02.03.2021 - 16:09 Uhr
OberviechtachOberpfalz

Oberviechtachs Rebellen-Pfarrer muss der Spitzhacke weichen: AOK-Sgraffito wird als Denkmal vor Vergessen bewahrt

Die Tage des alten AOK-Gebäudes am Schießanger sind gezählt. Im März plant die Stadt Oberviechtach den Abriss. Dann verschwindet auch das Sgraffito zur Erinnerung an Pfarrer von Miller an der Fassade. Es bleibt als "Foto-Denkmal" erhalten.

Das Sgraffito am alten AOK-Gebäude zeigt Pfarrer Florian von Miller (mit Schwert und Standarte) an der Spitze der Aufständischen. Die Tage von Gebäude und Bildnis sind nunmehr gezählt.
von Philipp Mardanow Kontakt Profil

Als Freiheitskämpfer hat sich der Oberviechtacher Pfarrer Florian von Miller im 18. Jahrhundert gegen die österreichische Besetzung der Oberpfalz gestemmt. Doch gegen Bagger und Spitzhacke der Bauarbeiter wird er sich nicht mehr wehren können. Wenn die Stadt im März das alte AOK-Gebäude am Schießanger beseitigen lässt, hat auch das Kunstwerk von Fritz Wurmdobler ausgedient, das dort seit dem Jahr 1956 an den streitbaren Geistlichen erinnert.

Artikel über das Leben von Pfarrer Florian von Miller

Oberviechtach

Unmittelbar am Standort des Gebäudes treffen zwei Staatsstraßen und eine Ortsstraße zusammen. Seit Jahren strebt die Stadt Oberviechtach dort eine Verbesserung der Verkehrssituation an. Mit dem Abbruch der "alten AOK" sollen weitere Weichen dafür gestellt werden. Für einen Erhalt des meterhohen Sgraffito an der Giebelseite des Anwesen hat sich der örtliche Kreisheimatpfleger Ludwig Berger seit längerem eingesetzt. "Es sollte nicht so ohne weiteres verschwinden", schildert er im Gespräch mit Oberpfalz-Medien.

Schon kurz nach der Wahl zum neuen Bürgermeister von Oberviechtach hatte Berger sein Anliegen bei Rudolf Teplitzky vorgetragen. Über einen Zeitraum von etwa einem halben Jahr tauschten sich beide immer wieder aus, um – so Teplitzky – "eine adäquate Lösung" für das Sgraffito zu finden. Denn es zeigte sich: Ein angedachtes Herausschneiden der Wandmalerei aus der Fassade offenbarte sich als zu kostspielig: "Zwischen 30 000 und 40 000 Euro hätte das laut Schätzungen gekostet", verdeutlichte der Bürgermeister. Dabei hätte die Hausmauer hinterhalb des Bildnisses aufwendig gegengestützt werden müssen. "Die Frage war auch, ob das überhaupt machbar gewesen wäre."

Nun haben sich Bürgermeister und Heimatpfleger auf eine Vorgehensweise verständigt, mit der das Sgraffito für die Nachwelt in gewisser Weise fortbesteht. Es kann zwar nicht im Original erhalten werden, doch soll in Zukunft "eine Art Gedenktafel" (Teplitzky) die Erinnerung an das Kunstwerk aufrecht erhalten.

"Dieses Stück Heimat soll erhalten bleiben. Deswegen wollten wir eine Lösung finden, die auch in finanzieller Hinsicht für die Stadt passt."

Bürgermeister Rudolf Teplitzky

Bürgermeister Rudolf Teplitzky

"Wir haben es dazu professionell fotografieren und vermessen lassen", beschreibt der Bürgermeister. Die Aufnahmen sollen für ein Denkmal Verwendung finden, dass beispielsweise – nur wenige Schritte vom bisherigen Standort entfernt – in der Allee aufgestellt werden könnte. Als weitere mögliche Plätze brachte Rudolf Teplitzky die Marktweiheranlage oder das Stadtmuseum ins Gespräch. "Dieses Stück Heimat soll erhalten bleiben", betont der Bürgermeister. "Deswegen wollten wir eine Lösung finden, die auch in finanzieller Hinsicht für die Stadt passt." Das sei nun gelungen.

Kombiniert werden soll das Denkmal mit einem ergänzenden Text über das Leben und Wirken von Pfarrer von Miller. In der Geschichte der Oberpfalz hat er einen zwiespältigen Eindruck zurückgelassen. Der adelige Rebell und Bauernführer, der Ende 1690 schon im Alter von etwas über 20 Jahren die Pfarrstelle in Oberviechtach übertragen bekam, wird einerseits als mutiger Freiheitskämpfer verehrt, erscheint aber andererseits in authentischen Quellen auch als brutaler Eintreiber von Abgaben. Gegenüber Bürgern und Bauern zeigte er sich wenig zimperlich, um seine Ansprüche durchzusetzen.

"Pfarrer Florian Sigismund Maximilian von Miller ist ein Teil der Stadtgeschichte."

Kreisheimatpfleger Ludwig Berger

Kreisheimatpfleger Ludwig Berger

Für Heimatpfleger Ludwig Berger ist Florian Sigismund Maximilian von Miller ein Teil der Stadtgeschichte. Er zeigte sich einverstanden mit der Vorgehensweise beim Sgraffito – "das passt so." Berger verweist darauf, dass es in Oberviechtach auch eine nach Miller benannte Straße gibt, mit der ebenfalls die Erinnerung an den Pfarrherrn aus dem 17./18. Jahrhundert aufrechterhalten wird.

Die "etwas modernere Art" der Gestaltung macht für Ludwig Berger mit das Besondere des Sgraffito aus. "Das ist keine persönliche Malerei, sondern eine etwas abstraktere Darstellung." Und es sei doch etwas, mit dem ein Kapitel Ortsgeschichte vermittelt werde.

Dieser kolorierte Kupferstich zeigt die Verhaftung Pfarrer von Millers im Januar 1706 in Cham.
Hintergrund:

Mit Kratz-Technik zum Kunstwerk

  • Werk und Künstler: Das Oberviechtacher Sgraffito am alten AOK-Gebäude zum Gedenken an Pfarrer Florian von Miller entstand im Jahr 1956. Entworfen und ausgeführt hat es der aus Regensburg stammende Maler und Grafiker Fritz Wurmdobler (1915 bis 2008).
  • Die Technik: Hinter dem Begriff Sgraffito (vom italienischen Werb sgraffiare - auf deutsch "kratzen" - abgeleitet) verbirgt sich eine spezielle Technik zur Dekoration von Wandflächen. Dabei werden zunächst Putzschichten in verschiedenen Farben aufgetragen. Die obere Schicht wird dann teilwiese wieder abgekratzt, und der mit der unteren Putzschicht entstehende Farbkontrast erzeugt ein Bild. Laut der Internet-Seite baunetzwissen.de wurde diese Putztechnik erstmals in der Renaissance zur Herstellung von Fassadendekorationen eingesetzt.

 

 

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