25.04.2019 - 16:57 Uhr
OberviechtachOberpfalz

Massengrab hinter Friedhofskapelle

In Muschenried entsteht 1945 ein KZ-Friedhof. Viele Opfer der Todesmärsche waren aber bis 1950 in der freien Flur vergraben.

Eine Einfriedung und ein Kreuz aus Birkenstämmen markieren vor 1950 ein Häftlingsgrab in der Flur bei Pullenried.
von Georg LangProfil

"In der Nacht vom 21. auf den 22. April 1945 wurden wir auf eine Weide getrieben, die unter Wasser stand. Dieser Sumpf lag nahe dem Dörfchen Muschenried. Hagel und feiner Schnee waren gefallen. Unsere Füße sanken tief in den sumpfigen Boden." Der Antwerpener Henk Verheyen war einer jener Flossenbürger KZ-Häftlinge, die den Evakuierungsmarsch durch die Oberpfalz mitmachten.

Kurzerhand ermordet

Der belgische Häftling war damals 20 Jahre alt und erlebte, wie viele seiner Leidensgenossen den Todesmarsch nicht überstanden. Ermattete und kranke Häftlinge, die nicht mehr mithalten konnten, starben oder wurden kurzerhand vom Bewachungspersonal ermordet. Verschiedene Bewohner von Muschenried wurden als Kinder Zeuge dieser Verbrechen des Wachpersonals bei "dem langen Zug durch das Dorf".

Der Oberviechtacher Raum wurde von zwei Marschkolonnen tangiert. Dies berichtet am 15. Dezember 1950 der damalige Bürgermeister Michael Fuhrmann auf Anfrage an das Landesentschädigungsamt in München. Ein Häftlingszug kam auf der Route Tännesberg-Teunz, der andere über Tröbes und Pullenried.

Der Bürgermeister übermittelt der Münchner Behörde auch Todeszahlen im unmittelbaren Oberviechtacher Raum. 20 Leichen der Teunzer Route wurden laut einem mitgelieferten Lageplan in einem "Massengrab" hinter der Friedhofskapelle "beerdigt und von dem Ortspfarrer Erhardsberger eingesegnet".

1957 wieder exhumiert

Die Grabstätte erhielt damals eine Einfassung und einen Gedenkstein 70 mal 110 Zentimeter mit der Inschrift: "Hier ruhen 20 K.Z.-Häftlinge aus dem Lager Flossenbürg + April 1945. Friede den Verfolgten, Friede der Welt!" Der Gedenkstein wurde seinerzeit vom Landratsamt Oberviechtach bei den Granitwerken Karl Egerer in Floss in Auftrag gegeben. Am 26. August 1957 wurden die Gebeine exhumiert und kurzfristig in den Sammelfriedhof in Wetterfeld bei Roding übergeführt.

Die Häftlingsleichen der Pullenrieder Linie im unmittelbaren Oberviechtacher Gemeindebereich wurden 1945 nicht in einem Friedhof, sondern nur an einem Feldkreuz in der Nähe von Pirkhof begraben. 1950 exhumierte ein "Umbettungskommando" diese Leichen und beerdigte sie im Muschenrieder Häftlingsfriedhof, der in diesem Jahr staatlicherseits zu einem offiziellen KZ-Friedhof mit einer Fläche von 1150 Quadratmetern ausgebaut wurde.

Teblitzky als Augenzeuge

Zu den 113 Toten, die bereits 1945 beerdigt worden waren, kamen 1950 noch 220 Leichen hinzu, die entweder in Ortsfriedhöfen oder entlang der Marschroute Moosbach-Tröbes-Pullenried manchmal nur notdürftig am Straßenrand begraben waren. Der frühere Kreisheimatpfleger Hubert Teplitzky erinnert sich, wie er als Jugendlicher 1950 bei einer Radfahrt zusammen mit seinem Vater Zeuge einer Exhumierung von Gebeinen bei der Hannamühle (Pullenried) wurde.

In Anwesenheit von Staatssekretär Dr. Dieter Sattler vom Bayerischen Kultusministerium und weiterer Ehrengäste wurde der KZ-Friedhof Muschenried am 4./5. November 1950 offiziell eingeweiht. 1957 wurden aber die hier begrabenen KZ-Opfer unter Mitwirkung des Französischen Suchdienstes für Kriegsopfer erneut exhumiert und zur Identifizierung nach Wetterfeld gebracht. Hier konnte aber keine Einzelidentifizierung zur Rückführung in die jeweilige Heimatgemeinde mehr erfolgen, deshalb fanden die Toten in der Folgezeit in der Ehrenanlage der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg ihre letzte Ruhe (Feld B, Reihe 7b - 10b und Feld C, Reihe 1 - 2b). Der Muschenrieder KZ-Friedhof wurde aufgelöst, allerdings verpflichtete das Bayerische Staatsministerium des Innern 1958 die Gemeinde zum dauerhaften Erhalt der KZ-Gedenkstätte.

Ein Granitstein in der Muschenrieder KZ-Gedenkstätte erinnert an die 333 Opfer des Todesmarsches, die hier einst bestattet waren.
Henk Verheyen:

Der 1925 in Berchem-Antwerpen geborene Hendrik Josef M. Verheyen war als 18-jähriger Schüler Mitglied einer Widerstandsgruppe gegen die nationalsozialistische Besatzungsmacht in Belgien. Zusammen mit 23 Gleichaltrigen wurde er am 27. Juni 1943 verhaftet und durchlief mehrere Gefängnisse und Konzentrationslager in Mitteldeutschland, bis er nach Flossenbürg kam.

Kurz nach seiner Befreiung durch die US-Armee am 23. April 1945 auf dem Häftlingsmarsch bei Cham kehrte er in seine Heimatstadt zurück. Nach dem Studium schlug er eine Laufbahn im Staatsdienst ein und war bei seiner Pensionierung in der Funktion des Kabinettschefs des Hafensenators Spitzenbeamter bei der Hafenverwaltung. Seine Erlebnisse während der nationalsozialistischen Verfolgung hat er mehrfach literarisch verarbeitet.

Der ehemalige Häftling Henk Verheyen aus Antwerpen 1995 in der KZ-Gedenkstätte Muschenried im Gespräch mit den Reportern Georg Lang (Der neue Tag) und Thomas Muggenthaler (Bayerischer Rundfunk).
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