04.11.2021 - 10:31 Uhr
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So (k)ein Müll - ein Selbstversuch

Die Verpackung der Tomaten, die Tüte an der Kasse, der Deckel der Gesichtscreme - Plastik ist allgegenwärtig. Doch lässt es sich vermeiden? Redakteurin Laura Schertl macht den Selbstversuch.

Müll stellt für unsere Umwelt eine echte Bedrohung dar. Die Lösung: Erst gar nicht so viel Müll produzieren. Aber wie schwer ist das?
von Laura Schertl Kontakt Profil

Etwa 445 Kilogramm Müll produzieren wir Deutschen im Jahr. Davon sind ganze 39 Kilo Plastikverpackungen. Das Problem dabei: Selbst wenn wir unseren Müll trennen, kann nur ein kleiner Teil davon recycelt werden. Der Rest wird zu Lasten der Umwelt verbrannt. Die Lösung scheint da recht einfach: Gar nicht erst so viel (Plastik-)Müll produzieren. Aber geht das überhaupt so einfach? Ich will’s herausfinden.

Noch bevor Montag Morgen um 7 Uhr ich überhaupt richtig angezogen bin, stehe ich schon vor dem ersten Problem: Ich trage Tageslinsen. Und die kommen ausschließlich in einer Plastikverpackung. Dazu kommt: Ich schminke mich. Und Make-Up, das nicht in Plastikverpackungen kommt, habe ich persönlich entweder noch nicht gesehen oder nicht für gut befunden. Das Problem an unserer Kosmetik ist aber: In ihr kommt sogenanntes primäres Mikroplastik vor, zum Beispiel in Form von Peeling-Partikeln oder als Schleifmittel in Zahnpasta. Sekundäres Mikroplastik dagegen entsteht durch den Zerfall größerer Plastikprodukte in Flüssen oder Meeren. Aber zurück in mein Badezimmer, denn auch hier gibt es Fortschritt: Fürs Abschminken habe ich nämlich glücklicherweise schon länger eine müllfreie Lösung. Die sonst so beliebten Wattepads habe ich durch waschbare Abschminktücher aus Baumwolle ersetzt, die es mittlerweile in jeder Drogerie gibt. Meine Zahnbürste musste einer Bambus-Variante weichen und statt Zahnpasta benutze ich Zahnputztabs. Beides kommt in Papierverpackungen. Kein allzu schlechter Start, wie ich finde.

Wie nachhaltig kann ich meinen Alltag gestalten? Für manche Probleme habe ich schon eine Lösung - wie hier.

Lösung: unverpackt?

Das nächste Hindernis: Der Wocheneinkauf. Obst und Gemüse kaufe ich schon immer lose, hier ändert sich also nichts. Einen eigenen Korb habe ich sowieso immer dabei und Wasser kaufe ich nicht in Flaschen, sondern trinke Leitungswasser. Ein paar Bedenken weniger. Aber Reis, Nudeln oder Müsli bekomme ich in meinem Supermarkt nicht ohne Plastik. Eine Alternative muss her – und ist auch schnell gefunden: Der Unverpackt-Laden, den es jetzt auch in meiner Nähe gibt. Pluspunkt: Ich bekomme dort alles ohne störende Plastik-Verpackung. Minuspunkt: Ich muss extra hinfahren und kann meinen Einkauf nicht wie sonst im Supermarkt gegenüber von meiner Wohnung erledigen. Ein Nachteil, den ich aber gerne in Kauf nehme, wenn ich dafür dann auch den Großteil meiner Einkaufsliste bekomme. Immer in mehrere Läden zu fahren, das wäre mir auf Dauer vermutlich zu aufwändig.

Bio und regional

Mit Gläsern und Dosen bepackt mache ich mich also auf den Weg. Robert Adunka, der seinen „Weltfairbesserer“-Laden in Sulzbach-Rosenberg seit 2019 leitet und nun auch in Amberg einen Zweitladen eröffnet hat, erklärt mir, wie der Einkauf hier abläuft: „Zuerst wiegen die Kunden hier ihre mitgebrachten Dosen und beschriften sie mit einem Aufkleber. So sehen wir später an der Kasse, was wir vom Endgewicht abziehen müssen. Kontrolliert wird das nicht, wir vertrauen unseren Kunden.“ Wer selbst keine Gefäße mitgebracht hat, kann sich hier außerdem verschiedene Gläser, Dosen und Beutel ausleihen oder kaufen. In zahlreichen Schütten kann man sich jetzt sogenannte rieselfähige Lebensmittel wie Nudeln, Reis, Müsli oder Nüsse selbst umfüllen. Fast alles in Robert Adunkas Laden hat Bio-Qualität und ist regional: „Wir versuchen immer, dass wir unsere Produkte in der Region einkaufen können. Erst, wenn das nicht möglich ist, schauen wir weiter weg.“ Auch auf fairen Handel achtet der Inhaber. „Mit meinen Lieferanten verhandle ich nie. Ich nehme immer den Preis an, der mir genannt wird.“

In diesen Behältern können sich Kunden sogenannte rieselfähige Lebensmittel abfüllen.

