06.11.2019 - 17:20 Uhr
PfreimdOberpfalz

Soweit die Knie es schaffen

Die Schädeldecke taucht als erstes auf. Spätestens jetzt ist Feinarbeit angesagt. Mit Schatzgräbern haben Archäologen aber wenig gemein. In Iffelsdorf bei Pfreimd zeigen sie live, wie heute geforscht wird.

von Monika Bugl Kontakt Profil

"Hier passiert alles händisch", sagt Dr. Hans Losert, Privatdozent der Uni Bamberg und Grabungsleiter. Bis zum letzten Tag der Ausgrabungen auf dem Feld bei Iffelsdorf (Stadt Pfreimd) hat er noch mit Überraschungen gerechnet. Noch ein letztes Skelett ist aufgetaucht aus dem sandigen Boden, keine Sensation, aber immerhin ganz gut erhalten. Das Grabungsteam hat keinen Blick übrig für Besucher, denn in wenigen Stunden werden Sand und Humus wieder verschlingen, was über ein Jahrtausend unberührt in der Erde lag.

Am frühen Morgen liegt noch Nebel über dem abgeernteten Feld. "Glücklicherweise war es heuer nicht so trocken wie im letzten Jahr", stellt Losert fest, der dabei weniger die Feldfrüchte, vielmehr die Bodenbeschaffenheit im Auge hat. "Je feuchter der Sand, desto besser der Befund", erklärt er und deutet auf den Rand der Grube, wo sich in Nuancen von Braun, Grau und Ocker die Schichtung abzeichnet.

50 Zentimeter hat das 16-köpfige Grabungsteam beim Start der diesjährigen Aktion auf einer Fläche von 160 Quadratmetern mit Schaufel und Spaten abgetragen. "Dann sind wir auf die erste Steinabdeckung gestoßen, ab da ging's Zentimeter für Zentimeter weiter", schildert Losert den Ablauf.

Bröselnde Knochen

Manchmal ist nichts anderes aus der Vertiefung zu hören als das sanfte Schaben einer Kelle über Sand. Die Knochen, die hier auftauchen, sind porös. Das liegt auch am Dünger auf der landwirtschaftlichen Fläche, der fast ungefiltert durch den Sandboden auf die Zeugen der Vergangenheit gesickert ist und der Zersetzung Vorschub geleistet hat. "Oft ist nicht viel mehr als die Röhrenknochen und der Schädel erhalten, manchmal nur Brösel", berichtet Losert. Die jungen Wissenschaftler sollten deshalb schon ein wenig von Anatomie verstehen, bevor sie die menschlichen Überreste eintüten.

Die Knochen werden später im Labor analysiert, doch allzu neue Aufschlüsse erhofft sich der Grabungsleiter davon nicht. Längst scheint gesichert, dass es sich hier um Spuren der Slawen handelt, die um das Jahr 900 hier siedelten. Insgesamt 87 Gräber sind hier seit Beginn der Grabungen aufgetaucht, und es dürften noch mehr werden.

"Eine faszinierende Geschichte", sagt Kurt Engelhardt, Kreisheimatpfleger für Archäologie, der seit 2011 ehrenamtlich bei den Ausgrabungen mit anpackt. "Das ist wie ein Virus", stellt er fest, keineswegs entmutigt vom zentimeterweisen Vorgehen. Im Gegenteil. Er ist froh, dass hier Studenten arbeiten, die weniger unter Zeitdruck stehen als eine Grabungsfirma. Das garantiert, dass nichts vom Wissensschatz verloren geht. "Es muss nicht immer ein Goldschatz sein", ist sich der freiwillige Helfer sicher und vergleicht mit Erfolgen bei der Schwammerlsuche: "Aber irgendetwas sollte es schon sein."

Große Kenntnisse braucht der Laie beim Freilegen der Relikte aber nicht. "Das Graben ist auch für Unbedarfte keine große intellektuelle Herausforderung", meint der ehrenamtliche Helfer. Mit einer gewissen "Grundspannung" sieht er den Entdeckungen von morgen entgegen. "Die Faszination lässt nie nach, die körperliche Eignung allerdings schon", räumt Engelhardt ein. Nicht jedes Knie ist auf Dauer für die kauernde Position auf der Erde gerüstet, wo die Archäologen Wind und Wetter ausgesetzt sind. "Das Ekelhafteste ist dieser kalte böhmische Wind", seufzt Grabungsleiter Losert. "Letzte Woche hatten wir alle Stadien der Erkältung, vom Halsweh bis zum Husten, der noch über Wochen bleibt", schildert er die Widrigkeiten der "Schatzgräber".

Doch die Beschwerden sind schnell vergessen, wenn wieder einmal ein Skelett aus der Tiefe auftaucht, wenn sich zwischen den Sandkörner Silber- oder Bronzedraht abzeichnet und Perlen hervorstechen. Ohrringe oder Perlenketten waren das nicht, verraten die Experten. Sie gehen davon aus, dass die Kreolen ähnlichen Draht-Gebilde ins Haar eingeflochten waren oder auf Textilien aufgenäht, manchmal vielleicht auch als Stirnband getragen wurden.

Funde auf Reisen

Etwa sechs bis acht solcher Perlen haben die Archäologen pro Individuum gefunden, die gesamte Zahl ist noch nicht festgehalten. Überhaupt wartet auch nach dem diesjährigen Ende der Grabung noch viel Arbeit auf die Wissenschaftler, die bisher alles nur provisorisch eingetütet haben. Die unproblematischen Funde aus Glas und Keramik reisen mit den Findern nach Bamberg. Metallenes wie die entdeckten kleinen Messer wandern nach Wien, wo das entsprechende Know-how zur Konservierung da ist. Und irgendwann kommt so manches Stück auch wieder zurück nach Pfreimd, wo derzeit ein Museum im Aufbau. In einem Jahr könnten dort schon die Funde in Vitrinen zu bewundern sein. Und im September, wenn das Feld bei Iffelsdorf abgeerntet ist, kehren auch die "Schatzsucher" wieder zurück. Ihr Werkzeug wartet im Pfreimder Bauhof auf den nächsten Einsatz.

Oft ist nicht viel mehr als die Röhrenknochen und der Schädel erhalten, manchmal nur Brösel.

Grabungsleiter Dr. Hans Losert

Grabungsleiter Dr. Hans Losert

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