09.05.2021 - 15:04 Uhr
PfreimdOberpfalz

Drama im Pfreimder Storchenhorst

Arnold Kimmerl kann mit Schere und Cuttermesser gerade noch verhindern, dass sich auf dem Turm der Klosterkirche ein Storchendrama abspielt: Eine Plastikschlinge zieht sich um den Hals des jüngsten Kükens.

Mit der Schere durchtrennte Arnold Kimmerl die Schlinge am Hälschen. Dann wurde der Jungstorch mit dem Ast zu den Geschwistern geschoben.
von Claudia Völkl Kontakt Profil

Dank besorgter Bürger und der Drehleiter der Feuerwehr ist es dem Pfreimder Storchenbetreuer Arnold Kimmerl am Freitagabend in einer beherzten Aktion gelungen, einem der vier Jungstörche das Leben zu retten.

Es war gegen 18.30 Uhr, als zwei Anrufe bei Kimmerl eingingen. Die Stadt hat auf dem Turm der Klosterkirche eine Webcam installiert, mit der jeder das Familienleben der Vögel live erleben kann.

Schlinge zieht sich enger

Doch bei ihnen war am Freitag alles andere als eitel Sonnenschein. Plastikschnüre hatten sich um das dünne Hälschen eines in der vergangenen Woche geschlüpften Kükens gezogen. Die irritierte Mutter versuchte, das Plastikteil aus dem Horst zu stoßen. Dabei zog sich die Schlinge immer enger. Das gehandicapte Junge war drauf und dran, mit den Plastikteilchen in hohem Bogen aus dem Nest zu fliegen.

Die Frau, die das sich anbahnende Unheil über die städtische Homepage beobachtet hatte, reagierte schnell und griff zum Telefon. Parallel ging ein zweiter Anruf bei Arnold Kimmerl ein. Der Storchenbetreuer zögerte nicht und setzte sich mit der Pfreimder Feuerwehr in Verbindung. Schnell waren stellvertretender Kommandant Hannes Menzl und Maschinist Thomas Graf zur Stelle.

Die 28 Meter lange Drehleiter wurde ausgefahren, Hannes Menzl und Arnold Kimmerl stiegen in den Korb. Menzl dirigierte mit dem Joystick. Der Korb schwebte behutsam übers Dach. Die Retter hielten fünf Meter Abstand, tasteten sich langsam ans Nest heran. "Wir wollten den Adebar nicht verschrecken. Störche sind Fluchttiere. Da muss man behutsam vorgehen", erklärt Arnold Kimmerl.

Als Kimmerl und Menzl das Nest erreicht hatten, war die Situation schnell klar: Der Horst, erst vor zwei Jahren gesäubert, präsentierte sich zwar schön mit Zweigen und Nistmaterial ausgekleidet, um die Jungen zu wärmen. Doch dazwischen war jede Menge Plastik. "Ein halber Beutel voll", schätzt Kimmerl. Es waren blaue und rote Plastikschnüre von Big-Packs aus der Landwirtschaft, Bänder von gepressten Stroh- und Heuballen im Nest. Wohl auf Futtersuche von den Störchen mit eingesammelt.

Fast mit Plastik stranguliert

Es hatte den kleinsten, etwa faustgroßen Jungstorch erwischt. Er war schon fast stranguliert. Kimmerl, zum Glück schwindelfrei, konzentrierte sich auf den kleinen malträtierten Storch, der schon das Köpfchen hängen ließ. "Der hat sich zum Schutz tot gestellt, das ist normal", erläutert Arnold Kimmerl. Schnell war mit der Schere der Schnitt gesetzt. "Ich hab mich bemüht, den Kleinen so wenig, wie möglich zu berühren". Dann wurde der Jungstorch mit einem Ast behutsam zu den drei Geschwistern geschoben. Als die über dem Nest kreisende Storchenmutter landete, "hat der Kleine gleich wieder den Kragen gereckt", lacht Kimmerl.

Der Storchenbetreuer sammelte noch das restliche Plastik ein, dann ging es flugs mit der Drehleiter auf festen Boden. Die Aktion dauerte nur zehn Minuten. "So was muss schnell gehen", weiß Kimmerl. Das Storchenpaar darf sich weiterhin an seiner vollzähligen Kinderschar freuen. Diesmal ging das Ganze gut aus. Kimmerl erinnert sich, dass er vor 30 Jahren nur "mit Grundsicherung" aus einer Luke im Dach zum Horst kletterte. "Da hing ein junger Storch, der sich mit einem Band erhängt hatte, am Nest".

Der Pfreimder Altbürgermeister weiß, wie er mit "seinen" Störchen umgehen muss. Seit 54 Jahren betreut er die Pfreimder Störche. Begonnen hat er damit 1967. Er führt genau Buch über die Population und zählt 23 Bruten mit 59 ausgeflogen Jungstörchen (ohne die vier heuer). Seit 2010 ist immer der gleiche, beringte "Mannheimer Storch" mit seiner Lebenspartnerin auf Sommerfrische in Pfreimd. Es stellt sich Nachwuchs ein. Mal ein, mal zwei oder drei, aber auch vier Jungstörche, wie in diesem Jahr. "Das ist vom Wetter und vom Nahrungsangebot abhängig", so Kimmerl.

Webcam sorgt für Storchenkino

Ein Hit ist die Webcam der Stadt, die heuer erneuert wurde und dem Storch das Leben rettete. Jetzt gibt es nicht nur ein Standbild, sondern das pralle Storchenleben live a la "Dahoam ist dahoam". Der Blick zum Marktplatz und gen Nabburg bietet zudem eine reizvolle Kulisse. "Momentan ist das der meist geklickte Link der städtischen Homepage", freut sich Arnold Kimmerl. Übertragen wird das Storchenleben übrigens auch in die Kindergärten und die Sozialpädagogische Tagesstätte. "Wenn der Wind geht, sieht man jede Feder wackeln", lacht der Storchenbetreuer. Im Kindergarten muss nach dem Morgenprogramm abgeschaltet werden, "sonst machen die Kinder nichts anderes mehr als Storchen schauen".

Übrigens ließen die Retter auch bei den gefiederten Freunden im Horst Rücksichtnahme im Netz walten. "Wir wussten ja nicht, wie das Ganze ausgeht". Deshalb wurde während der Rettungsaktion die Webcam abgeschaltet. Persönlichkeitsschutz bei Adebars.

Störche fühlen sich im Landkreis Schwandorf wohl

Schwarzenfeld

"Als die Mutter landete, hat der Kleine gleich wieder den Kragen gereckt."

Arnold Kimmerl

Arnold Kimmerl

Nicht nur bei der Installation der Webcam, sondern auch bei der Rettung des kleinen Jungstorchs leistete die Drehleiter gute Dienste.
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