Erinnerung an Weihnachten nach dem Krieg

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Wegen Corona, sagen manche Politiker, erwarte uns "das härteste Weihnachten seit Kriegsende". Stimmt das wirklich? Drei Zeitzeugen öffnen für uns eine Tür in die Vergangenheit.

Heiligabend Mitte der 1930er Jahre.
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Zu Beginn dieser Rückschau lohnt sich ein kurzer Blick zurück in die "große" Geschichte: "In den deutschen Städten war weit mehr als die Hälfte des Wohnraums dem Bombenkrieg zum Opfer gefallen. Großstädte wie Köln und München waren kaum mehr zu erkennen. Die meisten Brücken über die großen Flüsse waren zerstört, die Verkehrsadern gelähmt. Bis Oktober 1946 mussten fast zehn Millionen Menschen aus den abgetrennten Ostgebieten - auch sie Obdachlose wie die "Ausgebombten" - in den vier Besatzungszonen zusätzlich zu den Einheimischen versorgt werden.

Millionen Menschen hatten kein Wasser, kein Gas, keine Elektrizität. Der Winter 1946/47 wurde dann zur Katastrophe: Ernährung, Energieversorgung und Verkehr brachen zusammen. "Nur das Eingreifen der Besatzungsmächte (de facto: Großbritanniens und vor allem Amerikas) verhinderte das Ärgste." So heißt es in einem Artikel der Bundeszentrale für politische Bildung.

Der Bauernsohn

Hans Hüttner aus Ehenfeld bei Hirschau war bei Kriegsende 16 Jahre alt. "I war daheim bei meine Leut'", erinnert sich der 91-Jährige. Die Eltern betrieben eine kleine Landwirtschaft, drei der fünf Söhne waren zur Wehrmacht eingezogen. Hans, der jüngste, half auf dem Hof und konnte seine Ausbildung zum Schlosser erst beginnen, als die Brüder wieder zu Hause waren. "Im Winter hat der Vater überall Hausschlachtungen g'macht, weil man hat ja keine Kühlschränke gehabt", erzählt der Rentner. "Da ist eine Sur gemacht worden mit viel Salz im Wasser." Bis drei Wochen sei das Fleisch eingelegt worden, bevor es im Kamin haltbar gemacht wurde.

Wenn der Vater bei anderen Leuten geschlachtet habe, sei er mit Naturalien bezahlt worden. "Hungern haben wir nicht müssen." Hans Hüttner erinnert sich an Leberknödelsuppe, Plätzchen und sogar Stollen. Der sei in der Familie hergerichtet und vom Bäcker gebacken worden. "Es hat schon auch gute Sachen gegeben." Andere hätten es in der Nachkriegszeit nicht so gut getroffen, "dann sind Verwandte und Bekannte zu uns gekommen", auch weil die Mutter "sehr freigiebig" gewesen sei. Manchmal habe aber auch sie nichts übrig gehabt, was man hätte teilen können.

Weihnachten ohne Christbaum sei unvorstellbar gewesen, wie ein Heiliger Abend ohne Kirchgang: "Um 10 Uhr in der Nacht war Christmette, da gab es noch volle Kirchen." Hans Hüttner und seine Geschwister seien stets beschenkt worden. Besonders in Erinnerung blieb ihm ein Schaukelpferd. 1945 habe es nur Kleinigkeiten gegeben, "wer sich selbst helfen hat können, der hat gebastelt". Selbst gebaut sei auch der Stall der Krippe gewesen, die zum Fest aufgestellt wurde.

Familie Hüttner aus Ehenfeld im Jahr 1940. Hans, der jüngste Sohn, war damals 11 Jahre alt. Drei seiner vier Brüder wurden zur Wehrmacht eingezogen.

Das Stadtkind

Gisela Kohl wurde 1936 in Schwandorf geboren. Die Stadt war kurz vor Kriegsende bombardiert worden, 80 Prozent der Häuser waren zerstört oder beschädigt, es gab viele Todesopfer. "Der Bombenangriff war acht Tage nach unserer Kommunion, auch zwei Schulfreundinnen sind gestorben", erinnert sich die 84-Jährige. Die Erwachsenen hätten versucht, das Schlimmste von den Kindern fernzuhalten, "und obwohl wir nichts gehabt haben, ist uns nichts abgegangen", auch nicht beim Weihnachtsfest 1945.

