17.07.2020 - 16:00 Uhr
OberviechtachOberpfalz

Corona bremst Praxisausbildung in den Berufsschulen

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Masken und Abstand, halbierte Klassen und Desinfektionsmittel begleiten den Unterricht an den Berufsschulen in Oberviechtach und Neunburg. Bei der Praxis in Küche und Wald tritt das Coronavirus kräftig auf die Bremse.

Putzfimmel in der Schulküche der Berufsfachschule Oberviechtach: Nach dem Kochen und Abspülen werden alle Flächen desinfiziert. Die nächste Klasse wischt dann vor Unterrichtsbeginn noch einmal drüber. Außerdem hat jeder Schüler eine ganze Küchenzeile für sich und muss auch Öl und Essig nicht teilen. Geräte, wie den Pürierstab, reicht die Lehrkraft desinfiziert weiter.
von Gertraud Portner Kontakt Profil

Aufatmen bei Lehrern und Schülern: In Kürze beginnen die Sommerferien und damit pausieren auch die strikten Corona-Hygiene-Maßnahmen im Schulbetrieb. Besonders einschneidend sind die Regelungen beim Praxisunterricht. Oberpfalz-Medien fragte bei zwei Außenstellen des Beruflichen Schulzentrums Oskar-von-Miller Schwandorf nach. Während bei den drei Berufsfachschulen in Oberviechtach besonders die Sozialpflege-Klassen sowie der Bereich Ernährung und Versorgung betroffen sind, müssen sich bei der Berufsschule in Neunburg die Forstwirte vom Wald fernhalten.

Grundsätzlich hat jeder Schüler sein eigenes Werkzeug.

Günter Dirnberger, Leiter der Berufsschule Neunburg

„Wir haben ein Hygienekonzept wie jede andere Schule auch.“ Studiendirektor Günter Dirnberger, Außenstellenleiter der Berufsschule Neunburg, zählt auf: Die Schüler kommen mit Maske, am Eingang stehen Desinfektionsspender und in den Klassenzimmern gibt es Waschbecken mit Seife. „Außerdem bleiben die Türen offen, damit die Klinke nicht berührt werden muss.“

Arbeitsschritte besser planen

Der Praxisunterricht für die Metall- und Holzbearbeitung findet in den Werkstätten oder im Freien statt. „Grundsätzlich hat jeder Schüler sein eigenes Werkzeug“, betont der Schulleiter. Um den Wechsel zu den großen Maschinen – und damit die Desinfektion von Hobelmaschine oder Ständerbohrmaschine – einzuschränken, fassen die Lehrer die Arbeitsschritte zusammen. „Das benötigt eine detaillierte Planung“, betont Dirnberger.

Gute Vorarbeit ist aufgrund des Hygienekonzepts auch beim Unterricht an den Berufsfachschulen Oberviechtach notwendig. „Für jede Stunde musst Du dir überlegen, wie Du es machst“, erklärt Fachoberlehrerin Angela Ströber. Zwecks der Abstandsregeln zeigt sie beispielsweise das „Knopf annähen“ mittels Dokumentenkamera und übertragen per Beamer vor. Der Musikraum wird als Umkleideraum für die „Küche 2“ genutzt. Bevor hier die Schüler mit dem Kochen beginnen, wischen sie alle Flächen ab – obwohl die Gruppe vorher bereits desinfiziert hat. Die Lehrkraft teilt die Lebensmittel aus und räumt sie auch wieder ein. Essig und Öl stehen am Platz. „Einige Geräte, wie den Pürierstab, reiche ich jeweils abgewischt weiter“, erklärt Ströber.

