06.10.2021 - 13:44 Uhr
OberviechtachOberpfalz

Ortenburg-Gymnasium überbrückt Mangel mit Pensionisten-Quartett

Arwid Krauß (74), im August 2011 in den Ruhestand verabschiedet, unterrichtet immer noch am Ortenburg-Gymnasium Oberviechtach. So wie drei seiner früheren Kollegen auch. Schulleiter Ludwig Pfeiffer zählt auf die Pensionisten-Lehrer.

Den Schulbetrieb am Laufen halten: Oberstudiendirektor Ludwig Pfeiffer (von links) freut sich über die Unterstützung der vier Pensionisten-Lehrer Ludwig Schießl, Arwid Krauß, Ulrich Wohlgemuth und Josef Biebl.
von Gertraud Portner Kontakt Profil

„Mit 66 Jahren da fängt die Schule an“: Dieser etwas abgeänderte Udo-Jürgens-Titel passt auf die vier Lehrer, die sich nach der ersten Pause am Dienstagvormittag zum Gespräch mit der Oberpfalz-Medien-Redaktion im Büro von Schulleiter Ludwig Pfeiffer einfinden. Denn Josef Biebl (66), Ulrich Wohlgemuth (67), Ludwig Schießl (69) und Arwid Krauß (74) unterrichten trotz Ruhestand am Ortenburg-Gymnasium (OGO).

„Viel zu wenig Lehrkräfte, überbordende Bürokratie, kaum Zeit für die Kinder und ihre Sorgen und Nöte – der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) hält die Situation an vielen Schulen im Freistaat für dramatisch.“ Diese Aussage der BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann vom 4. Oktober können auch die vier Pensionisten-Lehrer am Ortenburg-Gymnasium Oberviechtach unterschreiben. „Schwangerschaft und Elternzeit“ sind laut Ludwig Pfeiffer am Oberviechtacher Gymnasium die häufigsten Gründe, Ersatzlösungen für den ausfallenden Präsenzunterricht finden zu müssen: „Letztes Schuljahr waren drei Kolleginnen innerhalb einer Woche weg.“ Aktuell gelte in der Corona-Pandemie die Anordnung, dass Schwangere „ab dem ersten Tag ein Beschäftigungsverbot haben“. Mit den sogenannten „T-Mitteln“ für einen strukturellen Personalbedarf werde die Suche nach einer „Manövriermasse“ quasi an den Schulleiter delegiert. Das Ministerium stelle zwar Geld zur Verfügung, um jemanden für die Stunden zu suchen, doch dies sei in Regensburg einfacher als in Oberviechtach. Befristet eingestellt werden können auch sogenannte „Team-Lehrkräfte“, welche nicht einmal ein abgeschlossenes Hochschulstudium besitzen müssen, jedoch den von der Stammlehrkraft im Home-Office vorbereiteten Unterricht vor der Klasse halten sollen.

Ein gutes Gefühl

Unterstützung benötigen die vier engagierten Pensionisten-Lehrer, die seit 14. September 2021 am Ortenburg-Gymnasium anzutreffen sind, nicht. Denn sie sind seit Jahrzehnten ein Teil der Schulfamilie. Ludwig Schießl, Ulrich Wohlgemuth und Josef Biebl gehörten ab 1964 dem ersten Abiturjahrgang an und kehrten später als Lehrer zurück. Arwid Krauß unterrichtet seit 1977 am OGO: „Ich bin gekommen und geblieben“. Obwohl schon seit zehn Jahren in Pension, übernimmt der 74-Jährige vier Stunden Französisch in der achten Jahrgangsstufe. „Es macht mir Spaß noch gebraucht zu werden“, stellt Krauß fest, „es ist ein gutes Gefühl“. Noch lieber würde er es aber sehen, wenn das Ministerium Gelder für eine intensive Kleingruppen-Förderung locker machen würde. Denn gerade nach dem Corona-Lockdown sieht er hier einen großen Bedarf.

Wie er ergänzt, müssten die Lehrer aktuell „etwas anschieben“, um mehr Anstrengungsbereitschaft herzustellen. „Die Schüler haben sich verändert, sie sind teils kindlicher geworden“, stellt auch der zweitälteste im Bunde, Dr. Ludwig Schießl, fest. Er unterrichtet das Fach Englisch in zwei siebten Klassen mit insgesamt acht Wochenstunden. Und er war nach seiner Pensionierung mit 66 Jahren in 2018 „kein Jahr jenseits des Schulbetriebs“. Er habe bereitwillig angenommen, „angesichts der pädagogischen Situation in Bayern“. Sein Gesichtsausdruck zeigt deutlich, wie er die Lage sieht. Der 69-Jährige gibt zu, dass es für „die Altgedienten manchmal auch mühsam ist, die Kinder auf Spur zu bringen“. Er freue sich aber auf jeden Unterrichtstag und den Kontakt mit den jungen Leuten und Kollegen: „Für mich ist die Pension keine schönere Zeit, sondern eine andere Zeit.“

Freiheit nicht aufgeben

Seine neue Freiheit nicht ganz verplanen lassen, möchte Josef Biebl. Sein Vertrag läuft nicht bis Februar 2022, wenn eventuell wieder mit Referendar-Zuweisungen zu rechnen ist, sondern vorerst nur bis Ende November. Aber auch er war, nachdem er vor drei Jahren in den Vorruhestand ging, gleich 2019/2020 wieder für drei Monate im Schuldienst zurück. Aktuell ist er an drei Tagen mit insgesamt sieben Wochenstunden in Mathe/Physik (10. Jahrgangsstufe) an Bord. „Wenn der Chef Hilfe braucht, hilft man gerne aus“, stellt der 66-Jährige schmunzelnd fest. Er berichtet davon, dass er etliche Schüler noch aus der siebten Klasse kennt und dass schon mal Eltern, die er früher unterrichtet hat, Grüße ausrichten.

