Niedermurach
29.05.2026 - 13:41 Uhr
OnetzPlus

Ausgebüxte Rinder: So läuft es von Alarmierung bis zur Haftung für Schäden

Die ausgebüxten Rinder von Niedermurach sind alle wieder wohlbehalten in Ihrem Stall oder auf der Weide. Zurück bleibt eine Reihe von Fragen, von Haftung bis hin zum Vorgehen im Ernstfall. Oberpfalz-Medien hat ein paar Antworten.

Verhungern wird eine ausgebüxte Kuh bei diesem Angebot normalerweise nicht, Trinkwasser ist das größere Problem. Symbolbild: Peter Kneffel/dpa
Verhungern wird eine ausgebüxte Kuh bei diesem Angebot normalerweise nicht, Trinkwasser ist das größere Problem.

Warum entlaufen gerade jetzt so viele Rinder?

"Das mag täuschen", meint Kreisbäuerin Sabine Schindler zur Zahl der Meldungen. Allerdings könne das mit dem Beginn der Weidesaison im Mai zusammenhängen. Außerdem gilt seit diesem Jahr die Weidepflicht für Bio-Rinder (EU-Öko-Verordnung). Darauf verweist BBV-Obmann Josef Irlbacher und schließt daraus auf ein höheres Risiko, wenn mehr Tiere im Freien grasen. Jahrelang sei die Weidehaltung in der Oberpfalz unüblich gewesen, die Tiere seien dies deshalb nicht gewöhnt, sagt Hermann Bolz vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF). Das hormonelle Faktoren eine Rolle spielen, schließen die Fachleute aus. Es könne aber sein, dass sich Jungtiere ein wenig "austoben wollen", meint Schindler.

Was sind Gründe für einen Ausbruch?

Mutterkuhberater Bolz nennt an erster Stelle Erschrecken - durch Lärm, Licht, Tiere oder Wanderer sowie eine "innere Dynamik" der Herde. Auch Spieltrieb könne die Ursache sein , wenn Kühe beispielsweise lernen, wie man Tore öffnet. "Es kommt auch vor, dass Tiere von Fremden bewusst ausgelassen werden", gibt der AELF-Mitarbeiter zu bedenken.

Kann man einem Ausbruch vorbeugen?

"Am besten lernen die Kühe schon als Kalb, was ein Elektrozaun ist", berichtet Schindler, die selbst Erfahrung mit Weidehaltung hat. Auf ihrem Hof wird das trainiert, zunächst hinter einem zusätzlichen, festen Holzzaun. "Je nach Leidensfähigkeit kapieren das die jungen Tiere schon nach zwei- bis dreimaligem Kontakt. Bei erwachsenen Tieren dauere dieser Lernprozess etwas länger, oft ziehe sich das über Wochen hin. Deshalb wird auf Schindlers Hof Schritt für Schritt im sicheren Stall geübt, dass auch dünne Grenzen zu respektieren sind. Außerdem plädiert Schindler für eine akribische Kontrolle der Zäune, denn Kühe seien ganz und gar nicht doof, wenn sie ein verlockendes Grasbüschel im Visier haben.

Wo sind die Grenzen der Vorsorge?

"Wenn bei Kühen die Panik ausbricht, dann hält sie kein Stromzaun auf", weiß BBV-Obmann Josef Irlbacher. Sollten sie also aufgeschreckt werden, so gebe es keine Chance, sie zu stoppen. "Auch bei uns ziehen immer wieder einzelne Wölfe durch", gibt Kreisbäuerin Sabine Schindler zu bedenken. Sie selbst war mit einem Ausbruch ihrer Rinder konfrontiert, nachdem durch fahrlässiges Verhalten von Reitern Pferde den Weidezaun von außen durchbrochen hatten. "Glücklicherweise sind die Tiere dann in den Stall geflüchtet".

Was ist im Fall eines Ausbruchs zu tun?

