23.04.2019 - 16:30 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Waten im Finanzsumpf

Witzig, provokant, hintersinnig, geist- und lehrreich – so lässt sich Claus von Wagners Auftritt in der Neustädter Stadthalle am besten zusammenfassen. Für zweieinhalb Stunden nahm er die Zuschauer mit in die Abgründe der Finanzwirtschaft.

von PMLProfil

Unter dem Titel "Theorie der feinen Menschen" verpackt der bekannte Kabarettist eine umfassende gesellschaftspolitische Kritik gepaart mit Wirtschaftswissen in eine äußerst amüsante Rahmenhandlung. Dabei stand als Erstes ein Rollenwechsel auf dem Programm: Aus Claus von Wagner wurde Claus Neumann, der 39-jährige Sohn eines Wirtschaftsprüfers.

Dieser findet sich eingeschlossen im Tresor einer Filiale der Deutschen Bank wieder, weil er "zu kurz vor Geschäftsschluss" noch das Schließfach des verstorbenen Vaters durchsehen wollte. Dort erhofft er sich Informationen zu dem Vater, den er nie wirklich gekannt hat, und mit dem die tiefgründigste Unterhaltung die Frage nach dem Salz am Frühstückstisch war. In dieser Umgebung steigt "Neumann" hinab in die Tiefen der eigenen Familie und des globalen Finanzwesens, während Wagner das aktuelle politische und finanzpolitische Weltgeschehen scheibchenweise und äußerst eindrucksvoll analysiert.

Rotierend um die Komplexe und Krisen von "Claus Neumann" vermittelt Wagner dabei ganz nebensächlich interessante und wissenswerte Fakten und Grundsätze, verpackt in Anekdoten, die für heftige Lachsalven und oft auch für Beifallsstürme sorgen. Nach kurzen Ausflügen in die Tagespolitik und die Dieselkrise, legt der Blick in Neumanns Schulzeit dabei den Grundstein für das weitere Programm: Wagner lässt Neumanns ehemaligen Schulleiter auf die Frage, ob denn "ein Jahr Wirtschaft und Recht" während der gesamten Schulzeit genug wären, ironisch antworten, dass das natürlich ausreiche "um Deutschland regierbar zu halten".

Unwissenheit zu überwinden und damit selbstbestimmter zu werden, wird zum zentralen Anliegen des Abends: "Wenn derjenige, auf den Macht ausgeübt wird, gar nicht versteht, dass auf ihn Macht ausgeübt wird", als Fazit der Bildung soll nicht weiter gelten. Dementsprechend lehrreich und informativ ist Wagners weiterer Auftritt. In zweieinhalb Stunden meandert er durch finanzwissenschaftliche Hintergründe und aktuelle (Fehl-)entwicklungen. Er watet durch die Untiefen der Finanzanlagen und vermittelt anschaulich Fachwissen. Aber auch psychologische Effekte, etwa durch "Expertenlob" werden nicht ausgelassen: auch Neumann fühlt sich wie ein Genie wenn der Kellner im Restaurant "eine gute Wahl" bestätigt und so jegliche Vorsicht und Zurückhaltung ausgehebelt werden.

Natürlich kommt auch die Kritik an den vermeintlich "feinen Menschen" nicht zu kurz. Exemplarisch werden dabei der "Erzfeind" des Vaters Dr. Gump und dessen Tochter das "Fräulein Lachsröllchen" aufgeführt. Der erstere als Archetyp des skrupellosen Finanzhais für den Rentner nur Goldesel und Kinderarbeit effiziente Ressourcennutzung sind. Und die letztere als Blaupause des It-Girls das auf jedem Charity-Event zu finden ist, aber für die "Gutmensch" ein eindeutiges Schimpfwort ist.

Das alles verknüpft er immer wieder äußerst gekonnt mit dem Schicksal seines Protagonisten, dessen eigenes Leben vom Erbe des Vaters geprägt ist. Und mit dem unfreiwilligen nächtlichen Aufenthalt im Tresor dessen einzige beiden Verbindungen zur Außenwelt ein altes Wählscheiben-Telefon und eine dauer-quietschende Lüftungsanlage sind. Deren Versagen steigert die Intensität der Handlung in der zweiten Hälfte des Abends bis zur Bewusstlosigkeit Neumanns. Und nur das symbolträchtige Durchtrennen der Hauptspannungsversorgung kann ihn vor dem sicheren Erstickungstod bewahren und aus seinem Grab befreien.

Die Besucher des Abends hätten sich sicher gerne noch länger freiwillig mit Claus von Wagner "einsperren" lassen. Nach langem Applaus gibt es noch eine kurze Zugabe in Form eines Aufrufs: "Wenn sie Lust haben, entdecken Sie den kleinen Guerilla in sich." Jeder könne etwas tun, um auch die Finanzwelt zu verbessern, indem man sein Geld bei Banken anlege, die soziale Grundsätze haben. Für die Zuschauer war es auf jeden Fall eine gute Wahl, diesen Ostermontag-Abend mit Claus von Wagner zu verbringen.

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