Ein Beutel Plastik

Hier kann ich nahezu alles kaufen, was ich normalerweise benötige. Neben Nudeln, Reis und allerlei Getreide gibt es nämlich auch Obst und Gemüse, Gewürze und Trockenfrüchte. Ich kann Seifen zum Duschen kaufen, festes Shampoo und Zahnpasta – alles ohne Plastik. Sogar Reinigungsmittel wird hier – wenn gewünscht – von den Angestellten abgefüllt. Zugegeben: ich wusste schon länger, dass es diesen Laden hier gibt. Bisher hat mich immer ein Gedanke abgehalten: es muss doch furchtbar teuer sein, hier einzukaufen? Tatsächlich nicht. Denn beim Nachrechnen stelle ich fest: Produkte wie Nudeln, Haferflocken oder Reis sind kaum bis gar nicht teurer als die in Plastik verpackten Versionen, die ich im Supermarkt normalerweise kaufe. „Gerade durch das selbst abfüllen und die eigenen Behälter wird das deutlich günstiger, als die meisten erwarten“, erklärt mir Robert Adunka. Auch er und seine Frau hatten Bedenken, als sie anfingen, für ihre sechsköpfige Familie unverpackt einzukaufen. „Aber wir haben relativ schnell gemerkt, dass unsere Sorgen nicht eintreten werden. Wir haben das dann mal nachgerechnet: Wir geben pro Monat in etwa den Regelsatz für Essen aus, den man bei Hartz 4 bekommt.“ Unverpackt ist für Robert Adunka längst ein Lebensstil: sein Laden verursacht pro Woche nur einen winzigen Beutel voll Plastik. Das sind die gelieferten Verpackungen mancher Produkte, die nicht vermieden werden können.

Dass "unverpackt" immer teurer ist, ist ein Mythos.

Unperfekt perfekt

Auch ich komme nicht immer an Plastik vorbei. Zum Beispiel bei Produkten, auf die ich einfach nicht verzichten möchte. Veganen Joghurt oder Frischkäse bekomme ich in meiner Umgebung nirgends ohne Plastikverpackung. Gerade beim Thema Kosmetik bin ich außerdem wirklich empfindlich und nicht sonderlich experimentierfreudig – auf Make-Up möchte ich auch nicht verzichten. Und manchmal bin ich auch gedankenlos: Schnell einen Schokoriegel mitnehmen oder doch die Einkaufstüte vergessen. Ich bin schockiert, wie oft ich doch gedankenlos Plastikmüll verursache – nicht gerade ermutigend. Aber was jetzt? Radikal umstellen und auf vieles verzichten – oder doch lieber direkt aufgeben, weil die Aufgabe so unmöglich scheint? Nichts davon.

Lieber fange ich ab jetzt an, bewusster zu kaufen. In Unverpacktläden zu gehen und doch mal die Haarseife ausprobieren, an der ich schon so lange vorbeilaufe. Gerade als Plastikfrei-Anfänger reicht es, klein anzufangen. In welchem Lebensbereich kann ich anfangen, auf Plastik zu verzichten? Wo fällt es mir besonders leicht? Da fange ich an. Und nach und nach kann ich „plastikfrei“ dann auch auf andere Bereiche ausweiten. Soweit der Plan. Auch Robert Adunka findet: „Anstatt ein paar perfekt plastikfrei lebende Menschen brauchen wir lieber ganz viele, die so viel einsparen, wie es geht.“ Deshalb: Macht das, was ihr machen könnt. Ob das erst mal nur Gemüse ohne Plastikverpackung ist oder gleich ein ganzer plastikfreier Einkauf – jeder Beitrag zählt.

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Hintergrund:

So sparst du Plastik:

Oft fällt Plastikmüll vor allem aus Unachtsamkeit an. Deshalb zeigen wir ein paar Tipps, wie sich Plastik ganz einfach vermeiden lässt.

  • Tüte oder Korb mit zum Einkaufen nehmen
  • Bauernmärkte und Unverpacktläden nutzen
  • Feste Shampoos oder Seifen verwenden
  • Plastikrasierer durch Rasierhobel ersetzen
  • Überflüssige Einwegprodukte verbannen
  • Mehrweg- statt Einwegflaschen kaufen
  • Kosmetik ohne Mikroplastik kaufen
  • Müll trennen und in der Natur aufsammeln
Detailed photography of sea water contaminated by micro plastic. Environment pollution concept.
Plastik sparen, damit wir solche Bilder irgendwann nicht mehr sehen.

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