07.03.2021 - 11:43 Uhr
PechbrunnOberpfalz

Weltenbummler aus Pechbrunn: „Du musst tun, was dir wichtig ist im Leben“

Stephan Hübner aus Pechbrunn lebt in einem Camper. Mit seiner Frau Nataša ist er weltweit auf Achse. Wenn Corona vorbei ist, wird er auf Vorträgen von seinen Reisen berichten.

Weltenbummler Stephan Hübner und seine Frau Nataša vor dem Fitz Roy in Patagonien.
von Autor FPHProfil

Von Peggy Biczysko

Stephan Hübner und seine Frau Nataša stehen vor einem Wasch-Salon in München. Sie müssen warten, weil alle sechs Maschinen belegt sind. Der 55-Jährige, der in Marktredwitz sein Abitur gemacht hat, stammt aus Pechbrunn. Doch seit einigen Jahren lebt er zusammen mit seiner Ehefrau in einem Camper. Hin und wieder ist er zu Besuch in der alten Heimat oder – wie gerade jetzt – in München, wo seine Frau noch arbeiten muss.

ONETZ: Herr Hübner, wo und wie leben Sie zurzeit und wann haben Sie Ihre Wohnung aufgelöst?

Stephan Hübner: Das war 2018. Danach haben wir den Camper hergerichtet und sind von Pechbrunn nach Hamburg gefahren, um von dort via Frachtschiff in die Neue Welt zu gelangen. Im Herbst 2019 waren wir zurück. Durch Corona etwas verzögert, wohnen wir seit Mai 2020 in einem großen Camper, der alles hat, was man zum Leben braucht. Es gibt eine großzügige Dusche, einen Backofen und eine große Sitzgruppe für sechs Personen.

ONETZ: Wie oft zieht es Sie zurück in die Heimat und wer lebt da noch?

Stephan Hübner: Dort lebt noch meine Mutter, mein Vater starb während unserer Südamerika-Reise. Seit Corona war ich häufiger und länger in der Heimat.

ONETZ: Als Sie gerade mit dem Reise-Virus infiziert waren, kam das Corona-Virus für Sie äußerst ungelegen. Hat Sie das ausgebremst?

Stephan Hübner: Generell plane ich wenig, das Leben läuft doch meist anders als geplant. Wir wollten Mitte 2021 wieder nach Südamerika aufbrechen. Das geht coronabedingt nicht. Wir wollten auch mehr Zeit mit den Eltern von Nataša in Slowenien verbringen. Zudem stand an, die Weichen für die Zukunft zu stellen, ein eigenes Business aufzubauen oder zumindest so vorzubereiten, dass wir nach der nächsten großen Reise durchstarten können. Da ist einiges liegen geblieben. Und es gab auch Phasen mit großen Zweifeln, ob der Weg mit einem eigenen Vortrags-Business wirklich der richtige ist, da dieser Bereich momentan völlig am Boden liegt.

ONETZ: Seit wann sind Sie mit dem Expeditionsmobil auf Achse?

Stephan Hübner: Mit dem Nissan-Patrol bin ich seit Ende 2017 unterwegs. Auf Achse bin ich tatsächlich seit 1986, meist mit verschiedenen T 2- und T 3-Bullis. Meist über zwei Monate im Jahr, manchmal länger. In den ersten sechs Jahren nach meinem Spanien-Aufenthalt habe ich auch im VW-Bus gelebt. Dass ich 2007 eine Galerie-Wohnung gemietet habe, war der Erwartungshaltung von Vorgesetzten und Kollegen geschuldet. So hörte ich immer wieder: „So kann man dem keine verantwortungsvollen Projekte übertragen. Man weiß ja nie, ob er morgen den Zündschlüssel umdreht und einfach wegfährt.“ Seit 2010 begleitet mich Nataša, seit Ende 2017 sind verheiratet.

ONETZ: Was sind Ihre Lieblingsziele?

