06.06.2020 - 18:10 Uhr
PfreimdOberpfalz

Klartext bei "Silent Demo" in Pfreimd

Ein beredetes Schweigen legt sich über den Pfreimder Marktplatz. 50 Menschen stehen dort einfach nur still und zeigen, dass Rassismus nirgendwo willkommen ist.

Schweigend protestierten am Samstag eine Stunde lang rund 50 Demonstranten auf dem Pfreimder Marktplatz gegen Rassismus.
von Monika Bugl Kontakt Profil

Die globale Empörung über den Tod von George Floyd schlägt Wellen bis nach Pfreimd. Die Form des Protests ist ungewöhnlich - und doch ziemlich eindrucksvoll. Um kurz nach 14 Uhr stehen auf dem Marktplatz rund 50 Personen. Mit viel Abstand und Mund-und-Nasenschutz haben sie Position bezogen gegen Rassismus. Eine Protestaktion, wie sie sonst eher in Großstädten beheimatet ist, hat den Weg aufs Land gefunden – auch eine Nebenwirkung von Corona.

Viele halten einen simplen Pappkarton in der Hand. "Black lives matter" steht auf den meisten Schildern, und fast alle tragen an diesem Tag Schwarz. Schweigend beschwören sie die Menschenrechte. "Die Würde des Menschen ist unantastbar", ist da zu lesen. Nicht wenige haben für ihren Protest die englische Sprache gewählt, schließlich ist es der Fall des 46-Jährigen Afroamerikaners, der in den USA durch Polizeigewalt ums Leben kam und so den Blick auf einen Missstand lenkte. "I can't breathe" haben manche Demo-Teilnehmer auf ihr Stück Karton geschrieben. Sie erinnern damit gleichzeitig an die Art und Weise wie George Floyd ums Leben gekommen ist und machen deutlich, dass ihnen bei diesem Fall schlicht die Luft wegbleibt.

Interview mit Eva Brunner:

Pfreimd

Die Kirchenglocken der Pfreimder Stadtpfarrkirche geben den Viertelstunden-Takt vor für diese "Silent Demo" (Stille Demo), in der kein Platz ist für einen freundlichen Plausch mit dem Nebenmann, das Skandieren von Parolen oder Drohgebärden. Standfest wie eine kleine Armee und fast regungslos hält die gar nicht so kleine Gruppe die Stellung auf dem Kopfsteinpflaster. Manche, die ein wenig später kommen, schreiben sich erst noch mit dickem Filzstift ihr Anliegen von der Seele, während bunt gekleidete Fußgänger oder Radfahrer irritiert auf dieses nicht alltägliche Gruppenbild starren. "Zuhören, informieren, lernen, reflektieren": Auch das ist eine Botschaft, die hier schweigend präsentiert wird. "Ich habe einen Traum" ist auf einem schlichten weißen Blatt Papier zu lesen. Da träumt einer den Traum des Bürgerrechtlers Martin Luther King, einen Traum von der Gleichstellung von Schwarz und Weiß, der inzwischen über 50 Jahre alt ist.

Eine Polizeistreife fährt vorbei und hat offensichtlich nichts auszusetzen an der Formation, die sich auch nach 45 Minuten nicht wesentlich verändert hat. Sehr diszipliniert harren die Teilnehmer bis zum Ende der einstündigen Demo aus. Überwiegend junge Menschen, aber auch nicht wenig ältere haben in 60 Minuten gezeigt, wie Protest auch aussehen kann: leise, friedfertig und doch hartnäckig.

Ganz vorne verlässt eine 19-Jährige mit ihrer Mutter den Platz an der Straße. "White silence is violence" hat die junge Frau aus Pfreimd auf ihren Karton geschrieben und übersetzt das mit "Nichtstun ist auch Gewalt". Ihre Mutter zitiert Bertolt Brecht: "Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht." "Ich will nicht, dass meine Tochter zur schweigenden Mehrheit gehört", freut sich die 56-Jährige über den Generationen übergreifenden Protest, für den die Kirchenglocken schließlich das Signal zur Auflösung geben. Der Applaus, der jetzt ertönt, gilt der 20-jährigen Organisatorin aus Pfreimd, die den Rassismus-Gegnern hier eine lautlose Stimme verschafft hat: Eva Brunner.

Demo auf Abstand: Bei der Protestaktion zeigen sich die Teilnehmer sehr diszipliniert und verteilten sich großzügig über den gesamten Marktplatz.
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