13.08.2020 - 19:58 Uhr
OberviechtachOberpfalz

Der Glöckner von Obereppenried

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Im östlichen Landkreis Schwandorf gibt es in vielen Dörfern Glockentürme, die heute mit einem elektrisch gesteuerten Läutwerk ausgestattet sind. Per Hand erklingt die Dorfglocke nur noch selten. Doch einen Glöckner gibt es noch.

Konatsried (Stadt Oberviechtach) erhielt erst vor wenigen Jahren einen neuen Glockenturm, dessen Einweihung die Dorfgemeinschaft zusammen mit Freunden feierte.
von Georg LangProfil

In ihrer Dichte sind die Glockentürme im östlichen Landkreis Schwandorf ein Alleinstellungsmerkmal. In den Gebieten Oberviechtach, Nabburg und Neunburg finden sich diese einfachen Holzbauwerke in Dörfern ohne Kirche oder Kapelle. Auch um Tännesberg und Vohenstrauß sind sie in unterschiedlicher Ausführung anzutreffen. In anderen Regionen übernehmen kleine Türmchen auf Gebäuden, sogenannte Dachreiter, die Funktion der Glockentürme.Ein Alleinstellungsmerkmal hat wohl auch Glöckner Josef Röhrl.

Dreimal täglich, in der Früh, mittags um 12 Uhr und abends wurde einst von einem Glöckner im Dorf das Ave geläutet. Für diesen Dienst wurde er in Form eines kleinen Zubrots von der Dorfgemeinschaft entlohnt. Heute ist in den allermeisten Orten mit einem Glockenturm eine elektrische Steuerung der Dorfglocke mit einer Zeitschaltuhr installiert.

Eine Familientradition

Lediglich in Obereppenried, das an der Ascha liegt und zur Marktgemeinde Winklarn gehört, gibt es noch einen Glöckner. Josef Röhrl, auf dessen Grundstück sich der Glockenturm seit jeher befindet, läutet hier zweimal täglich, und zwar in der früh um 6 Uhr und mittags um 12 Uhr, so wie es sich mit seiner beruflichen Tätigkeit vereinbaren lässt. Beim Ableben eines Dorfbewohners wird natürlich auch geläutet. So haben es sein Vater und sein Großvater bereits praktiziert. Die Röhrls üben seit vielen Jahrzehnten die Läutdienste in Obereppenried aus. Eine Entlohnung erwartet Josef Röhrl nicht. „Das ist eine Ehrenaufgabe, die ich hier in der Familientradition ausübe“, stellt er wie selbstverständlich fest. An eine Elektroinstallation wird im bescheidenen Obereppenrieder Glockenturm mit der traditionellen Senkrechtverschalung nicht gedacht.

Zwei Typen von Türmen

Grundsätzlich gibt es zwei Typen von Glockentürmen. Gerüstbauten stellen eine offene Ständerbauweise aus mächtigen Balken dar, wobei die vier Eckpfosten in der Regel durch Andreaskreuze stabilisiert sind. Weit vielseitiger als die Gerüstbauten präsentieren sich die verkleideten Türme, bei denen eine Senkrechtverschalung dominiert. In Niesaß gibt es allerdings eine Querverschalung, wobei sich hier der Turm an der Basis zu einem „Läuthaus“ mit hervorspringender Eingangstür erweitert. Dies gilt auch für den Glockenturm in Obermurach am Fuße des Burgbergs. Dieses kunstvolle Gebäude besitzt ein aus Natursteinen gemauertes Glockenhaus mit einem aufwändig gestalteten edlen Blechdach. Der daraus herausragende Holzturm trägt eine Wetterfahne mit der Jahreszahl 1993, als dieser Glockenturm als Nachfolgebau und Sinnbild für eine lange Läuttradition der Familie Ernstberger errichtet wurde.

Das Gemeinschaftswerk der Konatsrieder

In anderen Orten wie beispielsweise in Voggendorf, Nottersdorf, Konatsried und Nunzenried ziert ein Holzkreuz mit farbig gefassten Figuren den Glockenturm. Für die beiden letztgenannten Orte hat der heimische Holzbildhauer Alfred Tragl erst in unserer Zeit den Christuskorpus und die Madonna geschnitzt. In anderen Orten gehen diese Figuren auf die bekannte Pertolzhofener und Niedermuracher Schnitzerdynastie der Familie Fröller zurück. Der „Bildhauer-Jackl“ (Jakob Fröller) galt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als begnadeter Schnitzer religiöser Völkskunst. Sie machte nicht selten das Glockenhäusl zum Andachtsmittelpunkt für die ganze Ortschaft.

Hintergrund:

Gebetläuten

Der Kalender für Katholische Christen von 1901 oder der Nabburger Kreiskalender von 1950 schrieben einst feste Zeiten für das „Gebetläuten“ vor. Demnach erklang die Ortsglocke neben dem mittäglichen Zwölfuhrläuten abends je nach Jahreszeit zwischen 17 Uhr und 21 Uhr. Die morgendlichen Läutzeiten wechseln zwischen 5 Uhr und 6 Uhr. Auch ein Todesfall im Ort oder der Beginn einer Andacht wird mitunter durch das Glockensignal verkündet.

Das ist eine Ehrenaufgabe, die ich hier in der Familientradition ausübe.

Josef Röhrl

Voggendorf (Gemeinde Niedermurach) pflegt den imposanten Glockenturm in der Ortsmitte. Die Figuren des Kreuzes sind derzeit abmontiert und erfahren eine umfassende Restaurierung.
Am Fuße des Burgbergs befindet sich in Obermurach das vorbildlich restaurierte Glockenhaus mit seiner langen Tradition.
Ohne elektrische Ausstattung ist der Glockenturm in Obereppenried. Wie sein Vater und Großvater vor Jahrzehnten so versieht Josef Röhrl die täglichen Läutdienste in diesem Dorf an der Ascha.
In Obereppenried (Marktgemeinde Winklarn) besorgt Josef Röhrl in der dritten Generation das traditionelle Gebetläuten per Hand.
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