Es ist der größte Krieg in Europa seit 80 Jahren. Am Dienstag, 24. Februar, geht er in sein fünftes Jahr. Der Angriff Russlands auf das Nachbarland Ukraine, dessen Bewohner Putin als „Brudervolk“ bezeichnet, dauert mittlerweile länger als der deutsch-sowjetische Krieg von 1941 bis 1945. Gerade zuletzt, in den dort eisigen Winterwochen, offenbarte die Strategie des Kremls mit gezielten Attacken auf die Strom- und Wärmeversorgung ihre verbrecherische Dimension, bei der nicht militärische Ziele, sondern Zivilisten im Fadenkreuz stehen.
Richten wir hingegen den Blick auf Deutschland, sehen wir, dass der Krieg auch auf die Bundeswehr und auf die in der Oberpfalz stationierten Soldaten Auswirkungen hat. Besonders gilt dies für das Panzergrenadierbataillon 122 in Oberviechtach. Im Jahr 2027, so der Zeitplan, soll der Verband nach Litauen verlegen und dort an der Nato-Ostflanke helfen, Russland abzuschrecken und den baltischen Ländern Bündnistreue zu demonstrieren mit der Botschaft: Im Ernstfall stehen wir an eurer Seite.
Teil der Litauen-Brigade
Aus diesem Grund wurden die 122er, die bislang Teil der Panzerbrigade 12 „Oberpfalz“ waren, Ende Januar der gerade im Aufwuchs befindlichen Panzerbrigade 45 „Litauen“ unterstellt – dem ersten Bundeswehrverband, der dauerhaft im Ausland stationiert ist, der bis 2027 circa 4.800 Soldaten umfassen soll und der als Symbol der Zeitenwende, einer neuen Politik der Wehrhaftigkeit und Abschreckung gegenüber Russland gilt.
Im Baltikum werden die Oberviechtacher auf einen alten Bekannten stoßen. Der Kommandeur der Litauen-Brigade, Christoph Huber, führte von 2016 bis 2019 selbst das Panzergrenadierbataillon 122. Damals war Huber Oberstleutnant, heute ist er Brigadegeneral.
Während das Verteidigungsministerium gerne die Stärke und Leistungsfähigkeit der neuen Litauen-Brigade herausstreicht, gehört zu einer ehrlichen Betrachtung auch die Feststellung, dass es diesem Verband noch über eine geraume Zeit hinweg an entscheidenden Fähigkeiten fehlen wird – jenen zur defensiven und offensiven Drohnenkriegführung.
Oberviechtacher als harte Kämpfer
Vorab: Die Oberviechtacher Grenadiere sind Kampftruppen, ausgestattet mit dem modernen Schützenpanzer Puma und sehr gut trainiert. Im Ernstfall kümmern sie sich nicht um die Versorgung hinter der Front, sondern stehen im Kampf ganz vorne. Das gilt für die Litauen-Brigade insgesamt, die von der Artillerie bis hin zu den Kampfpanzern mit dem Besten ausgestattet sein wird, was das deutsche Heer aufzubieten hat. Insgesamt handelt es sich hier um einen Verband, dem man auf dem Gefechtsfeld als Gegner nicht begegnen möchte.
Doch es gibt zwei Probleme. Erstens: Die besten Panzer helfen nichts, wenn sie durch Drohnen ausgeschaltet werden. Die Art der Kriegsführung in der Ukraine, im Fachjargon „character of war“ genannt, wandelt sich rasant. Der Krieg ist heute ein völlig anderer als in den Anfangsjahren. Drohnen und KI dominieren mittlerweile das Schlachtfeld. Größere Operationen mit mechanisierten Kräften – gepanzerten Fahrzeugen – finden so gut wie nicht mehr statt. Durch Drohnen wurde aus einer relativ schmalen Frontlinie ein bis zu 40 Kilometer breiter Frontgürtel. Das ist eine Todeszone, in der die unbemannten Flugobjekte in Lauerstellung alles dominieren und eine tödliche Gefahr darstellen für jeden, der sich aus der Stellung wagt.
