19.02.2019 - 16:58 Uhr
Oberpfalz

Pfad durch den Pflege-Dschungel

Die gesetzliche Pflegeversicherung übernimmt nur einen Teil der Kosten, die im Pflegefall das Konto empfindlich belasten. Empfehlen sich Zusatzversicherungen? Bastian Landorff von der Verbraucherzentrale Bayern weiß Rat.

Die Pflegeversicherung gibt es seit 1995 als eigenständigen Zweig der Sozialversicherung. Sie soll das finanzielle Risiko der Pflegebedürftigkeit abfedern.
von mvsProfil

Eine private Pflegezusatzversicherung kann helfen, die Lücke zwischen gesetzlicher Pflichtversorgung und tatsächlichen Pflegekosten zu schließen. Sich über eine Vorsorge Gedanken zu machen, ist für die ganze Familie wichtig: Denn wenn der Pflegebedürftige die Pflegekosten nicht schultern kann, springt zwar unter bestimmten Voraussetzungen das Sozialamt ein, kann sich die Gelder aber von Nachkommen zurückholen. Die OWZ fragt Bastian Landorff von der Verbraucherzentrale Bayern.

ONETZ: Gibt es eine bestimmte Personengruppe, der man den Abschluss einer Pflegezusatzversicherung empfehlen kann?

Bastian Landorff: Für wen und in welcher Form sich die Zusatzversicherung lohnt, lässt sich nicht pauschal sagen. Verbraucherinnen und Verbraucher sollten sich vor Abschluss beraten lassen, ob der Vertrag in ihrer Situation sinnvoll ist. Wir machen das gern. Wir regen an, über eines besonders nachzudenken: Der Beitrag für die Versicherungen kann sich im Laufe der Zeit stark erhöhen. Wer also schon zu Beginn die Beiträge nur mit Mühe aufbringen würde, sollte lieber von einem Vertragsschluss Abstand nehmen. Denn wenn man die Beiträge nicht mehr zahlen kann und der Vertrag gekündigt wird, sind bei vielen Tarifen die Einzahlungen im schlimmsten Fall weg.

ONETZ: Worin unterscheiden sich die Produkte der Versicherer?

Bastian Landorff: In zahlreichen Punkten! Um nur ein paar zu nennen: Bei den einen Policen muss der Versicherte die Beiträge im Pflegefall weiterzahlen, bei anderen wird er ab einem bestimmten Pflegegrad beitragsfrei. Die Höhe der monatlichen Leistung kann bei Abschluss oft flexibel eingestellt werden. Bei einigen Verträgen ist es möglich, die Pflegegelder während der Laufzeit zu erhöhen. Viele Versicherungen zahlen nicht in allen Pflegegraden gleich viel, sondern in den niedrigen Pflegegraden prozentual entsprechend weniger. Vorsicht ist geboten, wenn bestimmte Leistungsbereiche fehlen, zum Beispiel wenn kein Geld bei der Pflege durch Laien gezahlt wird.

ONETZ: Wie wird der Beitrag für Pflegezusatzversicherungen berechnet?

Bastian Landorff: Die Beitragshöhe hängt von verschiedenen Faktoren ab: Vom Gesundheitszustand des Versicherten, seinem Alter bei Vertragsbeginn sowie von den gewünschten Leistungen. Der Beitrag kann auch nach Vertragsschluss im Laufe der Zeit steigen.

ONETZ: Mit welchem Beitrag muss man zu Beginn rechnen?

Bastian Landorff: Je nach Leistungsprogramm unterscheiden sich die Kosten stark. Bei den Pflegetagegeldversicherungen kann der Pflegebedürftige die erhaltene Leistung in der Regel flexibel einsetzen. Hier werden aktuell für einen etwas gehobeneren Umfang anfänglich als Beitrag im Alter von 50 Jahren schnell zirka 55 Euro aufwärts pro Monat fällig für umgerechnet monatlich 1500 Euro Leistung in den höchsten Pflegegraden. Zum Vergleich: Schließt ein 60-Jähriger den Vertrag ab, sind es dann schon durchaus 100 Euro Beitrag und mehr. Hinzu können auch noch Aufschläge wegen gesundheitlichen Vorbelastungen kommen.

