17.04.2020 - 16:10 Uhr
Oberbibrach bei VorbachOberpfalz

Sechs Tote und brennende Höfe: Das Kriegsende in Oberbibrach

„Fast die Hälfte des Ortes ging an diesem Tag beim Einmarsch der amerikanischen Truppen in Flammen auf“: So lautete das Fazit in der Eschenbach-Auerbacher-Volkszeitung vom 20. April 1950 zur Bombardierung von Oberbibrach.

Die fünf Opfer der Bombarierung von Oberbibrach. Der Soldat James Pydde wurde erschossen.
von EDOProfil

Sechs Tote beinhaltete außerdem die traurige Bilanz für den 19. April 1945. In dem von Altbürgermeister Hans Hübner zu Beginn der 1990er Jahre verfassten Buch „Kriegsende vor 50 Jahren“, das bis heute einen wertvollen Beitrag für das kollektive Gedächtnis der Oberbibracher darstellt, werden die Ereugnisse damals wie folgt dargestellt.

Ausgelöst wurde der Beschuss durch den Hochmut deutscher Leutnants, die mit Maschinengewehren auf ein alliiertes Aufklärungsflugzeug schossen. Der Gegenschlag der US-Armee kam prompt und fiel um ein Vielfaches heftiger aus: Ab 9.30 Uhr hagelte es an jenem Donnerstag Spreng- und Brandbomben auf das kleine Dorf in der Biberbachaue nieder.

Wohngebäude und landwirtschaftliche Gebäude standen sofort in Flammen, und es gab auch Tote zu beklagen. Pfarrer Augustin Hillburger wurde von einer Granate tödlich getroffen. Michael und Theresa Henfling (Hofname Schramm), die im Keller ihres Hauses Schutz gesucht hatten, verbrannten nach dem Einschlag einer Bombe. Ihr Sohn Johann erlag zwei Tage später im Krankenhaus Eschenbach seinen Verletzungen.

Auch Johann Baptist Schöcklmann ("Schleicher") ließ an diesem Tag sein Leben. „Unser Vater ging die Kellertreppe hinunter. Beim alten Feuerwehrhaus schlug eine Granate ein, und ein Splitter erwischte ihn“, erinnert sich seine Tochter Tilla in Hübners Aufzeichnungen: „Man vergisst das nie, aber man möchte es verdrängen.“

Der Berliner Soldat James Pydde wollte sich von seiner in Grafenwöhr stationierten Truppe vermutlich in seine Heimat absetzen. Während des Angriffs war er zufälligerweise in Oberbibrach und half dort beim Löschen und Retten. Aufgrund seiner Erkennungsmarke wurde er erschossen.

Obwohl die deutsche Wehrmacht keine Chance hatte, kam eine Kapitulation des Dorfes für sie nicht infrage. Deshalb fassten zwei Oberbibracher Männer einen mutigen Entschluss. Der damals 76-jährige Georg Schmid - zu jener Zeit dienstältester Mesner in der Diözese Regensburg - und der Soldat Georg Schmidt - 25 Jahre alt und gerade auf Kurzurlaub in der Heimat - widersetzten sich unter Einsatz ihres Lebens dem Befehl. Vorbei an den deutschen Soldaten schlichen sie sich in die Kirche St. Johannes und brachten an dem Gotteshaus ein weißes Banner an. Die Amerikaner stellten daraufhin kurz vor Mittag das Feuer ein.

Die Bärenbräu- Brauerei als größtes Gebäude im Ort war das Hauptziel bei der Bombardierung und brannte zum großen Teil ab - wahrscheinlich, weil hier der Stützpunkt der Wehrmacht vermutet wurde.
Im Blickpunkt:

Am "Alten Berg" in Stellung

Nur noch Wenige können heute von dem wohl schicksalsreichsten Tag der neuzeitlichen Dorfgeschichte, die bis ins elfte Jahrhundert zurückreicht, berichten: Einer davon ist Altbürgermeister Anton Schecklmann, der die Bombardierung zusammen mit seinen Eltern, der Tante und den sieben Geschwistern als Siebenjähriger im elterlichen Anwesen im benachbarten Weiler Unterbibrach erlebte.