Gisela Kohls Familie war sehr gläubig, "unser Vater hat sogar eine Zeit lang für das Priesteramt studiert. Wir haben im Glauben ein gutes Fundament g'habt." So stand am Nachmittag des 24. Dezember der Gang zum Friedhof an, wo an den Grabstellen Lichter angezündet wurden. "Dann ist zum ersten Mal im Jahr im Wohnzimmer eingeschürt worden und man hat sich dort aufhalten dürfen." Um Mitternacht ging es in die Christmette, "obwohl's eiskalt war und wir als Kinder durchgefroren waren". Der Christbaum wurde im Wald gestohlen, das Lametta stets neu ausgebügelt, die Geschenke waren bescheiden: "Ein neues Kleid für die Puppe, ein Buch oder etwas zum Ausmalen." Mit dem 10. Geburtstag änderte sich auch das, dann gab es jedes Weihnachtsfest einen Teil der Aussteuer - während die sechs Jahre jüngere Schwester Spielsachen bekam. Trotzdem schaut Gisela Kohl ohne Groll zurück: "Weihnachten früher war mir lieber als jetzt."

Den ganzen Dezember habe die Mutter gebacken, "den Duft habe ich heute noch in der Nase", sagt die ehemalige Lehrerin. Doch anders als heute wurden die Plätzchen vor dem Weihnachtsfest nicht angerührt. "Unser Onkel hat gehamstert, der Opa war Bahnerer und ist in den Bayerischen Wald gefahren und hat dort Holzpantoffeln gekauft." Die wurden bei heimischen Bauern gegen Naturalien eingetauscht. Die Mutter opferte ihren Pelzmantel für die Tauschgeschäfte, "so hat man eine Zeitlang leben können". Zusammenhalt in der Familie war in der Nachkriegszeit besonders wichtig. "Bei uns war Familie großgeschrieben", betont Gisela Kohl.

Das Flüchtlingsmädchen

Ulrike Merl mit ihrer Mutter, den beiden älteren Schwestern und dem jüngeren Bruder Anfang der 1940er Jahre in Breslau. Im Februar 1945 verließen alle fünf die Stadt und kamen zunächst bei Verwandten in Dresden unter.

Ulrike Merl wurde 1938 in Breslau geboren. Weihnachten 1945 verbrachte sie nach der Flucht mit ihrer Mutter und den drei Geschwistern bei Verwandten in einem Vorort von Dresden und kann sich kaum noch daran erinnern. "Ich glaube, wir haben dort gar nichts gehabt." 1946 siedelte die Familie in die Oberpfalz über, wo der Vater während des letzten Kriegsjahres als Soldat stationiert gewesen war. Das erste Jahr lebte die sechsköpfige Familie in der Nähe von Stulln in einer Lkw-Garage, dann zog sie nach Schwandorf in eine Schreinerei. Dort hatte der Vater vorübergehend Arbeit gefunden. "Und Weihnachten 1947 habe ich dann eine Puppenstube bekommen, die mein Vater selbst gebaut hat, das ist meine erste Erinnerung." Die neun Jahre ältere Schwester hatte Puppen gebastelt und Gardinen für das Puppenhaus genäht. "Ich habe noch mit 14 damit gespielt", erzählt die ehemalige Chemielaborantin.

Einen Christbaum habe es nicht gegeben, "wir hatten doch kaum Platz, das war ja nur eine große Stube mit drei Doppelstockbetten. Unsere Mutter hat auch nicht groß kochen können, sie hat nur zwei Herdplatten gehabt, und das Wasser hat sie in Kübeln von draußen vom Hof holen müssen." Das erste "richtige" Weihnachtsfest war erst wieder möglich, als die Familie in eine normale Mietwohnung gezogen war. Heiligabend kamen Kalbsbratwürste vom schlesischen Metzger auf den Tisch, mit brauner Butter übergossen und mit Sauerkraut und Salzkartoffeln als Beilage. Der katholische Vater besuchte hin und wieder die Christmette, erinnert sich Ulrike Merl, die wie ihre Geschwister evangelisch getauft wurde. "Wir Kinder sind am ersten Feiertag in die Kirche gegangen." Plätzchen durften in der schlesischen Familie schon im Advent genascht werden, allerdings in Maßen: "Unsere Mutter hat aufgepasst, dass an Weihnachten noch welche übrig waren. Dann hat jeder einen Plätzchenteller bekommen, auf dem genau das Gleiche drauf war."

Türchen Nummer 15

Neustadt an der Waldnaab
Frauen bücken sich nach Kohlenstücken oder klettern gleich ganz auf den Waggon eines Kohlenzuges und stehlen das begehrte Heizmaterial: ein Archivfoto aus dem Jahr 1946.
Dicht gedrängt leben die Menschen nach Kriegsende im bayerischen Flüchtlingslager Allach.

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