Stephan Hübner: Spektakuläre Landschaften und andere Kulturen – auch Esskulturen – haben es mir sehr angetan. Explizit Andalusien, die Pyrenäen und die Berge Südtirols. Aber da sind da auch noch Skandinavien, Rumänien und der Balkan. Und neu auf der Liste sind auch die Anden Südamerikas. Würde ich gezwungen werden, tatsächlich in gemauerten vier Wänden zu leben, würde ich mich für Andalusien entscheiden. Da schwingt ein bisschen Heimweh mit.

"Würde ich gezwungen werden, tatsächlich in gemauerten vier Wänden zu leben, würde ich mich für Andalusien entscheiden. Da schwingt ein bisschen Heimweh mit."

Stephan Hübner

ONETZ: Gibt es Länder, die Sie meiden?

Stephan Hübner: Vielleicht Nordkorea und China wegen der krassen Überwachung. Und natürlich Kriegsgebiete wie im Nahen und Mittleren Osten, die ich aber generell gerne bereisen würde.

ONETZ: Was hat Sie am meisten fasziniert?

Stephan Hübner: Die Herzlichkeit und Gastfreundschaft in vielen Teilen der Welt. Oft scheint es, dass dies vor allem dort anzutreffen ist, wo die Leute viel weniger haben. Und trotzdem spürt man Glück und Zufriedenheit. Daneben üben tolle und weite Landschaften eine große Faszination auf mich aus. Dort, wo man sich klein und unwichtig fühlt. Nicht zu vergessen die Märkte und Stände, wo man Leckereien genießen kann. Stände, die in Deutschland nie eine Zulassung bekämen.

ONETZ: Welche Sprachen sprechen Sie?

Stephan Hübner: Fließend Englisch und Spanisch so weit, dass ich mich unterhalten kann. Nataša spricht Slowenisch und kann sich fast auf dem gesamten Balkan verständigen. Daneben kann Nataša auch gut Türkisch.

ONETZ: Ist es sehr teuer, solch einen Traum des Ausstiegs zu leben?

Stephan Hübner: Für denjenigen, der dieses Leben wirklich als Traum sieht und empfindet, ist es überhaupt nicht teuer. Es geht hier um Prioritäten, um deine Werte. Was ist dir wirklich wichtig, was willst du aus deinem Leben machen, wofür stehst du? Jede Entscheidung hat ihren Preis, übrigens auch die Entscheidung, nichts zu entscheiden. Ich habe nie den Entschluss gefasst: Jetzt steige ich aus. Vielmehr war es die logische Konsequenz eines langen Prozesses. Seit ich denken kann, ist es mir wichtig, Abhängigkeiten möglichst zu vermeiden. Ich wollte meine Arbeit nicht machen, um davon leben zu können. Ich wollte immer das Gefühl haben, jederzeit gehen zu können. Entsprechend bin ich nie in die „Konsum-Falle“ getappt. Ich habe nie einen Fernseher besessen und viele andere Dinge nicht gekauft, die nach meiner Wahrnehmung für viele absolut normal sind. Aber mir bringt es eben nichts.

ONETZ: Aber leben muss man ja trotzdem von etwas!

Stephan Hübner: Natürlich hat dieser Traum auch seinen Preis. Ich werde einmal viel weniger Rente beziehen. Das Fehlen regelmäßigen Einkommens ist nicht immer einfach. Mal eben einen anderen Expeditionscamper zu kaufen, ist nicht ohne Weiteres möglich. Ohne die Rücklagen, die ich in den letzten 35 Jahren gebildet habe, wäre das kaum machbar. Aber wenn du im Job immer unzufriedener wirst, etwa weil du schon wieder Monate oder gar Jahre an Projekten gearbeitet hast, die am Ende im Mülleimer landen, wenn du von deinem Vorgesetzten für Dinge gelobt wirst, die dir selber peinlich sind und du im Gegenzug für das, worauf du stolz bist, beinahe bekämpft wirst, dann wächst der Wunsch nach Veränderung. Wenn dir die Endlichkeit deines Seins immer klarer wird, ist die Zeit reif dafür.

