06.09.2018 - 11:39 Uhr

"Von nichts kommt nichts"

Der Amberger Andrej Merzliakov hat nie aufgegeben und hart gekämpft. Der zweimalige Deutsche Meister im Boxen hat noch ein weiteres Ziel: Er will 2020 zu den Olympischen Spielen.

Das große Ziel für den Amberger Boxer Andrej Merzliakov ist die Teilnahme an den nächsten Olympischen Spielen. Bild: Andreas Brückmann
Das große Ziel für den Amberger Boxer Andrej Merzliakov ist die Teilnahme an den nächsten Olympischen Spielen.

(brü) Andrej Merzliakov sitzt entspannt in den Räumen eines Amberger Fitnessclubs. Dort, wo er als Sport- und Fitnessbetriebswirt den Kunden die richtigen Bewegungsabläufe ihrer Übungen zeigt. Gerade hat er Pause, nicht nur in diesem Moment im Job, sondern auch bei seiner Leidenschaft, dem Boxsport. "Mein Trainer ist in Urlaub, und auch ich nehm' mir jetzt eine Woche Auszeit, nach all den harten Wochen", erklärt er grinsend. Der zweimalige Deutsche Meister im Boxen wird danach neu durchstarten. Mit dem Ziel, bei den Olympischen Spielen 2020 eine Medaille zu holen.

Angefangen hat er früh, mit zwölf Jahren. Kurz vor seinem 13. Geburtstag fand er den Einstieg in den Boxsport. "Warum fängt man mit Kampfsport an? Man will etwas stärker werden. Damals war ich etwas aufmüpfig, voller Energie, mit der ich damals nicht wusste wohin. Zufälligerweise war bei uns in der Schule ein Betreuer in der Ganztagsklasse. Er hat als Trainer den Boxsportverein vorgestellt", erinnert er sich an seinen Einstieg vor zehn Jahren. "Bei ihm hab' ich mich informiert, hab' dann mal beim Boxclub hier in Amberg vorbeigeschaut und paar Trainingseinheiten absolviert." Zunächst hieß es, die ersten Schläge einstecken. Für ihn war da aber schon klar: "Einfach dranbleiben, und dann schauen wir mal, was passiert."

Potenzial gesehen

Mit der Zeit ging es stetig aufwärts. "Wir haben fleißig trainiert. Der Trainer hat bei mir ebenfalls Potenzial gesehen, hat mich gut unter seine Fittiche genommen. Nach und nach haben wir zunächst viele Sparrings gemacht und anschließend auch viele Turniere geboxt." Auf diesen war Merzliakov bereits in jungen Jahren sehr erfolgreich: "Die ersten 20 Kämpfe, alle im Alter zwischen 12 und 16 Jahren habe ich allesamt ohne Niederlage bestritten." Dies beflügelte ihn. "Wenn man merkt, man kann was erreichen, steckt man sich auch immer größere Ziele."

Immer mit dabei an seiner Seite: sein Trainer Ruslan Schönfeld, Sportlehrer und Coach seit seinen ersten Tagen. "Er ist eine Art Vaterfigur für mich. Er war immer für mich da, er hat mich immer begleitet, war immer mit dabei." Dabei ist Schönfeld der, "der mir gezeigt hat, wo es lang geht, der immer an mich geglaubt hat, der gesagt hat: Junge mit deinem Potenzial musst du etwas aus dir machen. Ich hatte einfach Glück mit ihm. So jemanden findet man selten." Dabei hat ihn nicht nur sein Trainer geprägt, sondern auch der Boxsport an sich. Nicht nur körperlich, sondern auch menschlich: "Er hat mir viel gezeigt, wie man sich auch im Leben verhalten soll. Denn von nichts kommt nichts. Das sollte jedem bewusst sein. Wenn du etwas erreichen willst, musst du dafür auch hart arbeiten, es schenkt dir niemand was." Dabei war der Sport nicht nur körperlich für ihn fördernd: "Durch den Sport haben sich auch meine schulischen Leistungen deutlich verbessert. Mein Trainer sagte immer: Entweder du bist gut in der Schule, oder wir gehen auf keine Turniere mehr." Man müsse nicht nur in den Armen die Kraft haben, sondern auch mental und geistig vollkommen fit sein, steht für Merzliakov fest.

