08.02.2019 - 17:03 Uhr
OberviechtachOberpfalz

Mit Selbstkritik am Steuer

Von einem Fahreignungstest für Senioren will Verkehrsminister Andreas Scheuer nichts wissen. Rudolf Liebl, Vorsitzender der Oberviechtacher Verkehrswacht und Fahrlehrer, würde sich wenigstens einen Gesundheitstest wünschen.

Die Fahrtüchtigkeit von Senioren ist auch ein Thema in der Fahrschule. Rudolf Leibl, Vorsitzender der Verkehrswacht Oberviechtach, plant einen Kurs, in dem Senioren freiwillig ihr Können überprüfen können.
von Monika Bugl Kontakt Profil

Das Veto gegen einen Fahreignungstest für Senioren ist gerade mal ein paar Stunden alt, da wird es in einschlägigen Kreisen bereits heiß diskutiert. "Gerade eben habe ich mit einem Prüfer darüber gesprochen", berichtet Fahrlehrer Rudolf Leibl am Mittwoch. "Wir waren uns einig, dass zumindest ein Gesundheitstest sinnvoll wäre, in dem Seh- und Hörfähigkeiten geprüft werden", meint er. "Es muss ja nicht gleich eine Fahrprüfung sein. Der 57-Jährige weiß schließlich auch, wie schwer es gerade älteren Menschen fällt, mit dem Druck in einer Prüfungssituation umzugehen.

"Einen Verkehrstest für Senioren wird es mit mir nicht geben", wird der Verkehrsminister von der Funke-Mediengruppe zitiert. Sein Argument: Aus der Unfallstatistik ergäben sich keine Auffälligkeiten. Unfälle könnten einem 21 Jahre alten Fahrer genauso passieren wie einer 81 Jahre alten Fahrerin. Rückendeckung bekam er dabei von ADAC. "Ältere Menschen verhalten sich im Straßenverkehr in aller Regel vorsichtig, eher defensiv und vorausschauend", so der Automobilclub gegenüber der Deutschen Presseagentur. Menschen ab 65 Jahren würden etwa 16 Prozent der Unfälle mit Verletzten verursachen, obwohl sie 21 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Ob das auch im ländlichen Oberviechtach so gilt, kann der Verkehrs-Sachbearbeiter der Polizeiinspektion Oberviechtach Karl-Heinz Senft nicht nachvollziehen: Aufgrund der geringen Zahl an Unfällen sei das Ergebnis nicht repräsentativ.

Rudolf Leibl, Vorsitzender der Verkehrswacht Oberviechtach und Umgebung hat eine andere Statistik parat: Demnach sind die Senioren nach den jungen Fahrern (16 bis 24 Jahre) im Straßenverkehr die am zweitstärksten gefährdete Gruppe. "Vom Gefühl her sind sie gar nicht so selten an Unfällen beteiligt, wenn man einkalkuliert, dass sie ja nicht so viel mit dem Auto unterwegs sind", überlegt der Fachmann und macht sich keine Illusionen darüber, warum so ein Test tabu ist: "Ein Politiker will in unserer alternden Gesellschaft sicher nicht seine Wählerschaft vergraulen."

"Ein kleiner Kurs zur Auffrischung der Theorie könnte auch nicht schaden", meint der Verkehrswacht-Vorsitzende und nennt Beispiele, was sich geändert hat, seit die heute 80-Jährigen mit 17 oder 18 Jahren ihren Führerschein gemacht haben (siehe Info-Element).

"Im Alter gibt es Wahrnehmungsdefizite, die Fahrer sind oft sehr langsam, unentschlossen, und die Entscheidungsfindung dauert länger", sagt Leibl und warnt: "Auch aus einer Verkehrsbehinderung kann eine Gefährdung entstehen". Doch erst wenn es wirklich kracht, werden die Behörden aktiv. So kann das Landratsamt in solchen Fällen eine "Fahrverhaltensbeobachtungsfahrt" anordnen, ein praktischer Test, der volle 60 Minuten dauert.