„Es war ein schöner Frühlingsmorgen. Mein Bruder Hans und ich waren gerade mit dem Fuhrwerk auf dem Weg zur Feldarbeit, als wir zuerst einen Aufklärungsflieger gehört und dann gesehen haben. Er kreiste mehrmals über das Dorf“, erzählt Schecklmann: „Es war zunächst friedlich, aber bedrohlich friedlich.“

Einige sahen, wie sich die Amerikaner am „Alten Berg“- einer Erhebung am nordwestlichen Ortsrand von Oberbibrach - in Stellung brachten. „Dann kamen immer mehr Leute aus dem Dorf zu uns auf den Bauernhof, weil sie sich in unserem Keller sicherer fühlten. Auch die Nachbarn liefen zu uns“, erinnert er sich: „Die Bombardierung haben wir nicht gesehen, aber gehört.“

Gegen Mittag marschierten dann amerikanische Soldaten in den Hof der Schecklmanns. „Sie nahmen Zigarettenpapier und Eier mit, den Pressack verschmähten sie“, berichtet Schecklmann: „Wahrscheinlich hatten sie Angst, dass er vergiftet ist.“ Sehr eingeschüchtert von den Soldaten sei er damals als kleiner Bub gewesen, sagt der heute 82-Jährige: „Vor allem vor den dunkelhäutigen Soldaten hatte man uns gewarnt.“

Anton Schecklmann.
Rudolf Lins.
Im Blickpunkt:

„Unser Haus bestand nur noch aus vier Wänden"

An seinen ersten Schultag könne er sich nicht mehr erinnern, obwohl er da schon zwei Jahre älter gewesen sei, betont Rudolf Lins, Jahrgang 1940. „Aber der 19. April 1945 hat sich mir sehr stark eingeprägt“, erklärt der Landwirt, langjährige Gemeinderat und stellvertretende Bürgermeister. Als Vierjähriger erlebte er den Einmarsch der Alliierten in sein Heimatdorf - und wie das eigene Haus danach ohne Dach dagestanden sei.

Alle befragten Zeitzeugen – egal ob im Buch von Hans Hübner oder in den aktuellen Interviews - beginnen ihre Schilderungen zu diesem denkwürdigen Tag meist mit der gleichen Formulierung: „Es war ein schöner Frühlingstag mit mildem Wetter.“ Dieser Hinweis auf die freundlichen Umweltfaktoren verstärkt jedoch die Grausamkeit der gesellschaftlichen Ereignisse, die sich parallel dazu abgespielt haben.

Lins' Vater sei nicht zu Hause gewesen, und er habe jeden Abend mit seinen Geschwistern und der Mutter laut gebetet, erinnert sich Rudolf Lins. Aber was Krieg wirklich bedeute, davon habe er bis dahin nichts gewusst, sagt er: „Von uns Kindern wurde das zum Glück fern gehalten, sonst hätten wir Tag und Nacht Angst gehabt. Und im Gegensatz zu heute, hatten wir auch keinen Zugang zu Medien.“ Heute würden Kinder in dem Alter schon viel mehr mitbekommen, ist der mehrfache Großvater überzeugt.

Zusammen mit seinen beiden Brüdern und der Schwester lebte er im heute noch existierenden „Gloser-Haus“ in der Dorfmitte, direkt neben der Bärenbräu-Brauerei, dem größten Gebäude im Dorf. Seine Mutter kümmerte sich um die kleine Landwirtschaft.

„Am Vormittag des 19. Aprils hat sie meine Brüder und mich gepackt, und wir gingen uns an den Händen haltend nach draußen“, berichtet er. Das sei damals aber üblich gewesen, wenn man das Grundstück verließ, um zum Beispiel gemeinsam spazieren zu gehen: Man passte aufeinander auf.

Doch diesmal seien sie schneller gegangen als sonst. „Wir liefen zu den Felsenkellern in der Martergasse, wo schon einige Frauen aus dem Dorf waren.“ Die meisten Männer waren zu diesem Zeitpunkt des Krieges nicht mehr zu Hause.

Dass irgendetwas nicht stimmte, wurde dem Vierjährigen allmählich klar. An viel Rauch und großen Lärm auf dem Weg kann er sich noch erinnern - und an die Verzweiflung seiner Mutter: „Meine Schwester war nicht bei uns, sie befand sich im Pfarrhaus bei einer Rotkreuz-Schwester.“ Die beiden hatten es nicht rechtzeitig in den Bunker geschafft.