Teilnahme schon Erfolg

Mit 16 Jahren war er dann bei seiner ersten Deutschen Meisterschaft in Köln. Der erste Sieg war dabei nicht in sportlicher Hinsicht, sondern überhaupt die Teilnahme: "Dafür, dass ich als Einsteiger da reingekommen bin, war das damals schon sehr erfolgreich. Beim Kampfsport ist es schwer, in solche Turniere reinzukommen. Man kannte mich nicht, weder die Verbandstrainer noch die Organisatoren." Und zudem war er noch recht erfolgreich. "Im Viertelfinale bin ich da dann gleich auf den damals amtierenden Deutschen Meister getroffen. Ich war richtig gut in Form, trotzdem war er technisch viel besser als ich."

In der ersten Runde spielte sein Gegner die technische Überlegenheit aus. In der zweiten und dritten Runde habe er nicht mehr gekonnt. Da habe sich das Training bezahlt gemacht, weiß Andrej Merzliakov. "Mein Trainer hat mich dazu ermutigt jeden Tag vor der Schule eine Stunde früher aufzustehen, dann zu joggen und am Abend dann nochmals zu trainieren, also zweimal am Tag." 2016 hat es trotzdem noch nicht ganz gereicht. Das Finale ging knapp verloren: "Das war ärgerlich, kann man aber nichts machen. Einfach aufstehen und weitermachen."

Beim zweiten Anlauf in Eichstätt, bei der U-18-Meisterschaft hat es dann aber geklappt. "Es waren vier harte Kämpfe gegen sehr gute Leute." Sein erster Deutscher Meistertitel, davor hatte er bereits dreimal den des Bayerischen Meisters geholt. "Nach der U18 haben wir dann gleich, ich glaube, es war ein oder zwei Monate später, bei der U-21-Meisterschaft mitgeboxt. Da waren die Gegner dann noch etwas stabiler und kräftiger als ich." Einen Kampf gewann er, dann war Schluss. Im darauffolgenden Jahr war aber auch dieser Sieg in der Tasche.

Sein Ziel war, jedes Jahr einen Schritt höher zu gehen. Unter anderem boxte er mit 18 Jahren bereits in der Männerklasse mit, um dort gegen starke Gegner Erfahrungen zu sammeln und Siege einzufahren. "Deine Altersklasse lassen wir jetzt mal hinter dir, da kannst du das, aber was anderes ist es, wenn du stärkeren Gegnern gegenüberstehst und nicht genau so alten wie du", ermutigte ihn sein Trainer. Für ihn eine deutliche Umstellung: "Die sind kräftiger, sind von Charakter und Psyche fester. Das war dann schon eine Umstellung, aber boxen ist boxen, jeder kocht mit Wasser."

Der erste Durchbruch erfolgte bei der Elite Deutsche Meisterschaft, bei der er bis ins Finale kam. "Ab da haben vor allem auch die Verbandstrainer von mir Kenntnis zu nehmen. Dann kamen schon die ersten Verträge, unter anderem in der Bundesliga zu boxen, erst mal in der 2. Bundesliga für Chemnitz." Zwei Jahre boxte er dort. "Es war anspruchsvoll vom Training her, auch schwierig, den Sport mit der Arbeit zu verbinden. Es war schon wirklich schwer. Wir haben versucht, unser Bestes rauszuholen, aber da hat die Substanz dann doch nicht ganz gereicht."

"Ganz große Zukunft"

Trotzdem war er so erfolgreich, dass der Übertritt in die 1. Bundesliga nach Hannover anstand. "Da lief es im letzten Jahr wirklich richtig gut für mich. Da habe ich ein paar wirklich gute Leute besiegt, unter anderem die amtierende Nummer Eins, und da bekam ich dann richtig Aufmerksamkeit." Für den Teammanager des BSK Hannover Seelze, Artur Mattheis, stand da bereits fest: "Ihm traue ich im deutschen Boxen eine ganz große Zukunft zu."

