10.01.2021 - 11:25 Uhr
OberviechtachOberpfalz

Als der Kanonenofen qualmte

In der westlichen Ecke des Oberviechtacher Friedhofs gab es einst eine Kapelle zum Auferstandenen Heiland. Für die evangelische Gemeinde hatte diese eine besondere Bedeutung.

Die Kapelle zum Auferstandenen Heiland, die 1971 rückgebaut wurde, befand sich in der westlichen Ecke des Friedhofs.
von Georg LangProfil

„Der Kanonenofen neben dem Altar qualmte manchmal fürchterlich. Dann rissen wir die Türen des kleinen Kirchleins auf, damit der Rauch abzog!“. Peter Fugmann (geb. 1952) erinnert sich an seine Kindheit, als die evangelische Gemeinde in Oberviechtach ihre Gottesdienste in der Friedhofskapelle abhielt, die vor nahezu 50 Jahren abgerissen wurde. Es waren die fünfziger Jahre vor dem Bau der Auferstehungskirche 1963, als sich dieses Kirchlein für viele Mitglieder der evangelische Gemeinde zu einem liebgewordenen Provisorium entwickelt hatte.

Kindheitserinnerungen eines Zeitzeugen

Emmi Fugmann musste zur Winterszeit vor den Gottesdiensten den alten Ofen anheizen, dessen Rauchrohr über ein Fenster ins Freie führte. Während sich die Mutter um besucherfreundliche Temperaturen in der kalten Kapelle bemühte, versah ihr Sohn Peter zusammen mit Udo Weiß die Läutdienste für den beginnenden Gottesdienst. Die beiden Jungen hatten am Glockenstrick mehr Spaß als die Mutter, die sich am widerspenstigen Kanonenofen abmühte.

Gottesdienst im Kohlenebel

Von ähnlichen Erinnerungen an die winterliche Friedhofskapelle erzählt der Vikar Friedhold Roth in den Jubiläumsschriften zur Auferstehungskirche. Der junge Geistliche war am 1. November 1952 in das für ihn völlig unbekannte Oberviechtach abgeordnet worden. Hier bildeten in jener Zeit Heimatvertriebene und Flüchtlinge eine große evangelische Gemeinde mit über 700 Mitgliedern. „Unvergesslich ist mir die einzige Trauung, die ich in der Kapelle bei grimmiger Kälte zu halten hatte. Der Wind blies den Kohlequalm in den Raum zurück, so dass wir einander kaum sehen konnten. Die Chormitglieder plagte beim Singen ein heftiger Hustenreiz. Doch ich mochte die kleine Kapelle.“ So der ehemalige Vikar Friedhold Roth in seinem Rückblick.

Gebäude mit langer Geschichte

Die Friedhofskapelle, die sich auf historischen Fotos als stattliches Gebäude präsentiert, wurde 1752 erbaut und war dem Auferstandenen Heiland geweiht. Das Altarbild von ca. 1880 zeigte dieses Motiv, wie Konrad Schießl in seiner Pfarrchronik berichtet. Im Turm hingen zwei Glocken, die 1942 aus kriegswirtschaftlichen Gründen eingeschmolzen wurden. Pfarrer Simon Sindersberger sorgte 1955 für eine Ersatzbeschaffung. Die Kapelle wurde nicht erst im 20. Jahrhundert von der evangelischen Gemeinde für reguläre Gottesdienste genutzt, sondern zwei Jahrzehnte nach ihrer Errichtung auch schon von der damaligen katholischen Kirchengemeinde Oberviechtachs, als 1773 ein verheerender Brand die Pfarrkirche und den größten Teil des Marktes zerstörte. Damals war das kleine Gotteshaus in dem außerhalb des Ortes gelegenen Friedhof längere Zeit Ersatzkirche.

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Abriss verwundert Historiker

Aus heutiger Sicht ist es verwunderlich, dass dieses historische Gebäude nicht erhalten werden konnte. „Schließlich wurde die Kapelle als baufällig erklärt und im Oktober 1971 abgebrochen.“, schreibt Konrad Schießl in seiner Pfarrchronik. Die lapidaren Worte über das Ende dieser Kapelle lassen Spielraum für Interpretation. Schießl rätselt auch über den Verbleib der Epitaphien, die in der Seitenwand der Kapelle eingemauert waren. Namentlich erwähnt er die Grabtafel des Muracher Pflegers Georg Wolf Kazner von 1755, die er in seiner Schrift als besonders erhaltungswürdig einstuft.

Die Friedhofskapelle im Hintergrund mit dem Landschaftspanorama. Im Vordergrund der Festzug anlässlich der Einweihung des Ortenburg-Gymnasiums am 30. September 1966.
Die einstige Friedhofskapelle zum Auferstandenen Heiland, die 1971 rückgebaut wurde, mit dem aus dem Fenster herausführenden Rauchrohr des problematischen Ofens.
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