11.12.2020 - 17:27 Uhr
OberviechtachOberpfalz

Zeitenwende auf Haus Murach: Als die Burgkapelle zur Wohnung wird

Als zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Pflegamt auf Haus Murach aufgelöst wird, bedeutet das eine Zeitenwende. In der ruinösen Burganlage kehrt daraufhin vielfältiges neues Leben ein. Neue Forschungen bringen überraschende Erkenntnisse.

Die Ruine der Burg Murach zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Hinter den Mauern wohnten damals noch einige Menschen. Hedwig Pamlers Forschungen haben neue Aspekte zur Historie offenbart.
von Georg LangProfil

Im südlichsten Punkt der Burganlage Haus Murach befand sich einst die Kapelle, die dem heiligen Nikolaus geweiht war. Gemäß einer Baubeschreibung der Königlichen Bauinspektion Weiden von 1844 war das kleine Gotteshaus „im Durchschnitt 47 Fuß lang, 40 Fuß breit und 25 Fuß hoch“ und es war mit einem „Kirchentürml“ samt Glocke ausgestattet. Die Auflösung des Pflegamts 1803 bedeutete auch einen massiven Einschnitt für die Schlosskapelle, in der bis dahin vom Oberviechtacher Pfarrer monatlich eine Messe gehalten wurde. Am Nikolaustag und beim Kirchweihfest war die Zelebration eines Amtes samt Predigt Tradition.

Zuletzt rückte ein Dorfabend in Obermurach die Geschichte der Burg ins Blickfeld

Oberviechtach

Die aufschlussreichen Informationen zur Nikolauskapelle hoch droben auf dem Burgberg sind nur ein Teil der Forschungsergebnisse von Hedwig Pamler aus Obermurach. Interessant ist, wie nach dem Ende des Pflegamts das Burgareal samt den maroden Gebäuden veräußert und genutzt wurde. Lediglich der Bergfried blieb im Besitz des Staates. Die übrige Liegenschaft wurde in eine Vielzahl von Parzellen aufgeteilt und bewohnt. Dass es so weit kam, war eine Folge der Versteigerung des Burgareals im Jahr 1807 durch das Churfürstliche Landeskommissariat.

„Wer nun diese Gebäude käuflich an sich zu bringen Lust trägt, der mag dieselben bevor in Augenschein nehmen, die Bedingnisse anhören und seine Angebote Mittwoch den 6ten Februar 1805 dem hiesig churfürstlichen Rentamt (Neunburg v.W.) zu Protokoll einlegen.“ Den Zuschlag erhielt der Neunburger Posthalter Georg Urban, der bald nach dem Erwerb mit der Veräußerung einzelner Räume oder Parzellen begann.

Wer nun diese Gebäude käuflich an sich zu bringen Lust trägt, der mag dieselben bevor in Augenschein nehmen, die Bedingnisse anhören und seine Angebote (...) dem hiesig churfürstlichen Rentamt zu Protokoll einlegen.

Ausschreibung der Burg-Versteigerung im Jahr 1805

In der Mehrzahl waren es arme Leute und Tagelöhner, die in der weitläufigen Anlage ein bescheidenes Zuhause erwarben. Mitunter war es nur ein Zimmer in den heruntergekommenen Gebäulichkeiten, verbunden mit einem Ziegen- oder Hühnerstall und einer kleinen Miststatt. In einem Briefprotokoll vom 28. Dezember 1807 ist zu lesen: „...verkauft Georg Urban von dem an sich gekauften Schloss zu Haus Murach das Zimmer Nro 2 samt Stallerl an Blasi Ruml, Stricker daselbst, um 180 Gulden“.

Im Liquidationsprotokoll der Steuergemeinde Obermurach von 1839 sind allein für das Pflegschloss im nordöstlichen Teil des Areals fünf Besitzer eingetragen. Auch die Wirtschaftsgebäude wie die Wagenremise, das „Hennenstübl“ und die ehemalige Gesindeunterkunft wurden veräußert. Ebenso fand das „Schreibzimmer mit dem oberen Gewölbe“ einen Käufer. Dieses Objekt erbrachte – wohl aufgrund seines besseren Bauzustands – 300 Gulden.

