17.04.2019 - 14:36 Uhr
PfreimdOberpfalz

Krawall im Dienst der Kirche

Auf den Weckruf der Kirchenglocken können sich die Ministranten am Karfreitag nicht verlassen. Um 5 Uhr morgens geben sie selbst den Ton an. Einen ganz schön schrägen Ton, der schon mal die Polizei hellhörig werden lässt.

Den Pfreimder Ministranten macht es Spaß, am Karfreitag und Karsamstag die Ratschen zu schwingen. Dafür nehmen sie gern das frühe Aufstehen in Kauf.
von Monika Bugl Kontakt Profil

Dieser Teil ihres Dienstes macht den Pfreimder Ministranten richtig Spaß: Rund 100 von ihnen schwingen am Karfreitag in den frühen Morgenstunden am Marktplatz eine Ratsche. Anschließend schwärmen die Altardiener mit ihren Lärm-Instrumenten aus ins ganze Stadtgebiet und machen klar: Wenn die Gläubigen der Kreuzigung Jesu gedenken, schweigen die Kirchenglocken.

Für Ausschlafen ist da kein Platz, kaum einer will diesen Höhepunkt im Aufgabenfeld eines Altardieners verpassen. "Zweimal im Jahr geht das schon, dass man so früh aufsteht", sagt Markus Greber. Denn auch am Karsamstag wird im Abstand von mehreren Stunden bis kurz vor der Osternacht geratscht. Der Zwölfjährige ist heuer zum dritten Mal dabei. "Am Ende gibt es ja auch ein Belohnung", erklärt er mit Blick aufs Ministranten-Honorar und findet die Wetterbedingungen bei der Sternsinger-Aktion wesentlich härter. "Kalt ist es morgens schon", gesteht Julia Lindner. "Aber dann schauen wir uns beim Ratschen gegenseitig an, und das macht einfach Spaß". Nach den ersten Einsatz könne man sich ja noch mal ins Bett legen bis zum Mittags-Ratschen, meint die 15-Jährige, und das mit der Lautstärke sei ja gar nicht so schlimm.

Dass das nicht alle so sehen, hat Andre Pflaum schon mal erfahren, der heuer zu den Koordinatoren der rund 100-köpfigen Ministranten-Schar gehört. "Hier in Pfreimd hat mal ein Italiener gewohnt, der hat wegen dem Krach die Polizei gerufen", erzählt er. "Die Polizisten haben ihm dann bestätigt, dass das eben ein Brauch ist."

"In Pfreimd hat das Ratschen eine ganz große Tradition", bestätigt Peter Stubenvoll. Der 57-Jährige war in seiner Jugend selbst mit einer Ratsche unterwegs und erinnert sich noch gut an die Animositäten zwischen den Ministranten, die damals fürs Kloster aktiv waren, und denen, die zur Stadtpfarrkirche gehörten. Da habe wohl so manches Instrument auch mal bei handfesten Auseinandersetzungen etwas gelitten, mutmaßt der Schreiner, der in seiner Werkstatt nicht nur beschädigte Instrumente repariert, sondern auch neue gebaut hat. Schon vor Jahren hat er ein ganzes Set von 30 Ratschen an die Pfarrei geliefert.

"Das Herzstück jeder Ratsche ist die Welle", erklärt er und deutet auf den Stiel mit dem dicken Ende. "Der wird als Rohling gedrechselt, dann werden die Nuten eingefräst." Als "Federn" fungieren dünne Holzplatten. "Die sollten aus Hartholz sein, am besten aus Esche", weiß der Fachmann. Für den Rahmen dagegen eigne sich leichteres Holz, das auch den Schall besser transportiert.

"Ist das Gehäuse recht kräftig, dann klingt die Ratsche dumpfer", berichtet Stubenvoll. Für die Lautstärke dagegen sei die Zahl der Federn entscheidend. Eine 3er-Ratsche, also eine mit drei Federplatten, sei aber schon "das Äußerste", auch wegen der Stabilität. "Durch den Schwung kommt da ganz schön Kraft drauf", berichtet er. Und Kraft brauchen auch diejenigen, die solche große Ratschen ins Schwingen bringen. "Das kann schon Blasen an den den Händen geben oder Muskelkater", weiß der frühere Ministrant. Zwei bis drei Stunden braucht der Fachmann für den Bau des Lärminstruments, "ein Hobby-Schreiner spielt da natürlich länger rum".

Wenn Peter Stubenvoll nun die Ratschen seiner Kinder in der Hand hält, erinnert er sich gern an seine Zeit als Altardiener. "Aufs Ratschen, darauf hat man hingefiebert, das war Adrenalin und Anspannung", erzählt er mit leuchtenden Augen von der Mission zu nachtschlafender Zeit – allein auf der Straße und mit dem Ministranten-Honorar in Reichweite. Daran hat sich nicht viel geändert. "Nach dem Einsatz freut man sich schon aufs Ratschen im nächsten Jahr", sagt der 15-jährige Andre. "Und auf Bett", ergänzt seine Ministranten-Kollegin.

Peter Stubenvoll war in seiner Jugend selbst Ministrant und hat als Schreiner vor einigen Jahren die Pfarrei mit einem ganzen Set an Ratschen versorgt. Immerhin sind heuer über 100 Mädchen und Buben mit so einem Instrument unterwegs.
Info :

Schrapp-Instrument mit Tradition

Eine Ratsche ist ein hölzernes Lärm- und Effekt-Instrument, die zu den Schrapp-Instrumenten gehört und auch unter dem Namen Rätsche, Schnarre, Schnurre, Rappel, Räppel oder Knarre bekannt ist. Das Rattern entsteht durch hölzerne Zungen, die so aufgespannt sind, dass sie um eine Art Zahnrad rotieren. Bekannt ist das Gerät in Mitteleuropa seit dem 18. Jahrhundert. Es wird auch bei Demos, Sportveranstaltungen im Weinbau und im Fasching eingesetzt. Weil früher auch Bettelmusikanten mit einer Ratsche oder Schnarre unterwegs waren, hat sich daraus die Bezeichnung "Schnorrer" entwickelt.

Andre Pflaum gehört heuer zu den Koordinatoren und präsentiert seine Ratsche, auf der schon einige Altardiener in den vergangenen Jahren ihre Signatur hinterlassen haben.
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