Parkstein
08.05.2022 - 16:49 Uhr
OnetzPlus

Steigende Zinsen müssen für die Wirtschaft kein schlechtes Signal sein

Nach bald fünfzehn Jahren nahe an der Nulllinie steigen die Zinsen plötzlich schnell an. Das hat mit der hohen Inflation zu tun. Börsenexperte Robert Beer erklärt, die Hintergründe und warum die Realwirtschaft gut mit höheren Zinsen fertig werden könnte.

Alles wird teurer, auch das Geld. Bild: Würth, Wolfgang
Alles wird teurer, auch das Geld.

Die US-Notenbank hat nach einer ersten Zinserhöhung im März den Leitzins letzte Woche um 0,5 Prozent angehoben, dem größten Zinsschritt seit März 2000. Zudem hat die FED weitere Zinsschritte bis Jahresende angekündigt und will den Leitzins von aktuell 0,75 Prozent auf 2,5 Prozent anheben. Außerdem wollen die Währungshüter ab Juni dem Markt über Anleiheverkäufe Geld entziehen und so die ultra-lockere Geldpolitik der letzten Jahre ein Stück weit zurückdrehen. Auch die europäische Notenbank hat angekündigt, im Laufe des Sommers erste Zinsschritte zu überlegen. Die Kapitalmarktteilnehmer erwarten auch hier 0,5 bis 0,75 Prozentpunkte Zinsanhebungen bis Jahresende.

Ziel der Maßnahmen ist die zuletzt massiv gestiegene Inflation einzudämmen und abzukühlen. Bereits in den letzten Monaten sind die längerfristigen Zinsen in Erwartung dieser Zinsschritte stark gestiegen. So ist die Rendite der 10-jährigen deutschen Bundesanleihe von -0,1 Prozent zu Jahresstart auf über 1 Prozent gestiegen. In den USA hat sich der Zehn-Jahreszins von 1,5 auf etwa 3 Prozent verdoppelt. Und dies in vier Monaten. Für Anleger von langlaufenden Anleihen, wie beispielsweise Banken, Pensionskassen und Versicherungen, aber auch Rentenfonds, bedeuten diese gestiegenen Zinsen erhebliche Probleme. Denn bei steigenden Zinsen fallen die Kurse bestehender Anleihen und sorgen so für teils enorme Buchverluste. Risikopositionen müssen in der Folge abgebaut und mitunter Verluste realisiert werden.

Aber nicht nur Staaten müssen für neue Kredite künftig tiefer in die Taschen greifen. Auch für neue Unternehmenskredite steigen die Zinsen und belasten so die Konzerne. So müssen auch große Emittenten wie Thyssen, BASF und Mercedes selbst bei kürzeren Laufzeiten von drei Jahren etwa ein Prozent mehr bezahlen als zuletzt. Und auch Privatpersonen merken den Anstieg. Konnte ein Bauherr zu Jahresbeginn sein Vorhaben noch für Konditionen um 1 Prozent für 10 Jahre finanzieren, ist der Kredit aktuell mit über 2,5 Prozent um mehr als 1,5 Punkte pro Jahr teurer. Bei sechsstelligen Finanzierungssummen bedeutet dies eine zinsbedingte Mehrbelastung von teils mehreren tausend Euro und dies jedes Jahr.

Ein Umstand, der viele potenzielle Bauherren aber auch Unternehmenslenker von Investitionen absehen lässt. Denn neben der Zinsunsicherheit sind die Materialknappheit, die Verfügbarkeit von Baufirmen wie Handwerkern und schließlich die Preise extrem unsicher. Daher können die Zinsschritte durchaus dazu beitragen, die Nachfrage zu dämpfen und so die Inflationsentwicklung in den kommenden Monaten wieder auf vernünftige Niveaus zu drücken.

Andererseits bewegen sich die Zinsen auf - historisch gesehen - immer noch sehr moderaten Niveaus. Und in den letzten Jahren wurde den Kapitalmärkten sehr viel Geld zugeführt. Anstelle von "Abwarten bis es wieder günstiger wird" kann auch schnell eine "Jetzt erst Recht" Mentalität um sich greifen. Schließlich erwarten viele Medien und Ökonomen weiterhin hohe Inflationsraten. Die Gründe in diesen Erwartungen sind weiterhin angespannte Lieferketten, hohe Energiepreise und eine beginnende Lohn-Preis-Spirale. Alles Themen, die sich kaum kurzfristig und schon gar nicht mit noch mehr Geld lösen lassen.

Die Sorge vieler Ökonomen, dass die Wirtschaft wegen der Inflationsdynamik in eine Rezession abgleitet erscheint aktuell unbegründet. Schließlich kann derzeit die Nachfrage nur aufgrund der Engpässe bei Chips und vieler anderer Materialien kaum bedient werden. Selbst wenn die Wachstumszahlen niedriger ausfallen, verdienen die Unternehmen weiterhin ausgezeichnet und konzentrieren sich auf die profitabelsten Segmente. Auch ein Grund, warum sich Aktien vor dem Hintergrund steigender Zinsen kaum beeindruckt zeigen.

Lediglich hoch bewertete Technologieaktien und Pandemiegewinner sind seit Jahresstart deutlich gefallen. Diese Aktien galten in den letzten Jahren als erste Wahl um Negativzinsen zu entkommen und werden wohl auch künftig bei weiter steigenden Zinsen belastet. Denn die Unsicherheit in der Wirtschaft sollte hoch bleiben und Papiere am Rentenmarkt bieten langsam wieder eine Alternative.

Die Gefahr weiter hoher Inflationsraten und anziehender Zinsen in Kombination mit Lieferketten und Energiepreisen sowie geopolitischen Spannungen treffen also auf prall gefüllte Auftragsbücher und ordentliche Gewinne. In diesem Spannungsfeld ist an den Aktienmärkten vieles möglich. Ein kräftiges Absacken genauso wie ein deutlicher Anstieg bei Hoffnung auf eine Entspannung bei einzelnen Risiken.Robert Beer ist Fondsmanager und Inhaber der Robert Beer Investment GmbH in Parkstein. Als Buchautor befasst er sich zudem seit den 1980er-Jahren mit der Wirtschaft und den Kapitalmärkten. Für seinen LuxTopic-Fonds wurde Beer unter anderem mit dem deutschen Fondspreis 2022 ausgezeichnet.

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Zum Fortsetzen bitte

Sie sind bereits eingeloggt.

Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein OnetzPlus- oder E-Paper-Abo.