Drohnenabwehr für Grenadiere
Das Oberviechtacher Bataillon ist derzeit, genau wie die gesamte Litauen-Brigade, noch nicht zum effektiven Drohnenkrieg befähigt. In Fachkreisen ist dies jedem bewusst. Wenn allerdings die Abschreckung gegenüber Russland glaubhaft sein soll, muss diese Fähigkeitslücke geschlossen werden. Bundeswehr und Politik haben das Problem erkannt, und Abhilfe soll kommen.
Zum einen läuft bei Rheinmetall die Produktion des Skyrangers. Das ist ein modernes Luftabwehrsystem mit Revolverkanone, die auf den Radpanzer Boxer – leichter, schneller und günstiger als Kettenfahrzeuge – montiert wird und den künftigen Kern der Heeresflugabwehr bildet. Als Quasi-Nachfolger des ausgemusterten Flakpanzers Gepard ist der Skyranger genau das, was zum Schutz auch der Oberpfälzer Soldaten an der Ostflanke nötig ist. Das Problem: Wie das Online-Fachportal „hartpunkt“ berichtet, kommt der Skyranger erst 2027 und 2028. Und dann müssen die Soldaten noch daran ausgebildet werden und üben. Die Litauen-Brigade braucht also eine Überbrückungslösung, um nicht einige Jahre ungeschützt zu sein. Laut „hartpunkt“ arbeite man im Heer an „einem Mix“ an kleineren Systemen, Details sind noch nicht bekannt.
Keine "Provokation"
Das zweite Problem der Litauen-Brigade ist: Mit dem Skyranger wird sie sich gegen Drohnen verteidigen können, aber sie braucht auch eigene Drohnen, mit denen sie zurückschlagen kann. Konkret geht es um sogenannte „loitering munition“ (lungernde Munition). Das sind Lenkwaffen, die ohne konkretes Ziel gestartet werden, im Feindgebiet kreisen und schließlich vom Drohnenpiloten auf ein lohnendes Ziel gesteuert werden.
Von Seiten der Friedensbewegung wird oftmals von „Provokation“ gesprochen, wenn die Bundeswehr solche Bewaffnung erhält. Das aber ist falsch. Es handelt sich um ein wesentliches Element der Abschreckung, Ziel ist die Kriegsvermeidung. Loitering Munition für die Litauenbrigade dient nicht dem Angriff auf Russland, sondern dem Aussenden der Botschaft: Werden wir angegriffen, können wir uns nicht nur verteidigen (also anfliegende Objekte abwehren, zum Beispiel durch Skyranger), sondern auch im feindlichen Hinterland wirken, dortige Abschussstellungen, Artillerie, Radar oder Fahrzeuge zerstören und dem Gegner somit die Grundlage für seinen Angriff nehmen. Er muss wissen, dass er auch selbst getroffen werden kann. Nur so wirkt Abschreckung effektiv.
Kamikazedrohnen schrecken ab
Die Regierung arbeitet mit Hochdruck daran, diese Fähigkeitslücke zu schließen. In Berlin kommt am Mittwoch, 25. Februar, der Haushaltsausschuss zusammen, um ein 4,3-Milliarden-Euro-Paket zu beschließen, mit dem von zwei Rüstungs-Start-ups je ein Kamikaze-Drohnentyp für die Litauen-Brigade bestellt werden soll: das Modell HX-2 von Helsing (München) und das Modell Virtus von Stark Defence (Berlin). Diese Bewaffnung wird direkt dem Schutz der Oberviechtacher Grenadiere dienen und ist eine unmittelbare Ableitung aus der Beobachtung des sich wandelnden Kriegsbilds in der Ukraine.
Über den Autor: Redakteur Tobias Gräf ist Militärhistoriker mit Fachgebiet deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Den Krieg in der Ukraine analysiert er als aufmerksamer Beobachter.


























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