwerk und Geräusche). Mit teils schrägen Tönen, überraschenden Geräuschen, sentimentalen Walzern und schaurig-schönen Instrumentenjodlern schaffen sie eine stimmungsvolle Atmosphäre um die Handlung.

Die beiden hervorragenden Schauspieler Johanna Bittenbinder und Heinz-Josef Braun nehmen das Publikum in der Stadthalle beim Live-Hörspiel "Tannöd" mit auf eine Achterbahn der Gefühle.
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