Es folgte die Einladung zum Grand Prix in Tschechien, ein internationales Turnier mit Boxern aus zwölf Ländern. "Zuvor habe ich zwar schon an Turnieren unter anderem in Österreich und Polen teilgenommen, das war dann aber schon eine Nummer größer. Und ein tolles Erlebnis, vor allem auch, weil ich es gewonnen habe" , erklärt er grinsend.

Nach dem Sieg folgte die Nominierung für den sogenannten Chemie-Pokal, auch bekannt unter dem Namen "World Cup of Boxing", in diesem Jahr das größte Boxsport-Event, da keine Welt- oder Europameisterschaften stattfanden und alle Boxgrößen aus allen Ländern zu diesem Turnier gekommen waren. "Einen Monat lang konnte ich mich dafür rein aufs Boxen konzentrieren, komplett weg von der Außenwelt. Im Achtelfinale gab es einen K.O.-Sieg gegen einen Slowaken, im Viertelfinale einen Polen, den ich auch besiegt habe, und im Halbfinale, bisher einer meiner stärksten Kämpfe, bin ich auf einen Kubaner, einen ehemaligen Olympiasieger, getroffen. Da wollte ich gucken, ob die Kubaner wirklich so gut sind, wie jeder sagt. Die holen jede Weltmeisterschaft, von neun Gewichtsklassen sind acht Kubaner in den Finalen gewesen." Nach der ersten Runde hat er Merzliakov ganz schön zugesetzt. "Dann hab' ich alle meine ganze Motivation zusammengenommen und ihm zwei Runden wirklich arg zugesetzt. Da hat sich gezeigt, alle waschen nur mit Wasser. Egal ob Weltmeister oder Olympiasieger, man kann alle schlagen."

Sehr dankbar

Und das will Andrej Merzliakov: "Ich habe mir in den Kopf gesetzt, ich will alles für diesen Sport machen, damit ist verbunden, dass ich auch aus Amberg weggehen muss. Hier hast du einfach nicht die Möglichkeiten dafür." Trotzdem zeigt er sich sehr dankbar. Zum einen beim Boxclub Amberg, zum anderen bei seinem bisherigen Chef Michael Lichtenauer: "Ich habe hier auch sehr viel Glück gehabt, dass ich einen sehr verständnisvollen Chef habe, der Verständnis für meine Leidenschaft gezeigt hat, mir zum Boxen freigegeben oder auch die Teilnahme an Lehrgängen ermöglicht und mich auf ganzer Linie unterstützt hat. Dafür bin ich ihm auch sehr dankbar."

Andrej Merzliakov wird in naher Zukunft Amberg verlassen. Möglich macht dies die Bundeswehr. In der Sportfördergruppe in Heidelberg hat er eine neue Heimat gefunden. Seinen Weg wird er dann von dort weiterführen: "Natürlich ist die Teilnahme an Weltmeisterschaften dann fast schon Pflicht, weitläufiges Ziel ist aber definitiv die Teilnahme an Olympia 2020. Das geht nur mit besten Trainingsverhältnissen, die dort einfach gegeben sind." Wichtig sei, das Umfeld so zu gestalten, dass man sich voll auf den Sport konzentrieren könne. Dreimal am Tag trainieren sei da schon das Mindestmaß an Anforderung.

"Das, was zählt, ist zu beweisen, du bist die Nummer Eins in Deutschland". Mit dem Ziel: Gold auf der EM, Gold auf der WM und dann die finale Teilnahme an der Olympiaqualifikation. Und dann dort eine Medaille zu holen. "Also das ist jetzt erst einmal mein Plan." Ob dieser dann aufgeht, wird sich ab Beginn des kommenden Jahres zeigen. Dann ist Andrej Merzliakov Sportsoldat. Mit dem Ziel: Gold für Deutschland. Gold für Amberg. Gold für einen, der bisher niemals aufgegeben hat, und dies auch in Zukunft nicht tun wird.

 
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