Mona Lisa übermalt: Ausstellung in Pertolzhofen eröffnet neue Sichtweisen

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Die betenden Hände halten einen Kochlöffel. Vom Lächeln der Mona Lisa ist auch nicht mehr viel übrig. Dafür gestattet die jüngste Ausstellung in der "Pertolzhofener Kunsthalle" einen neuen Blick auf Vertrautes.

Die "Kunsthalle Pertolzhofen" ist aktuell einer der wenigen Orte in Deutschland, die eine neue Ausstellung zu bieten haben. Heiko Herrmann hat hier Werke um sich versammelt, die viel mit Kunstvermarktung, Umdeutung und Übermalung zu tun haben.
von Monika Bugl Kontakt Profil

"Die Kunst in die Welt": So nennt der Pertolzhofener Kunstvereinsvorsitzende Heiko Herrmann die Sammlung, die derzeit in der Kunsthalle Pertolzhofen, dem Container am Bayerisch-böhmischen Freundschaftsweg, zu bewundern ist. Sie soll zeigen, "wie Welt und Kunst sich annähern, sich durchdringen, sich aneinander reiben und befruchten". Aber auch, wie Kunst vermarktet wird – und trotzdem ihre Magie behält.

Gegen das ewig Gleiche

Knallrot verfremdet sind da beispielsweise die "Betenden Hände" von Albrecht Dürer, zwischen denen kein Rosenkranz, sondern ein Kochlöffel steckt. "Ora et labora" hat Künstler Thomas Kahl dieses Werk genannt. Mariko Saito hat die Landschaft auf einem japanischen Rollbild übermalt, und Heiko Herrmann hat nicht mehr viel übrig gelassen von einem gedruckten Abbild der Mona Lisa. Das berühmte Gemälde von Leonardo da Vinci war es auch, das Künstler Herrmann überhaupt erst auf die Idee zur aktuellen Ausstellung brachte. Bei einem Aufenthalt in Paris 1995 wollte er Postkarten verschicken, doch da gab es nur ein Motiv: die Mona Lisa. "So beschloss ich, um nicht das ewig Gleiche zu verschicken, die Mona Lisa zu übermalen", erzählt er.

Das zeigte die "Kunsthalle" heuer als Ersatz für die "Kunstdingertage"

Pertolzhofen bei Niedermurach

Bei den "Pertolzhofener Kunstdingertagen", einem 14-tägigen Symposium für Künstler, hing das Bild an der Wand und bekam von Heribert Heindl noch eine Textzeile verpasst: "Was alte Bilder uns erzählen können". Sehr beredt berichten nun die Objekte im Container von dem fließenden Übergang zwischen Kunst und Alltagsgegenstand: Ein Flaschentrockner fungiert quasi als reanimierte Skulptur von Marcel Duchamp, der dem filigranen Gegenstand als erster einen Platz in der Kunstwelt einräumte. Heike Pillemann hat mit ihrer künstlerischen Technik einen Lampenschirm geadelt, Heiko Herrmann ein biederes Nachkästchen mit Neonfarben in abstrakte Kunst transformiert.

Doch der Weg kann auch in die umgekehrte Richtung führen: Franz Marcs "Blaues Pferd" ziert inzwischen nicht nur Postkarten, sondern auch Kaffeebecher. Van Goghs Landschaftsbilder finden sich auf Einkaufstaschen. Die Signatur von Picasso genügt, um ein Automodell von Citroen aufzuwerten. Auch wenn Picasso das nicht mehr erleben musste, er scheint Verständnis für solche Verwandlungen gehabt zu haben. "Ich mache aus einem Fahrradlenker einen Stierkopf, irgendwann kommt mal einer und macht aus meinem Stierkopf wieder einen Fahrradlenker", zitiert Herrmann den berühmten Maler.

Claudette Griffith hat sich mit der Bemalung von Papiertüten begnügt. Aber auch ein Bild, das Künstler Herrmann bei einer Nachbarin entdeckt hat, passt in die Sammlung: Es handelt sich um Carl Spitzwegs Werk "Der Bibliothekar", allerdings nicht in Öl, sondern in Wolle, es ist ein gesticktes Bild. "Erst Verbesserungen, dann Verwässerungen", beschreibt Kurator Herrmann die Tendenzen, die einerseits sichtbar machen, andererseits auf eine Marke reduzieren. Der 67-Jährige ist überzeugt: "Ohne das Kornfeld von Van Gogh hätte sich niemand für den Anblick eines solchen Feldes interessiert". Umgekehrt wird manches Objekt erst im Nachhinein "zur Skulptur erklärt". Als Beispiel holt er seinen Kochfeld-Schaber aus der Küche: "Das hier, das ist doch ein Gesicht, sehen Sie das?", fragt er mit Blick auf Kerben und Schrauben.

Schule des Sehens

Viel liegt ihm daran, den Blick zu weiten. Eine "Schule des Sehens" will er auch denen eröffnen, die mit moderner Kunst wenig am Hut haben. "Die Menschen im Dorf hier haben inzwischen mehr Achtung vor der Kunst", ist der Künstler überzeugt. Immerhin schlägt er seit über 25 Jahren bei den "Kunstdingertagen" eine Brücke zwischen den Experimenten seiner Kollegen und der Landbevölkerung. "Ich habe mich auch an verschiedenen Verbesserungen, Überarbeitungen von Gegenständen in der Welt versucht", sagt Herrmann, "kommen Sie und sehen Sie selbst!". Die Ausstellung im Container, der über Fenster rund um die Uhr einsehbar ist, läuft noch bis Ende April.

Ohne das Kornfeld von Van Gogh hätte sich niemand für den Anblick eines solchen Feldes interessiert.

Heiko Herrmann

Heiko Herrmann

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