„Wir beide haben aktiv für Personalnachschub gesorgt“, sagt Biebl und schaut dabei den Kollegen Ulrich Wohlgemuth an. Schließlich sind seine Tochter und dessen Sohn mittlerweile im Lehrerkollegium des Ortenburg-Gymnasiums angekommen. Ulrich Wohlgemuth (67) war früher als Mitglied der Schulleitung in Verantwortung und half nach seinem Abschied vor drei Jahren schon Anfang 2020 kurzzeitig aus. Im Schuljahr 2021/22 ist er für vier Wochenstunden im Fach Ethik (7/8. Kombiklasse und 10. Klasse) verpflichtet. „Es gefällt mir schon“, meint er, macht aber deutlich, „dass wir nicht als Pensionisten-Quartett eingestellt wurden“. Er spricht augenzwinkernd vom „sozialen Druck“, denn „die anderen Drei hatten schon zugesagt als ich gefragt wurde.“ Er lenkt den Blick auf die damit verbundenen Herausforderungen: „Der neue Lehrplan und das stark veränderte Kollegium forderten am Anfang schon ein genaues Hinschauen.“ Oberstudiendirektor Ludwig Pfeiffer hat 72 Lehrkräfte in seiner Liste. Er freut sich, dass etliche Lehrerinnen und Lehrer in Elternzeit für Teilzeit offen sind. Und natürlich, dass die Vertretung durch die Ehemaligen klappt.

Plötzlich ein Führungszeugnis

Allerdings moniert er den bürokratischen Aufwand: „Der Papierkram ist brutal.“ So sei für die Verträge mit den Pensionisten das Bayerische Landesamt für Schule zuständig, an welches das Ministerium die Personaldaten aber nicht weitergibt. „Ich war 40 Jahre lang Beamter und ein Vierteljahr später brauche ich ein polizeiliches Führungszeugnis“, moniert Josef Biebl. Doch das gute Verhältnis innerhalb der OGO-Familie wog bei allen mehr als der unabwendbare Schriftverkehr.

Eine Herausforderung stellt auch der Unterricht mit modernen Lehrmitteln und neuen Büchern dar. „Es läuft jetzt mit Stick anstatt mit Kasettenrekorder“, wirft Ludwig Schießl ein. Ein Stichwort für Arwid Krauß, der seinen Französischunterricht nach wie vor wie aus dem „Effeff“ beherrscht. Denn der 74-Jährige will in Kürze einen Computerkurs besuchen: „Ich schließe nicht aus, dass ich wiederkomme.“ Der Schulleiter nickt erfreut. Denn auf die fast „280 Jahre geballte pädagogische Kompetenz“ der vier Pensionisten will er bei Bedarf auch in Zukunft zurückgreifen können.

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Oberstudiendirektor Ludwig Pfeiffer zum Beschäftigungsverbot für Schwangere

Oberstudiendirektor Ludwig Pfeiffer zum Beschäftigungsverbot für Schwangere

Hintergrund:

In Risikosituationen kein Präsenzunterricht

  • Seit Jahren kehren pensionierte Lehrer an die Schulen zurück, um Lehrerlücken zu verkleinern.
  • Im Schuljahr 2021/2022 ergibt sich laut Kultusministerium ein erhöhter Bedarf an Aushilfsnehmern, da wegen der Corona-Pandemie einige Lehrkräfte aufgrund individueller Risikosituationen nicht im Präsenzunterricht eingesetzt werden können.
  • Es werden "Team-Lehrkräfte" gesucht, die den Präsenzunterricht übernehmen, welchen die Stammlehrkraft zu Hause vorbereitet.
  • Schwangerschaft und Elternzeit sind am Ortenburg-Gymnasium Oberviechtach die häufigsten Gründe, Ersatzlösungen für den Präsenzunterricht zu finden.
  • Aktuelle Regel: Für alle schwangeren Beschäftigten in der Schule gilt ein betriebliches Beschäftigungsverbot. Sie dürfen nicht vor der Klasse stehen, sind jedoch weiterhin für die Wahrnehmung außerunterrichtlicher Dienstpflichten von zu Hause aus verpflichtet (wie Unterrichtsvorbereitung).
  • Vor der Corona-Pandemie unterlag eine Lehrerin nur während der letzten acht Wochen vor der voraussichtlichen Entbindung und acht Wochen nach der Geburt einem absoluten Beschäftigungsverbot.

 

 

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