Fachoberlehrerin Edeltraud Kutscher unterrichtet seit 44 Jahren. „So etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagt sie. Statt die Hälfte einer Klasse darf derzeit nur ein Viertel davon in die Schulküche. Jeder Schüler hat eine eigene Küchenzeile für sich alleine und Abstand ist auch an der Spülmaschine angesagt. Gegessen wird nicht gemeinsam am Tisch, sondern einzeln in der Koje. „Wir brauchen unglaublich viele Tücher und kommen kaum mehr mit dem Bügeln nach“, sagt Kutscher und zeigt auf einen Stapel Geschirrtücher hinter der Bügelmaschine im Nebenraum. „Hitze ist wie Desinfizieren und gewaschen wird auch bei 90 Grad.“

Die Berufsfachschule Oberviechtach verfolgt ein striktes Hygiene-Konzept

Oberviechtach

Die Forstwirte an der Berufsschule Neunburg trifft es ziemlich hart: Die vier Wochenstunden, die jede Klasse laut Stundenplan draußen im Wald verbringt, sind gestrichen. „Der Grund dafür ist, dass wir die Schüler derzeit nicht mit dem VW-Bus befördern dürfen, da sie dort zu eng beieinander sitzen“, erklärt Günter Dirnberger. Mit der Motorsäge Bäume fällen oder entasten ist ebenso tabu wie das Pflanzen von Tannen und Buchen. Auch Baumartenkunde und Walderschließung gibt es aktuell nur in der Theorie.

„Der Teufel steckt im Detail“, meint der Oberviechtacher Schulleiter, Studiendirektor Thomas Schiller, und spricht eine Woche vor den Ferien die unterschiedlichen Hygiene-Anforderungen der drei Berufsfachschulen an. Getroffen habe es besonders die praktische Ausbildung: „Es gab eine Sonderregelung für Prüfungen, da Inhalte abgehen.“ Die Praxistage bei den Hauswirtschafts-Meisterinnen fielen drei Monate lang aus, und im Bereich Kinderpflege standen die Kindergärten erst seit kurzem wieder für Anleitungs-Einheiten zur Verfügung. Am härtesten traf es die Berufsfachschule für Sozialpflege: Seit 13. März dürfen die Schüler nicht mehr ins Altenheim. Neben der fehlenden Beschäftigung mit den Senioren leide auch die Gruppenarbeit. Was die Praxistage im Schuljahr 2020/21 betrifft, vermutet der Außenstellenleiter, dass die Betriebe wohl eher Block-Praktikanten nehmen. „Das wird die Einteilung sehr erschweren.“

Hotel anstatt Schülerheim

Blockunterricht ist dagegen an der Berufsfachschule Neunburg, mit rund 525 Schülern aus ganz Bayern, die Regel. „Wir schaffen derzeit allerdings nur rund 70 Prozent“, erklärt Schulleiter Günter Dirnberger. Damit alle zum Zug kommen, werde wöchentlich gewechselt. Aber nicht nur die Schüleranzahl pro Klassenraum ist in Coronazeiten begrenzt. Auch die Plätze im Schülerheim werden knapp, nachdem die Zwei-Bett-Zimmer nur einzeln belegt werden dürfen. 20 bis 30 Auswärtige werden deshalb seit Wochen in Hotels und Gaststätten untergebracht. „Das bedeutet höhere Kosten für den Landkreis als Sachaufwandsträger“, verweist Dirnberger.

Der Teufel steckt im Detail.

Studiendirektor Thomas Schiller zu den Hygiene-Anforderungen der drei Oberviechtacher Berufsfachschulen

In Oberviechtach wird bereits an eine mögliche zweite Infektionswelle gedacht und an Verbesserungen der Kommunikation im Homeschooling. Wie Studiendirektorin Marga Schieder erklärt, läuft die Schulung aller Zehntklässler mit der neuen Office-Software „MS-Teams“. Bevor die nächste Gruppe kommt, muss die stellvertretende Schulleiterin noch die Computer, Tastaturen und Tische mit Desinfektionsmittel abwischen.

Hintergrund:

Außenstellen des Beruflichen Schulzentrums

Berufsfachschulen Oberviechtach

In den drei Staatlichen Berufsfachschulen für Sozialpflege, Ernährung und Versorgung sowie Kinderpflege kann der Mittlere Schulabschluss erreicht werden. Näheres: Telefon 09671 502 oder E-Mail bfsovi[at]bsz-sad[dot]de.

Berufsschule Neunburg

In den Fachbereichen Land- und Forstwirtschaft werden folgende Ausbildungsberufe angeboten: Forstwirte, Landwirte, Mechatroniker für Land- und Baumaschinentechnik. Für den Blockschulunterricht steht ein Schülerheim zur Verfügung. Näheres: Telefon 09672/92625-0 oder E-Mail nen[at]bsz-sad[dot]de.

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