„Alle Frauen und Kinder im Keller beteten, die meisten weinten.“ Auch Soldaten der Wehrmacht befanden sich unter ihnen. „Sie wollten aus dem Keller hinausschießen“, erinnert sich Lins, zum Glück aber ließen sie sich davon abbringen, „sonst wären auch wir bombardiert worden“.

Als Spielzeug hatte Rudi Lins damals eine Blechbüchse und eine kleine Schaukel, Fahrzeuge habe es im Dorf fast keine gegeben, sagt er: „An dem Tag habe ich zum ersten Mal einen Panzer gesehen – und dunkelhäutige Menschen. Das vergisst man nicht.“

Einige Zeit, nachdem der Beschuss vorbei war, haben sie sich zurück ins Dorf getraut: „Unser Haus bestand nur noch aus vier Wänden, das Dach war abgebrannt.“ Ein Kollateralschaden: Der Bärenbräu war das eigentliche Ziel der alliierten Bomben, dort sei der lokale Stützpunkt der Wehrmacht vermutet worden. Auch die große Brauerei brannte.

Ihr Vieh sei glücklicherweise nicht verletzt worden, sagt Lins. Seine Schwester und die Frau vom Roten Kreuz krochen aus einem Backofen hervor, der sich unweit des Lins-Hauses und der Brauerei befand. „Sie hatten zum Glück nur eine leichte Rauchvergiftung.“

Ein Nachbar, der „Schneider-Girgl“, habe ihn und seine Geschwister dann zu sich geholt. „Er gab uns Essen, Blut- und Leberwürste.“ Georg Schmid, so sein offizieller Name, war der Fleischbeschauer, er begutachtete die Tiere beim Schlachten auf Krankheiten. „Er hat von den Bauern immer etwas mitbekommen“, sagt Lins.

Weil er aber einer der wenigen Männer im Dorf war, geriet er unter Verdacht und wurde von den amerikanischen Soldaten verhört: „Die Gewehre hatten sie dabei im Anschlag.“ Erst als er seine Befreiung vom Kriegsdienst vorlegen konnte, ließen sie von ihm ab.

In den nächsten Tagen wurde Familie Lins dann einem Nachbarn zugewiesen. „Wir kamen zum 'Bock', dort war nur noch die Mutter daheim.“ Heute, betont Lins, gebe es Supermärkte, wenn er Hunger habe: „1945 konnte man nichts kaufen, weil es nichts gab. Und das Geld war auch nichts wert.“

Rudi Lins erkundigt sich beim Verfasser, ob den Jüngeren der Begriff „Schmieren“ noch geläufig sei. Die einzige Möglichkeit sei das gewesen, um an Lebensmittel zu kommen: zehn Eier gegen eine Schüssel Mehl zum Beispiel. „Einmal kam ein Mann aus der Stadt mit einem verkrüppelten Stück Butterpapier, das er wohl schon mehrfach benutzt hatte. Er bettelte um einen Löffel Fett“, berichtet der 79- Jährige: „Heute wird Fett vom Fleisch abgeschnitten und weggeschmissen.“ Ein anderer habe seine getragenen Schuhe im Tausch gegen Butter angeboten.

Im Sommer 1945 sei dann das Haus von hiesigen Handwerkern wieder aufgebaut worden. „Meine Mutter ging oft zu Fuß nach Kirchenthumbach, um beim Landrat Prüschenk nach Baumaterialien zu fragen.“ Oft sei sie nach Hause gekommen und habe gesagt: „Der Landrat hat nichts.“

Kurz vor dem Winter habe sie doch die Zusage für Ziegel von einem der verlassenen Häuser im Truppenübungsplatz erhalten. „Als wir dann dort waren, hatte sie schon ein anderer mitgenommen.“ Den Winter verbrachte die Familie in einer Holzbaracke. Durch die Landwirtschaft hätten sie immer „einen Liter Milch, Butter und ein paar Erdäpfel“ gehabt, sagt Lins. Als sein Vater 1946 aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, ging es weiter voran.

Eines ist Rudi Lins noch wichtig: „Ich habe das Glück, dass es seitdem in meinem Leben immer nur aufwärts gegangen ist. Die Coronakrise ist wieder eine Vollbremsung, aber es ist kein Vergleich zu damals. Wir müssen uns jetzt halt vernünftig verhalten.“

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