"Unbedingt die Polizei anrufen, wenn es um Sicherheit im Verkehr geht", rät Schindler, Das sei auch aus versicherungsrechtlichen Gründen wichtig. Außerdem Nachbarn, Dorfgemeinschaft und möglicherweise die Feuerwehr informieren. Abgesehen vom Anruf bei der Polizei gibt es laut Michael Zaschka, Pressesprecher beim Polizeipräsidium Oberpfalz, kein "klassisches Ablaufschema". Viel hänge von den Örtlichkeiten und dem Verhalten der Tiere ab. "Aufgabe der Polizei ist es, sie vom Gefahrenbereich fernzuhalten, das Gefangennehmen ist dann Sache des Landwirts." Nicht zuletzt sei die Polizei auch nicht mit den entsprechenden Waffen und Munition für ein 300 Kilogramm schweres Tier ausgestattet. Sie könne aber Veterinäramt oder Jäger beauftragen.

Wie lange können Kühe in freier Natur überleben?

Das dürfte bei satten Wiesen kein Problem sein, so die Erfahrung der Landwirte. Allerdings brauchen Rinder viel Wasser zum Trinken. Auf 20 bis 30 Liter schätzt BBV-Obmann Irlbacher den Bedarf, bei Milchkühen sei es noch mehr. Es komme also darauf an, ob ein Bach oder Weiher gefunden wird.

Welche Methoden gibt es, um die Tiere wieder einzufangen?

"Unbedingt Ruhe bewahren! Je hektischer man ist, desto mehr laufen die Kühe davon", rät Kreisbäuerin Schindler. Ein Patentrezept gebe es nicht. Landwirte könnten versuchen, die nicht aggressiven Tiere einzukreisen und Richtung Stall zu treiben. Bei größerer Entfernung sei aber ein entsprechend großes Team erforderlich, da könne dann die Feuerwehr helfen, meint Bolz und rät zu Lockmitteln wie Kraftfutter, Brot oder Zuckerschnitzeln als zusätzliche Motivation. "Tierärzte oder Jäger werden seltener gerufen und nur dann, wenn eine wirklich große Gefahr von den entlaufenen Tieren ausgeht oder diese schon über einen längeren Zeitraum nicht eingefangen werden konnten". "Das letzte Jungtier haben wir cowboymäßig eingefangen", verrät Martin Prey aus Niedermurach, "mit einem Strick vom Autofenster aus".

Verändert so ein Ausbruch die Tiere?

Wenn ein Tier aufgeschreckt wird. löst das einen Fluchtreflex aus. So manche Kuh ist danach regelrecht traumatisiert, teils über Tage und Wochen, berichten Landwirte.

Wer haftet für Schäden?

Im Prinzip der Landwirt - falls mangelnde Aufsicht der Fall ist, ihn also ein Verschulden trifft. Im Gegensatz zur Hobbytierhaltung gibt es aber keine Haftung, wenn der Landwirt "übliche Maßnahmen im Rahmen der Hütesicherheit" getroffen hat ( § 833 BGB).Meist greift eine betriebliche Haftpflicht.

Zählt ein Bio-Rind noch als solches, wenn es von fremden Wiesen nascht?

"So etwas wie gespritztes Gras gibt es nicht", klärt BBV-Obmann Irlbacher auf. Die Gefahr, dass ausgebüxte Bio-Rinder mal einen Halm "mit Chemie" erwischen, sieht er als äußerst unwahrscheinlich an. Außerdem: "Bei Bienen ist es ja auch nicht zu vermeiden, dass sie sich an einer Blume bedienen, die nicht bio ist."

OnetzPlus
Niedermurach23.05.2026
OnetzPlus
Kastl bei Kemnath21.05.2026
Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:
Zum Fortsetzen bitte

Sie sind bereits eingeloggt.

Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein OnetzPlus- oder E-Paper-Abo.