Neue Fahrstunden

Betroffene nehmen dann häufig erst mal Fahrstunden, so beispielsweise eine 84-Jährige, die beim Ausparken gar nicht gemerkt hatte, dass sie gegen ein anderes Fahrzeug gekracht war. "Nach der ersten Fahrstunde wusste ich warum, ich war danach heiser, die Frau hat einfach schlecht gehört", erzählt der Oberviechtacher Fahrlehrer. Die Seniorin hat in 14 Fahrstunden investiert und die Prüfung dann auch geschafft. Andere haben die Anforderungen unterschätzt und stehen nun ohne Führerschein da. "Das tut weh, wenn man in einer Einöde sitzt und nirgends hin kann", zeigt Leibl Verständnis. Weil die Nachfrage da ist, will er als Verkehrswacht-Vorsitzender einen Kurs für Senioren anbieten, in dem diese zumindest ihre Fähigkeiten überprüfen können. Voraussichtlicher Termin dafür ist der 25. Mai. Er selbst hat sich in einem dreitägigen Seminar auf die Belange der Senioren im Verkehr vorbereitet.

Für den Kurs will er einen Optiker und einen Hörgeräteakkustiker gewinnen, bei denen sich die Teilnehmer auf freiwilliger Basis testen lassen können. Neben einem theoretischen Teil dürfen die Fahrer ihr Können mit dem Pkw in einem Parcours testen und anschließend mit einem kritischen Experten auf dem Beifahrersitz durch die Stadt fahren. "Der Kurs dient dazu, dass die Senioren wissen wo sie stehen", betont Leibl. "Wir werden keinem den Führerschein entziehen und auch nicht Polizei und Landratsamt über Defizite informieren."

Es gebe mit Sicherheit auch Menschen, die mit 85 Jahren super unterwegs sind. Für den Rest, der sich vielleicht in Kenntnis der Unzulänglichkeiten auf Kurzstrecken vor der Haustüre beschränkt, könne man keinen Haken setzen: "Die Situation verändert sich laufend, da hat man immer mit einem Zusammenspiel von Faktoren zu tun", warnt der 57-Jährige. Familienmitglieder bringt das häufig in die Zwickmühle. "Die Hemmschwelle, den eigenen Eltern vom Autofahren abzuraten, ist enorm", weiß der Fachmann und rät allen Senioren, das Thema mutig selbst anzuschneiden und einen Beifahrer um die Meinung zu den Fahrkünsten zu bitten.

Autonom ohne Netz

Verkehrsminister Andreas Scheuer hat noch eine andere Lösung auf dem Schirm: autonome und automatisierte Systeme, die älteren Menschen das Fahren abnehmen. "Vielleicht mal in 30 Jahren", seufzt Leibl, der ganz genau weiß, dass in den ländlichen Regionen des Landkreises noch nicht einmal alle Funklöcher im Handy-Netz gestopft sind.

Info:

Hätten Sie das gewusst?

In den meisten europäischen Länder gibt es bereits Verkehrstests. Immerhin liegt so mancher Autofahrer mit seinem Kenntnisstand der Verkehrsregeln auf einem Niveau, das längst überholt ist. Rudolf Leibl nennt ein paar Beispiele für geänderte Regeln: So ist seit den 80er Jahren ein Autofahrer immer wartepflichtig, wenn er über einen abgesenkten Bordstein fährt. Seit den 90er Jahren gibt es das tangentielle Linksabbiegen, bei dem zwei Fahrer, die beide nach links wollen, nicht erst aneinander vorbei kutschieren müssen. Bei einem Bus mit Warnblinkanlage gilt Schrittgeschwindigkeit, und zwar auch für den Gegenverkehr. Vielen Besitzern alter Führerscheine ist außerdem nicht klar, wie viele Tonnen für Klasse 3 erlaubt sind: Was bei der Führerscheinprüfung auf dem Papier stand, ist inzwischen unter Umständen nur bis zum 50. Lebensjahr ohne Gesundheitsprüfung erlaubt.

Die Hemmschwelle, den eigenen Eltern vom Autofahren abzuraten, ist enorm.

Rudolf Leibl, Vorsitzender der Verkehrswacht

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