ONETZ: Arbeiten Sie nach Ihrem Ausstieg aus dem „richtigen“ Berufsleben?

Stephan Hübner: Viele verknüpfen das mit nichts mehr machen (wollen). Wenn ich mir bildhaft vorstelle, wie ich aus einem Hamsterrad aussteige, gefällt mir das Wort recht gut. Ich sehe das jedoch vielmehr als Einstieg in ein sinnvolles, selbstbestimmtes Leben. Und natürlich möchte ich „arbeiten“. Und wenn ich damit Geld verdiene, dann ist das wunderbar. Aber im Vordergrund steht das Sinnhafte, das zu tun, was mir wichtig ist. Und ich berichte den Menschen von meinen und unseren Reisen.

ONETZ: Sie bringen also Ihre Abenteuer vor größeres Publikum. Wie gestalten Sie diese Auftritte?

Stephan Hübner: Leider hatte ich, bedingt durch Corona, erst wenige Möglichkeiten, Vorträge vor größerem Publikum präsentieren zu können. In der Zwischenzeit arbeite ich hart daran, die Vorträge so zu optimieren, um damit auch eine Chance zu haben, von den großen Veranstaltern eingeladen zu werden. Aktuell habe ich zwei Vorträge in der Pipeline: einen über Andalusien und einen über Südamerika. Die Vorträge werden kombiniert mit landestypischen Leckereien angeboten. Ich hoffe, dass dieses Format auch nach den ersten Corona-Lockerungen umgesetzt werden kann. Wichtige Bestandteile der Gestaltung sind die Zwischenbilder bei der Überblendung. Die Sequenzen sollen eine Einheit bilden. Genauso essenziell ist die passende Musik, ein wesentliches Element, um die Spannung zu erhalten.

ONETZ: Haben Sie durch die Pandemie große finanzielle Einbußen?

Stephan Hübner: Nein. Aber das liegt in erster Linie daran, dass ich mit keinen großen Einnahmen rechne. Mein Ziel ist es, nach der nächsten großen Reise durchzustarten. Bis dahin gilt es zu lernen, zu üben, hart zu arbeiten. Es gibt so viele schlechte Vorträge. Vorträge, für die ich auch kein Geld ausgeben würde. Du musst ein Erlebnis bieten. Die Gäste müssen mit einem Wow-Erlebnis rausgehen. Und das schaffst du nicht von Null auf Hundert. Ich habe mir fünf Jahre Zeit gegeben. Und das werde ich schaffen! Vielleicht mit einem ganz eigenen Format, einem Alleinstellungsmerkmal.

ONETZ: Wo sind Sie im Moment auf Achse?

Stephan Hübner: Aktuell bin ich nicht unterwegs. Ich bin am Vorbereiten, am Weichenstellen. Auch gehen mir die Einschränkungen und Auflagen sehr gegen den Strich. Ich nutze die Zeit, um die Heimat wieder näher kennenzulernen. Etwas, was ich sonst nicht tun würde. Eine Neuentdeckung für mich sind Bike and Hike. Damit erreiche ich top Plätze in den Bergen, ohne mit dem Auto unterwegs sein und den Kampf um Parkplätze aufnehmen zu müssen (ich rede von den bayerischen Voralpen).

ONETZ: Haben Sie schon einmal über einen Vortrag in Ihrer früheren Heimat nachgedacht?

Stephan Hübner: Ja, ein ganz klares Ja. Es ist eines meiner Hauptziele, Uwe Kuchenbäcker aus Marktredwitz davon zu überzeugen, mich eines Tages auch in die Stadthalle einzuladen. Du musst was ganz Besonderes bieten, Leute begeistern. Ich traue mir das zu. Und in den besagten fünf Jahren kann man viel lernen, viel auf die Beine stellen.

Über ihre Reisen berichten auch die gebürtigen Oberpfälzer Sabine Hoppe und Thomas Rahn

Amberg
Dieses Foto entstand am Rio de la Plata in Uruguay.

 

 

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