ONETZ: Gehen wir davon aus, jemand hätte schon einige Gesundheitsbeschwerden. Bekommt er dann überhaupt noch einen Vertrag?

Bastian Landorff: Die Versicherer haben die Möglichkeit, die Aufnahme aufgrund von Vorbelastungen zu verweigern. In einem solchen Fall kann man die staatlich geförderte Pflegetagegeldversicherung, den sogenannten „Pflege-Bahr“-Tarif, in Erwägung ziehen. Hier darf der Versicherer Interessenten grundsätzlich nicht ablehnen. Der Leistungsumfang ist jedoch häufig relativ niedrig. Die geförderte Police allein reicht meist nicht aus, um die Pflegelücke abzudecken.

ONETZ: Gibt es ein ideales Alter für den Vertragsschluss?

Bastian Landorff: Nein. Man sollte jedoch bedenken, dass mit zunehmendem Alter die Einstiegsbeiträge immer höher werden. Wer etwa kurz vor der Rente eine Police mit guten Leistungen bekommen möchte, für den ist der Beitrag oft kaum erschwinglich. Außerdem steigt im höheren Alter die Gefahr, wegen Gesundheitsbelastungen abgelehnt zu werden. Deshalb der gute Rat: Lieber früher als später zumindest beraten lassen und die individuell geeignete Vorsorge finden und festzurren. Damit kann man sich viel Kummer ersparen. (mvs)

Angebot:

Beratung in der Verbraucherzentrale Bayern

Der 41-Jährige Bastian Landorff ist bei der Verbraucherzentrale Bayern spezialisiert auf Krankenversicherungen. „Sie können bei mir online und telefonisch zirka einstündige Beratungstermine buchen, Kostenpunkt 30, für manche Beratungen 60 Euro, in denen ich Sie persönlich berate, beispielsweise bei einem Wechsel von der privaten zur gesetzlichen Krankenversicherung oder umgekehrt, auch ob der gesetzliche Krankenkassenbeitrag korrekt berechnet wurde und ob eine Pflegezusatzversicherung für Sie Sinn macht.“

Warum sollte man für die Beratung Geld ausgeben, wenn es auch kostenlose Beratungsmöglichkeiten gibt? „Die Beratung bei uns ist neutral, dahinter steht kein Anbieter. Wir beraten nur, verkaufen nicht.“ Terminvereinbarung unter Telefon 089/552794131 oder online auf www.verbraucherzentrale-bayern.de.

Nach der Beratung am Albrecht-Dürer-Platz 6 empfiehlt Landorff sich einen Spaziergang durch Nürnbergs Altstadt mit Burg zu gönnen. (mvs)

Pflegezusatzversicherung:

Das Wichtigste in Kürze

Die Pflegeversicherung gibt es seit 1995 als eigenständigen Zweig der Sozialversicherung. Sie soll das finanzielle Risiko der Pflegebedürftigkeit abfedern.

Anders als die Krankenversicherung ist die Pflegeversicherung nicht auf volle Kostendeckung angelegt. Sie leistet – ob gesetzlich oder privat – nur Zuschüsse zu den tatsächlich anfallenden Pflegekosten. Die Versicherten tragen daher einen nicht unerheblichen Teil des Pflegerisikos weiterhin selbst.

Absicherung hiergegen ist im Rahmen privater Pflegezusatzversicherungen möglich. Diese orientiert sich nicht am Einkommen, sondern am individuellen Risiko beim Eintritt in die Versicherung, wobei das Alter und der gesundheitliche Zustand eine große Rolle spielen. Je älter man bei Versicherungsbeginn ist, umso höher fallen die Beiträge dementsprechend aus – und deshalb lohnt es sich, sich schon jung zu überlegen, ob eine Pflegezusatzversicherung Sinn machen könnte. (mvs)

Bahnt einen Pfad durch den Versicherungs-Dschungel: Bastian Landorff von der Verbraucherzentrale Bayern.
Sich über eine Vorsorge Gedanken zu machen, ist für die ganze Familie wichtig: Denn wenn der Pflegebedürftige die Pflegekosten nicht schultern kann, springt zwar unter bestimmten Voraussetzungen das Sozialamt ein, kann sich die Gelder aber von Nachkommen zurückholen.
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