12.06.2019 - 10:34 Uhr
Oberbibrach bei VorbachOberpfalz

Heimat für das "Selwa Gmachte"

Dem traditionellen Handwerk wieder die Würde zurückgeben: Dieses Ziel verfolgt in Oberbibrach ein neu gegründeter Verein. Aber der Weg ist weit und die behördlichen Hürden liegen hoch.

"Selwa g'macht" aus Oberbibrach, das klingt schon jetzt verheißungsvoll. Für den guten Werbespruch bekommt Marianne Wiesend vom Vorstand des neuen Vereins um Hans Karl Hübner (Mitte), Florian Götz und Josef Henfling (von links) Anerkennung. Mit im Bild sind Bürgermeister Werner Roder (rechts) und Leader-Manager Hans-Michael Pilz (Dritter von links.)
von Robert DotzauerProfil
Hängt die Sau oder das Rindvieh am Galgen und der Veterinär hat seine Arbeit getan, beginnt die Feinarbeit des Zerlegens. Dieses Bild vor Augen, kämpft der neue Verein um eine Wiederbelebung des Gemeinschafts-Schlachthauses
Ob die Wurstkessel Wiederverwendung finden, wird sich in einem Sanierungskonzept herausstellen.

An einem Strick wird das Oberpfälzer Hausschwein ins Schlachthaus geführt. Der Metzger betäubt die Sau und sticht sie anschließend gekonnt. Der Körper muss ausbluten, ehe er an den Galgen gehängt wird. Romantisch verklärt ist dieses Bild von der Hausschlachtung oder dem Schlachtfest im Gemeinschafts-Schlachthaus. Ein Bild aus einem traditionellen Handwerk mit dampfendem Wurstkessel, mit Borsten abkratzen, mit Schinken, Speck und Saukopf, mit Innereien und Blut- und Leberwürsten. Eine Tradition, die vielleicht bald in Oberbibrach zu neuer Dynamik führt. Helden für diese Wiederauferstehung gibt es bereits. „Selwa g’macht“ heißt der neu gegründete Verein, der sich dem Erhalt des traditionellen Lebensmittelhandwerks annimmt.

Vor zwei Monaten gegründet, möchte der Verein die Oberbibracher Gemeinschafts-Schlachtanlage nach rückläufiger Nutzung in den vergangenen Jahrzehnten wieder mit Leben erfüllen. Den Hauptzweck erläuterte bei einem Ortstermin mit Leader-Koordinator Hans-Michael Pilz und Bürgermeister Werner Roder der Initiator und Vereinsgründer Hans-Karl Hübner. Der Oberbibracher denkt an neue Aktivitäten in der in die Jahre gekommenen Anlage. „Zusätzliche Nutzungen könnten dem Erhalt und der Weitergabe alter handwerklicher Fähigkeiten dienen und altes Wissen und Kulturgut erhalten“, betonte Hübner beim Ortstermin.

Die Vorstellungen des Vereinsvorsitzenden für eine multifunktionale Nutzung des Gebäudes sind schon weit gediehen. Die Ideen reichen von Schlachtungen und den damit zusammenhängenden Produkten bis hin zur Dosenware und Geräucherten. Darüber hinaus sieht Hübner Möglichkeiten für das Bierbrauen, Obstkeltern und Mosten, das Destillieren, Buttern, Honigschleudern und Küchlebacken. Auch die Käseherstellung gehört zu den Visionen des Vereinsvorsitzenden. Den Rahmen soll eine Belebung traditioneller handwerklicher Praktiken zur Herstellung von Lebensmitteln dienen. „Wöis halt fröia woa“, lautet die Vorstellung, die passive Mitglieder dazu bewegen soll, aktiv das alte Wissen und den Erfahrungsschatz in ihrer Ursprünglichkeit an die junge Generation weiterzugeben. Hübner hofft dabei auch auf die Unterstützung heimatpflegerischer Organisationen und der Volkshochschule.

Doch der Weg zur Realisierung ist lang und steinig. Das weiß auch Hans-Karl Hübner. Die Eigentumsverhältnisse gilt es ebenso zu berücksichtigen wie die Finanzierungsmöglichkeiten. Und auch die Hygienevorschriften sind eine große Hürde. Die Tiere müssen hinter verschlossenen Türen und in zertifizierten Räumen geschlachtet und unter vielen weiteren Auflagen zerlegt und verwurstet werden, falls die Ware für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Insgesamt bedürfen alle Räume dringend der Sanierung. Das Gebäude diente ursprünglich der Oberbibracher Gefriergemeinschaft zum Tiefkühlen ihrer Erzeugnisse. 1976 folgte der Umbau in ein Schlachthaus. Die Räumlichkeiten dienten auch als sogenannte Freibank.

Nach reger Nutzung in früheren Jahrzehnten muss ein neues und nachhaltiges Konzept her, erklärte Hübner dem Vertreter der sogenannten Leader-Projekte in der Oberpfalz. Hans-Michael Pilz ist Ansprechpartner für alle Förderfragen der Lokalen Aktionsgruppen (LAG). Auch das Vierstädtedreieck gehört zu den Akteuren. Doch auch der Leader-Manager weiß um die vielen Hürden. Dennoch gab sich Pilz vor Ort zur Frage der Fördermöglichkeiten vorsichtig optimistisch: „Eine tolle Sache, da muss man was machen.“ Zudem erläuterte er die Hausaufgaben, die es im Rahmen eines Antragsverfahrens zu erledigen gebe. Unterstützung findet der Verein auch beim Gemeindechef. „Es lohnt sich, das Gebäude zu erhalten und einer handwerklichen Nutzung zuzuführen“, betonte Roder. Der Bürgermeister denkt dabei besonders an eine Förderung im Rahmen der Dorferneuerung.

Info:

Mitglieder und Auszeichnung

Zur Gründung des neuen Vereins haben bereits 20 Personen ihre Mitgliedschaft gezeichnet. Von weiteren 20 Interessenten gibt es Zusagen, freute sich Hans-Karl Hübner. Eine formelle Hürde ist schon genommen. Der Motor der Initiative berichtete von der Anerkennung der Gemeinnützigkeit des Vereins durch das Finanzamt. Die Eintragung in das Vereinsregister sei beantragt. Bis zum 18. Lebensjahr ist die Mitgliedschaft kostenlos. Damit hoffen die Vereinsgründer, verstärkt Jugendliche für die Vereinsaufgaben zu gewinnen.

Verbunden mit der Hoffnung, dass bald der unverwechselbare Duft des Kesselfleisches, der Fleisch- und Wurstsuppn und der frischen Blut- und Leberwürste durch das Dorf ziehe, gab es noch eine Auszeichnung für Marianne Wiesend. Geehrt wurde sie als Siegerin eines Namenswettbewerbes für den neuen Verein. Verlockend klingt schon jetzt der Werbetitel: „Selwa g’macht“ – und das aus Oberbibrach. (do)

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