23.12.2020 - 18:18 Uhr
OberviechtachOberpfalz

Weihnachtsfest in Angst und Schrecken

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Wenn Eugen Hein am Heilig Abend den Christbaum betrachtet, denkt er auch an Weihnachten im Kriegsjahr 1944 zurück: Es war ein Fest in Angst und Schrecken.

Der nun 82-jährige Eugen Hein aus Oberviechtach erinnert sich an die Zeit zurück, als seine Familie während der Weihnachtszeit 1944 auf der Flucht war und um ihr Leben fürchten musste.
von Christof FröhlichProfil

Die Schrecken des Krieges wird Eugen Hein aus Oberviechtach nie vergessen. Mit Oberpfalzmedien sprach der nun 82- Jährige über seine Erlebnisse im Jahr 1944, die ihn sein Leben lang nicht los ließen. Auch Weihnachten war von Angst geprägt.

Eugen Hein erblickte am 8. August 1938 in Warschau (Polen) das Licht der Welt, wuchs trotz des Krieges in den ersten sechs Jahren seines Lebens in relativer Ruhe und Geborgenheit heran. Doch dann änderte sich alles: Mit seinen Eltern wohnte der Bub damals in Lodz, dem damaligen Litzmannstadt und war gerade mal vier Wochen zur Schule gegangen, als sich seine Mutter entschloss – der Vater war bereits im Krieg – aus Angst vor Fliegerbomben und um ihre drei Kinder zu schützen, von der Frontnähe weg in die Ortschaft Revier in der Nähe von Posen, ins damalige Deutsche Reichsgebiet, zu flüchten.

"Was wir auf dem Leib trugen"

Der damals sechsjährige Eugen kann sich an diese Zeit – es war zwei Wochen vor dem Weihnachtsfest 1944 – und an die Worte seiner Mutter noch gut erinnern, die damals zu den Kindern sagte „Morgen geht es los“. Der Ortskommandant hatte für alle Deutschen, die wegen der nahen Front um ihr Leben bangen mussten, einen Treck in Richtung Westen organisiert. Die Mutter hatte all die wenigen Habseligkeiten, die sie mitnehmen konnten, auf einen Leiterwagen gepackt. "An Bekleidung hatten wir nur, was wir auf dem Leib trugen", erinnert sich der Zeitzeuge.

Zeitzeugen erinnern sich

Ehenfeld bei Hirschau

Ihre Stunde schien während dieses Trecks geschlagen zu haben, als sie aus einem schützenden Waldstück herauswollten, vor ihnen russische Panzer standen und über ihnen ein kleines Aufklärungsflugzeug kreiste. Sie fuhren trotzdem auf die Straße vor ihnen. Als die russischen Soldaten sie als Flüchtlinge erkannten, die von den schrecklichen Ereignissen ihrer Flucht sichtlich gezeichnet waren, ließen sie sie passieren. Die Familie fand einige Zeit später in einem Haus einer verlassenen Ortschaft zunächst eine Bleibe.

Zwischen den Fronten

Die Freude über ein „sicheres Dach“ über dem Kopf dauerte nicht lange, denn kurze Zeit nachdem sich die Familie für die kommende Nacht eingerichtet hatte, flogen von einer Seite Geschosse der „Stalinorgel“, und von der anderen Seite die V2 über ihre Köpfe hinweg. In der "Stillen Nacht" war man zwischen die Fronten geraten. Die Familie zog weiter. Der Treck endete kurz nach dem Weihnachtsfest in Arnoldshof, südlich von Stettin, wo die Mutter mit ihren Kindern in einer Scheune einquartiert wurde.

Die ältere Tochter der Familie und ein gleichaltriges Mädchen einer anderen Familie wurden vor dem Zugriff der russischen Soldaten auf einem Heuboden versteckt. Der große Bruder konnte nach seiner Kriegsgefangenschaft über das Rote Kreuz seine Mutter mit ihren Kindern ausfindig machen und reiste von Westdeutschland nach Arnoldshof, wo sich die Mutter mit den drei Kindern noch befand.

Frondienste geleistet

Die jetzt fast vollzählige Familie, der Vater fehlte noch, lebte jetzt bei einer polnischen Gastfamilie. Bei dieser Gastfamilie musste der Bruder Frondienste leisten. Heimlich wurde die Flucht über unwegsames Gelände in Richtung Stettin organisiert. In der Nähe von Stettin warteten die Heins dann auf den Abtransport in den Westen. "Ende 1945 konnten wir dann endlich einen Zug besteigen, der uns zum Zielbahnhof Beul bei Bonn brachte", erinnert sich Eugen Hein.

In Beul erhielt man eine saubere Unterkunft und in einem kleinen Saal wurden die „Flüchtlinge“ durch das Rote Kreuz gut versorgt. Hier konnte die fast vollzählige Familie, es fehlte noch der Vater, auch das Weihnachtsfest 1945 frei von jeglicher Angst um Leib und Leben feiern. "Für unsere Familie war es eines der schönsten Weihnachtsfeste", so Eugen Hein.Als einige Zeit später auch noch der Vater über das Deutsche Rote Kreuz gefunden wurde, zog die Mutter mit ihren Kindern zu ihm nach Lohndorf bei Bamberg. Dort lebte dann die gesamte Familie in Frieden und Freiheit: Ein unschätzbares Gut nach all den Kriegserlebnissen.

Hintergrund:

Eugen Hein

  • Eugen Hein, der mittlerweile seit 59 Jahren in Oberviechtach wohnt, meldete sich im März 1957 als Freiwilliger zur Bundeswehr und trat seinen Dienst beim Grenadierbataillon 14 in Amberg an, das später zum Panzergrenadierbataillon 122 umbenannt worden ist.
    Eugen Hein war auch einer der Soldaten, die am 11. August 1961 auf dem Oberviechtacher Marktplatz beim „Einzugsappell“ standen und dann die Grenzland-Kaserne bezogen.
  • In seiner 15-jährigen Dienstzeit nutze der zielstrebige Zeitsoldat, der den Dienstgrad Oberfeldwebel erreicht hatte, alle Möglichkeiten der Berufsförderung und verließ die Bundeswehr mit dem Abschlusszeugnis als Bürokaufmann und mit dem Meisterbrief eines Radio- und Fernsehtechnikermeisters. 1975 gründete er im eigenen Haus in der Kastlstraße in Oberviechtach ein Elektrofachgeschäft, das er 2001 an seinen Sohn Dietmar übergab.
Eugen Hein (hinten), hier als etwas Dreijähriger auf dem Schlitten mit einem Freund, ahnte damals noch nicht, was an schlimmen Erlebnissen ein paar Jahre später auf ihn zukommen wird.
Eugen Hein gehörte dem Grenadierbataillon 14 in Amberg an, das später zum Panzergrenadierbataillon 122 umbenannt worden ist. Das Bild zeigt ihn im Jahr 1963 als Offizier vom Dienst in der Grenzlandkaserne Oberviechtach.
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