06.09.2020 - 19:00 Uhr
OberviechtachOberpfalz

Drei Tore und viele Türme: Als Oberviechtach hinter Mauern lag

Nahezu 100 Jahre dauerte es im 15. Jahrhundert, Oberviechtach mit einer Ringmauer samt Graben zu umgeben. Schutz bot sie aber im Ernstfall nicht.

Oberviechtachs Urkataster von 1835 zeigt die nahezu birnenförmige Topografie. Der mittelalterliche Aufbau des Marktes und der Verlauf der einstigen Ringmauer sind erkennbar.
von Georg LangProfil

Wenn man den bekannten Merian-Stich von Oberviechtach aus dem Jahr 1644 betrachtet, fallen drei Tore und zahlreiche Türme auf, die in die Ringmauer integriert waren. Dass es sich hierbei nicht nur um eine künstlerische Ausgestaltung des Ortspanoramas seitens des Kupferstechers handelt, sondern um reale Bauwerke, machen historische Quellen deutlich, die sich auf den Standort und die Funktion der jeweiligen Gebäulichkeiten beziehen.

Das Schlossertor befand sich bei der heutigen Einfahrt zur Bahnhofstraße, wo jetzt die Architektur des Geschäftshauses, in dem eine Metzgereifiliale untergebracht ist, an die frühere Stadtmauer erinnert. Architekt Christian Schönberger hat einst bei der Fassadengestaltung dieses Gebäudes diesen historischen Akzent gesetzt. Weiter östlich schloss sich der Storchenturm an, auf den dann der Wasserturm folgte. Hier trat der Bach aus, der von der Marktmühle kommend den Ort durchfloss.

Vor allem für die Gerber und Färber war ein Fließgewässer dringend erforderlich. Dieses existiert heute noch, ist aber im gesamten Stadtbereich verrohrt. Es kommt aber nach der Durchquerung des Hütgrabens am neu gestalteten Parkplatz zum Vorschein und fließt von hier dem Siechenbach zu. Eine Ableitung von dessen Oberlauf sorgte einst für ein wassergefülltes Bachbett im Ortszentrum.

Weitere Türme in der Stadtmauer waren der Zoiglturm, der Turm am Mühltürl und der Festungsturm im Anschluss an das Nabburger Tor. Neben diesem komplettierte das Sailer- oder Böhmertor im Osten die drei Zugänge zum Markt. Außerhalb der Ringmauer existierte das Siechenhaus im Bereich des heutigen Hauses der Schwarz-Stiftung sowie das Hirtenhaus beim Böhmertor.

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Oberviechtach

Sowohl der Marian-Stich, noch mehr aber der Urkataster von 1835 geben Aufschluss über den nahezu birnenförmigen Verlauf der einstigen Mauer als auch über die Gesamttopografie des Marktes. Sämtliche Grundstücke des Katasters können anhand der Nummern unter Hinzuziehung schriftlicher Quellen den Besitzern des 19. Jahrhunderts zugewiesen werden.

Anfang des 15. Jahrhunderts, als man mit dem Bau der Ringmauer begann, wurden die Bürger vom Landesherrn für zehn Jahre von Steuern und Scharwerk befreit. Aber noch 1494 war das Projekt nicht ganz abgeschlossen. 1432 war somit dem Einfall der Hussiten keine effektive Abwehr entgegenzusetzen. Bei den Plünderungen Oberviechtachs im Dreißigjährigen Krieg hat sich aufgrund der Veränderung der Waffentechnik gezeigt, dass Mauern und Gräben wertlos geworden waren.

Der Oberviechtacher Stadtarchivar Dr. Erich Mathieu entdeckte 1973 Reste eines Rundturms im Anwesen von Josef Saller. Der Turm hatte einen Durchmesser von sechs Metern und eine Mauerstärke von 90 Zentimeter. Das Schicksal der gesamten Marktbefestigung war bereits um 1800 besiegelt, als diese verfallen war und an die Grundstücksangrenzer verkauft wurde. Viele errichteten im vorgelagerten Graben Gebäude, was beispielsweise an der Grundstücksstruktur im Hütgraben heute noch erkennbar ist.

Die historischen Grundlagen für diesen Artikel zur einstigen Oberviechtacher Ringmauer stammen von Dr. Emma Mages, Dr. Erich Mathieu und Studiendirektor a.D. Paul Wallinger.

In unmittelbarer Nähe dieses 2015 gestalteten Auslaufs des Stadtbaches am Hütgraben befand sich einst der Wasserturm.
Zwei der drei Tore des Marktes sind auf dem Merian-Stich von 1644 im Vordergrund deutlich zu erfassen: das Schlossertor links und das Böhmertor rechts. Im Westen ist auch das Nabburger Tor auszumachen.
Auf der Darstellung von Wilhelm Schreiber aus dem 19. Jahrhundert ist die Mauer bereits durch einen Zaun ersetzt.
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