Pfreimd
28.09.2018 - 10:34 Uhr

Eine Aufgabe, die alle angeht

Integration darf und kann sich nicht nur auf Kriegsflüchtlinge beschränken. Der weitaus größere Teil betrifft europäische Mitbürger, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind und auch Hilfe brauchen.

Mitarbeiter verschiedener Behörden erlernen die „Einfache und leichte Sprache". Referent Sebastian Müller (rechts), der selbst unter einem Handicap leidet, hat eine Methode der einfachen Verständigung ohne gemeinsame Sprache entwickelt. Bild: bnr
Mitarbeiter verschiedener Behörden erlernen die „Einfache und leichte Sprache". Referent Sebastian Müller (rechts), der selbst unter einem Handicap leidet, hat eine Methode der einfachen Verständigung ohne gemeinsame Sprache entwickelt.

Für Bürgermeister Richard Tischler ist es ein Unding, dass sich die politische Debatte über Integration fast ausschließlich auf die Kriegsflüchtlinge aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan beschränkt. Beim Tagesgeschäft in den Amtszimmern des Rathauses werden viel öfters europäische Mitbürger vorstellig, die kein oder nur wenig deutsch sprechen und meist um Hilfe beim Ausfüllen von Formularen oder Anträgen nachsuchen. Bei den Mitarbeitern beginnt dann die Zeichensprache, die nur selten Erfolg bringt. Selbst für Deutsche sind diese Formulare oft ein Buch mit sieben Siegeln.

Aus 46 Nationen

Nach einer Erhebung aus dem Jahr 2017 leben in Pfreimd 415 ausländische Personen aus 46 Nationen. Den größten Anteil haben Polen und Rumänen. Nur ein Drittel sind Kriegsflüchtlinge. Sie alle sind auf Unterstützung angewiesen. Bürgermeister Richard Tischler sah hier dringenden Handlungsbedarf. Hilfe fand er bei Manuela Dorsch, der Bildungskoordinatorin für Neu-Zugewanderte am Landratsamt Schwandorf. Diese Stelle bietet eine Veranstaltungsreihe an, die Grundlagen der interkulturellen Kommunikation und der einfachen und leichten Sprache vermittelt. Angesprochen sollen damit Mitarbeiter in der öffentlichen Verwaltung und auf jenen Ämtern werden, die täglich mit ausländischen Mitbürgern zu tun haben. Man muss kein Expertenwissen in den großen Weltsprachen oder tiefgreifendes Wissen über andere Kulturräume besitzen, um offen und inklusiv agieren zu können. Durch einfache, praxisorientierte Tipps und eine Reflexion der eigenen kulturellen Verortung und Sprachhandlung kann viel erreicht werden, um das alltägliche Miteinander zu erleichtern. Das Konzept beruht auf der UN-Konvention für Rechte von Menschen mit Behinderung. Genau wie Menschen mit einem Handicap - Sprach- oder Gehörstörungen - auf Hilfe von anderen angewiesen sind und vieles mühsam erlernen müssen, genauso kann die Verständigung mit Ausländern erlernt werden. Die Methoden sind die gleichen. Rund zehn Prozent der Bevölkerung in Deutschland kann sich nur auf diese Weise verständigen. Die Vortragsreihe begann mit Heike Abt von Institut für Kooperationsmanagement über die Grundlagen der interkulturellen Kommunikation. Zehn Personen haben sich daran beteiligt, die ihre Alltagserfahrungen mit einfließen ließen. An der zweiten Veranstaltung beteiligten sich bereits 16 Personen.

Trotzdem verständigen

Sebastian Müller von "Sag's einfach - Büro für Leichte Sprache" in Regensburg sprach über die Konzepte der einfachen und leichten Sprache. Durch Anwendung einiger Regeln kann trotz geringer Sprachkenntnisse ein Gespräch auf Deutsch gelingen. Dazu werden Online-Hilfsmittel zur Verfügung gestellt, die den Alltag erleichtern. Geringe Sprachkenntnisse der Zugewanderten führen nicht unbedingt dazu, dass behördliche Formulare ohne Probleme verstanden werden. Nur durch Sensibilität bei den Formulierungen können Hürden abgebaut werden. Die Veranstaltungsreihe, die in Kooperation mit dem Programm "Willkommen bei Freunden" der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung angeboten wurde, sollte eine bestmögliche Unterstützung der Mitarbeiter der kommunalen Verwaltung und Beratungseinrichtungen vermitteln und den Zugewanderten eine langfristige Perspektive geben.

 
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