Musikant als Besitzer der Burgkapelle

Das Ziel einer profitablen Verwertung der erworbenen Burganlage machte auch vor der Nikolauskapelle nicht Halt. Im Häuser- und Rustikalkataster von 1811 wird ein Johann Zeitler, Musikant aus Stamsried, als Besitzer der „Schlosskapelle zu Haus Murach, welche in ein Wohngebäude umgeändert wird“, vermerkt. Allzu lange hat Zeitler aber wohl nicht in dem ehemaligen Gotteshaus gewohnt, denn gemäß einem Bericht des Bezirksamts Oberviechtach von 1903/1904 war die Kapelle bereits 1832 bis auf die Grundmauern abgetragen. 1844 verkaufte Zeitler die Ruine an den bayerischen Staat, der in jener Zeit bereits den Rückerwerb von Teilen der Burganlage einleitete. Auch der mächtige Getreidekasten neben dem Turm befand sich in dieser Zeit schon wieder im Besitz des Landes Bayern.

Hedwig Pamler, geborene Ernstberger, wohnt im unmittelbaren Umfeld der Burg Haus Murach. Für die Ortsgeschichte Obermurachs interessiert sie sich von Kindheit an.

Der Oberviechtacher Landrichter Anton von Nagel plädierte für eine Restaurierung des Bergfrieds, des Getreidekastens und der Kapelle. Ein Argument war die herrliche Aussicht, die „Naturfreunde“ genießen können, andererseits brachte der Landrichter aber auch die Nutzung der restaurierten Gebäude als „Arbeitshaus“ bzw. als „Kranken- und Irrenhaus“ ins Gespräch. Die für eine Teilrestaurierung veranschlagten Kosten von 2800 Gulden wurden jedoch zusammengestrichen, so dass lediglich der Turm mit einem Ein- und Aufgang, einer Plattform sowie einer „Gemäuerbedeckung“ ausgestattet werden konnte.

Burganlage als Wohn- und Lebensraum

Ungeachtet dieser staatlichen Initiativen wohnten aber im übrigen Teil der Burganlage noch zahlreiche Menschen. Beispielsweise wurde im Jahr 1846 auf den Plannummern 25 und 26, die als „Ödplatz“ bezeichnet waren, ein weiteres Wohnhaus errichtet, welches von der Familie Boier, später Reitinger, genutzt wurde. Das Haus Nr. 30a brannte 1891 ab. Der Hausbesitzer Michael Meier, „Häusler und Weber“, „soll das Feuer am 5. Oktober nachts zwischen 11 und 2 Uhr selbst gelegt haben“. Meier wurde wegen Brandstiftung zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt.

Ab 1894 begann die Gemeinde mit sämtlichen Bewohnern zwecks Ankauf ihrer Wohnrechte zu verhandeln. So befand sich nach 1904 das gesamte vormalige Pflegschloss wieder im Besitz des Staates. Viele Burgbewohner siedelten in den Ort über oder zogen weg. Die letzten Bewohner waren Therese Boier und dann ihre Tochter Betty Reitinger, die bis 1964, mit dem Landbauamt Amberg vertraglich geregelt, den Burgwartsdienst versah.

Weitere Informationen gibt's hier

Zahlreiche Quellen zur Burggeschichte des 19. Jahrhunderts aus dem Staatsarchiv Amberg wertete Hedwig Pamler aus. Darunter Steuerkataster, Briefprotokolle, Pläne und Baubeschreibungen.
Hintergrund:

Aufschlussreiche Recherchen im Archiv

Hedwig Pamler aus Obermurach, Verwaltungsangestellte am Landratsamt Schwandorf, hat bei ihren Forschungen im Staatsarchiv Amberg erstaunliche Erkenntnisse zur Historie der Burg Haus Murach, aber auch zur lokalen Sozialgeschichte erarbeitet. Beim Studium der Akten des Amtes Murach und der Pfarrei Oberviechtach aus jener Zeit sowie der einschlägigen Briefprotokolle hat sich die Hobbyhistorikerin intensiv mit der Geschichte der Burg von Anfang des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts beschäftigt und hierbei ein Feld beackert, das bisher noch nicht im Fokus der Forschung stand.

Dieser Rekonstruktionsversuch der Burg mit der Nikolauskapelle ist im Landkreisheft „Haus Murach“ (Heimatkundliche Beiträge, Heft 1, 1970) veröffentlicht.
Der Katasterauszug offenbart die Aufteilung des von der Mauer umgebenen Burgareals in eine Vielzahl kleiner Parzellen. Die handschriftlichen Einträge von Hedwig Pamler beziehen sich auf die konkreten Besitzer der markierten Wohneinheiten.

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.