Fast zwei Jahrhunderte hat Max Zinnbauer auf seiner Forschungsreise in die Vergangenheit ins Visier genommen. Unzählige Dokumente hat er gesichtet und für die Nachwelt in Form gebracht. "Blaue Reihe" lautet der Überbegriff für die dicken Bände mit blauem Einband, die jeweils ein paar Jahre rund um das Pflegamt Murach bei Oberviechtach beleuchten. Jetzt hat Zinnbauer Band 15 und 16 im Rathaus vorgestellt und dabei pikante Details zutage gefördert. Stoff genug, für eine mehrteilige Familien-Saga oder eine Seifenoper aus den 1770er Jahren.
In den Hauptrollen: Pflegverwalter Johann Georg Klement Ehrnlechner und sein Konkurrent um diesen Posten, Baron Georg Albert von Sazenhof. Über 400 Seiten widmet der Forscher den Jahren 1764 bis 1769. Vor einem Kreis aus Mitstreitern und Interessierten lässt der 85-Jährige bei der Buchpräsentation im Rathaus historische Personen wiederauferstehen. "Wichtig ist, dass das Material da ist", schickt Zinnbauer seinen Ausführungen vorweg. Die Rettung der Archivalien habe er als seine Hauptaufgabe erachtet. Buchstabe für Buchstabe habe er mit Hilfe seiner Mitstreiter die Handschriften transkribiert, die als Basis für künftige Forschungsarbeiten dienen können. "Wenn der Wissenschaftler zweifelt, hat er immer die Möglichkeit das mit Hilfe der Texte zu überprüfen."
Diesmal war die "Rettung" knapp: "Das Material hatte teilweise schon zu vermodern begonnen", schildert Zinnbauer die in München vorgefundenen Unterlagen und berichtet von einem Rohrbruch, der für durchnässte Papiere verantwortlich war. Was die Dokumente enthalten, bringt er auch gleich auf den Punkt: "Da geht's ums Geld." Einmal mehr entpuppt sich Baron Sazenhofer, ein "Bankrotteur zu Fuchsberg" als Intrigant, der scharf auf das Pflegamt ist. Den Vorgänger Ehrnlechners habe er regelrecht ins Grab gebracht, meint Zinnbauer, doch auch der Nachfolger hatte einiges auszuhalten.
In falscher Kirchenbank
Ziemlich bizarr lesen sich die über 20 Anklagepunkte, mit denen ihn der Baron bei der Obrigkeit anzuschwärzen versucht. Vom widerrechtlichen Entnehmen von Maibäumen für die Fronleichnamsprozession ist da die Rede, und sogar der falsche Platz beim Kirchgang wird dem Mann zur Last gelegt. "Statt den für ihn in der Pfarrkirche reservierten Kirchenstuhl zu benützen, steht er bei den übrigen Kirchgängern, die verärgert reagieren", liest stellvertretende Bürgermeisterin Christa Zapf der interessierten Runde vor.
Doch Ehrnlechner war laut Zinnbauer auch ein ganz schön abgebrühter Verwaltungsmann, der eines der ärmsten Pflegämter in der Oberpfalz mit 250 Gulden Jahresgehalt zum begehrten Posten mit 1600 Gulden Lohn avancieren ließ. "Er hat die Steuereinnahmen gesteigert und wohl die erste Feuerwehr im Ort gegründet", weiß der Heimatforscher, der ihn als überdurchschnittlich begabt und durchsetzungsfähig einschätzt. Immerhin habe ihn in Oberviechtach nicht ein prächtiges Schloss erwartet sondern ein "verfallener Steinhaufen".
Band 16 (1772 bis 1226) belegt, dass es in der "guten alten Zeit" auch schon einen bürokratischen Dschungel gab mit Prozessverschleppung über mindestens 18 Jahre und über den Tod der Beschuldigten hinaus, das alles zu Lasten der Erben. Und natürlich gab es auch Kungeleien, wenn ein Amt im Tausch gegen die Heirat mit einer abgelegten Konkubine überschrieben wurde. Vor einem Wasserschaden waren die Dokumente auch damals schon nicht sicher. So ist aus dem Jahr 1776 bekannt, dass wegen eines schadhaften Dachs Regen- und Schneewasser in den herrschaftlichen Zimmern und Amtsräumen von der Zimmerdecke floss.
Ein Lebenswerk
Max Zinnbauer aber ist erleichtert, dass er nun bald sein Lebenswerk in trockenen Tüchern hat. "Ich bin immerhin schon 85", gibt er zu bedenken und verweist auf die ursprünglich auf zehn Bände ausgelegte "Blaue Reihe", die sich jetzt auf 21 Bände erstrecken soll und kurz vor dem Abschluss steht. "Das ist viel Material für zukünftige Generationen", freut sich der Heimatforscher. "Etwas Besseres als Original-Akten kann es nicht geben."
Ehre für Ehrnlechner
"Dieser Verwaltungsmann hat viel zum Werdegang Oberviechtachs beigetragen", meint Heimatforscher Max Zinnbauer mit Blick auf Pflegverwalter Johann Georg Klement Ehrnlechner. Sein Vorschlag, um die Verdienste des Beamten vor mehr als 200 Jahren zu würdigen: "Da könnte man doch bei Gelegenheit eine Straße nach ihm benennen", schlug er bei der Präsentation von Band 15 und 16 der "Blauen Reihe" vor.
Er hat die Steuereinnahmen gesteigert und wohl die erste Feuerwehr im Ort gegründet.















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