23.12.2019 - 19:04 Uhr
PfreimdOberpfalz

Der Kampf zurück ins Leben

Tagelang schwebt er nach einem Unfall zwischen Leben und Tod. Uwe Bergold erwacht aus dem Koma, sein linkes Bein ist amputiert. Jetzt kämpft sich der Dojo-Leiter des "Okinawa Karate Pfreimd" ins Leben zurück.

Ein Karate-Benefiz-Lehrgang als Mutmacher: Rund 90 Teilnehmer sind gekommen – eine Geste, die Uwe Bergold und seine Frau Ingrid (Mitte) sehr bewegt.
von Claudia Völkl Kontakt Profil

Er kann wieder lächeln, sich freuen, als fast 90 Karatekas zum Benefiz-Lehrgang anreisen, ihn in der Landgraf-Ulrich-Halle umarmen. Uwe Bergolds Leben hing am seidenen Faden: Am 17. Oktober dieses Jahres ist die Welt noch in Ordnung. Der 53-jährige Fondsmanager und Lehrbeauftragte für Wirtschaftspsychologie an der OTH Weiden-Amberg trainiert seit 35 Jahren Karate. Der gebürtige Wernberger hat vor rund einem Jahr an seinem Wohnort Pfreimd den Okinawa e. V. gegründet. Ehefrau Ingrid und Sohn Leonhard teilen sein Hobby. Eine glückliche Familie.

Am Morgen setzt er sich in seinen Amarok, fährt auf der A 3 Richtung Stuttgart zu einer Mitarbeiterschulung. Er bleibt auf der rechten Spur, ist den späteren Auswertungen nach mit 60 bis 80 km/h unterwegs. Es gibt keine Staumeldung. Plötzlich steht der Lkw vor ihm. Bergold prallt ungebremst auf das Hindernis. Von da an hat er keinerlei Erinnerung an das Geschehen. Die Folgen sind verheerend. Was bleibt, sind Wrackteile. Es ist Bergolds großes Glück, dass der Rettungshubschrauber schnell vor Ort ist. Der lebensgefährlich Verletzte wird in eine Spezialklinik geflogen, liegt zehn Tage im künstlichen Koma. Zehn Liter Blut, 20 Konserven laufen durch seinen Körper. Neben der Beinverletzung werden über zehn Brüche behandelt, die zerschmetterte linke Gesichtshälfte, der gerissene Lungensack operiert.

Noch in der Uni-Klinik beginnt Uwe Bergold Kondition aufzubauen.

Am Nachmittag klingelt es zu Hause in Pfreimd: Zwei Polizisten und eine Seelsorgerin stehen vor der Tür. "Sie haben gesagt, dass Uwe sehr schwer verletzt ist und es nicht gut aussieht", erinnert sich Ingrid Bergold an jedes Wort. Eine gute Freundin fährt sie nach Stuttgart. Tage zwischen Hoffen und Bangen.

Als Uwe Bergold aus dem Koma erwacht, realisiert er schnell seine Situation. "Ich hatte keinen Schock, sah dass ich ein Bein verloren habe und wusste, entweder gebe ich jetzt auf oder ich fange an zu kämpfen". Fast auf den Tag genau vor 28 Jahren hatte Uwe Bergold einen schweren Motorradunfall. "Die Ärzte sagten, ich muss mich von Karate verabschieden". Sie irrten. Uwe Bergold ist Träger des dritten Schwarzgurts. Die Willenskraft von damals, sie ist geblieben. Nach drei Wochen wird der 53-Jährige in die Uni-Klinik Regensburg verlegt, später in eine Spezialklinik nach Osterhofen. Ab dem ersten Tag lässt er alle Schmerztabletten weg. "Ich wollte klar sein". Er beginnt am Sandsack Kondition aufzubauen. Bergold trägt eine Interimsprothese, bis in einigen Monaten die maßgeschneiderte Endprothese angepasst wird.

Uwe Bergold.

Woher kommt diese Willenstärke? "Ich habe mein Leben lang Sport gemacht, Sport fordert", erzählt Bergold. Er und sein Freund Fred Birner, zweiter Vorsitzender des Vereins, erlernen seit drei Jahren bei Großmeister Jamal Mesara traditionelles Karate, die alte Kampfeskunst, die früher Grundlage für das Überleben war. Wie jetzt.

Als beim Lehrgang in Pfreimd die Karate-Freunde auf ihn zukommen, greift Uwe Bergold zu seinen Krücken, geht den Freunden vorsichtig entgegen. Alle sind gekommen: Jamal Mesara, Wolfgang Weigert, der Präsident des deutschen Karateverbandes, Helmut Körber, Prüfungsreferent des bayerischen Karateverbandes, Stilsichtungsreferent Werner Bachhuber - und die 14-jährige Luisa Schlegl aus Neudorf bei Luhe. Sie hat 1000 Papierkraniche für Uwe gebastelt - in Anlehnung an die Geschichte eines japanischen Mädchens, das 1000 Origami-Kraniche faltete, um gesund zu werden.

Luisa hat 1000 Origami-Kraniche für Uwe Bergold gefaltet.

Angesichts von so viel Mitgefühl kommen Emotionen hoch. Sich im Sport fordern, Willensstärke zeigen, das ist für Uwe Bergold eine Lebenseinstellung, die in Krisensituationen hilft. Auch die gute Konstitution, der erlernte Umgang mit Schmerzen gehört dazu. "Und das möchte ich allen sagen, die in ähnliche Situationen geraten", begründet er den Schritt, an die Öffentlichkeit zu gehen. Keine Frage, er wird weiter Karate machen. Er ist Optimist: "Ich kann mich frei bewegen, Auto fahren, meinen Beruf ausüben. Wer hinfällt, kann wieder aufstehen" - auch mit einem Bein.

Wie eine große Familie: Uwe Bergold, Ehefrau Ingrid und Sohn Leonhard inmitten der Karate-Freunde.
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