16.06.2020 - 09:01 Uhr
PfreimdOberpfalz

Nabburger Kreisheimatpfleger warnt: Bodendenkmäler sind schnell zerstört

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Unerschöpflich: So qualifiziert Kreisheimatpfleger Kurt Engelhardt das gewaltige Archiv im Boden. Doch auch unter einer dicken Schicht Erde sind Urkunden aus dem Mittelalter nicht immer sicher.

Der Bayerische Denkmal-Atlas bietet auch ein Verzeichnis sämtlicher Bodendenkmäler. Allein in der Umgebung von Pfreimd gibt es 38 solcher schutzwürdiger Stellen, darunter auch der mittelalterliche Burgstall in Pfreimd.
von Monika Bugl Kontakt Profil

Allein 38 Bodendenkmäler hat das Landesamt für Denkmalschutz für den Raum Pfreimd aufgelistet. Eines davon sah Kurt Engelhardt, Kreisheimatpfleger für Archäologie vor wenigen Monaten schon am Rand der Zerstörung: In einem Waldgebiet im Pfreimder Ortsteil Stein wurde Holz gefällt, schwere Maschinen waren im Einsatz.

"Der Besitzer des Geländes wusste gar nichts von dem Schatz, den er damit gefährdet hat", berichtet der passionierte Hobby-Archäologe, der gleich herbei geeilt war, um einen möglichen Schaden zu begutachten. In diesem Fall war er erleichtert: Der mittelalterliche Burgstall erwies sich als weitgehend intakt. Burgstall: So nennt man keineswegs ein Bauwerk, in dem Tiere untergebracht sind. Der Ausdruck bezeichnet vielmehr eine Stelle, an der einst eine Burg stand. Davon ist dann noch weniger erhalten, als bei einer Ruine.

Aus dem 11. oder 12. Jahrhundert

"Wer diese Stelle hier entdeckt hat, ist unbekannt, im Urkataster findet man dazu gar nichts", hat Engelhardt festgestellt. Unter dichtem Laub zeichnen sich an besagter Stelle mit Ausblick übers Pfreimdtal Wall und Graben ab. Der Kreisheimatpfleger vermutet, dass dieser Wall mit Steinen befestigt war und einen Aufbau aus Holzpalisaden hatte. Auf die Zeit 11./12. Jahrhundert schätzt er die Reste. "Feuerwaffen gab es damals noch nicht, aber die Armbrust hatte auch eine hohe Durchschlagskraft", überlegt der Fachmann.

Sondengänger lieben solche Areale und verwüsten sie.

Kurt Engelhardt, Kreisheimatpfleger für Archäologie

Kurt Engelhardt, Kreisheimatpfleger für Archäologie

Für den Sitz eines Adeligen hält der das etwa 17 mal 30 Meter große Areal fast ein wenig zu klein. "Mehr gibt dieser Berg auch gar nicht her", kalkuliert er. Vielleicht war es einfach ein repräsentatives Bauwerk. Oder es diente der Zollkontrolle auf dem damals noch schiffbaren Flüsschen Pfreimd. "Es könnte sich natürlich auch um eine Fluchtburg handeln, um Menschen in Notzeiten in Sicherheit zu bringen", spekuliert der Hobby-Archäologe angesichts der Steilhänge an drei Seiten.

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Pfreimd

Der Wald hat dieses Rätsel für die Nachwelt aufbewahrt. Doch gerade die Forstwirtschaft mit schweren Geräten wie dem Harvester könnte die Wissens-Ernte verhindern. Und die Urkunden im Boden haben noch andere Feinde, die gezielt vorgehen. "Sondengänger lieben solche Areale und verwüsten sie", weiß Engelhardt. Auf der Suche nach Pfeilspitzen werde da illegal umgegraben. "Die geben nicht nach, wenn sie ein Piepen hören, eine Grabungserlaubnis haben sie natürlich nicht." "Das ist Unterschlagung und Betrug", wettert der 72-Jährige gegen die modernen Grabräuber, die oft auch Hügelgräber ins Visier nehmen.

Der angerichtete Schaden sei dann groß im Vergleich zu den dürftigen Erlösen, die mancher für die im Internet verhökerten Fundstücke erzielt. Der Forschungsstoff für künftige Generationen würde durch solche Eingriffe wesentlich beeinträchtigt - und damit auch "die Erinnerung an die eigene Geschichte zerstört".

38 Fundstellen

"Und die Entdeckungen gehen weiter", freut sich Engelhardt über jede neue Stelle, die ein Stück Vergangenheit preisgibt. Oft sind es nur ein paar Keramikscherben, selten Metall, was Hinweise beispielsweise auf eine Nekropole gibt. "So etwas wie ein Steinbeil findet man vielleicht alle fünf bis acht Jahre" weiß der erfahrene Hobby-Archäologe. Ob vorgeschichtliche Siedlung, Grabhügel, Wallanlage oder sonstige Funde, die Pfreimder Liste ist mit 38 Fundstellen fast so lang wie die der Baudenkmäler, von denen das Landesamt 60 in der Gegend auflistet.

"Wir alle sind der Nachhaltigkeit verpflichtet", merkte schon vor über einem Jahrzehnt der damalige Staatsminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Helmut Brunner, an im Vorwort zur zweiten Auflage einer Broschüre mit dem Titel "Denkmäler im Wald". Forstpraktiker würden deshalb auch geschult, um die oft unscheinbaren Denkmäler zu erkennen und zu helfen, die "Archive im Boden" zu schützen. "Nur was man kennt, das schätzt man. Und nur was man schätzt, das schützt man", zitiert der Minister ein altes Sprichwort.

Nur was man kennt, das schätzt man. Und nur was man schätzt, das schützt man.

Altes Sprichwort

Hintergrund:

Von wegen Spaziergang

Wie kann ein Ärchäologe Bodendenkmäler erkennen? Kreisheimatpfleger Kurt Engelhart ist dabei auf viele Hinweise angewiesen -und auf lange "Spaziergänge". "Ein Spaziergang ist so etwas eigentlich nicht, dazu ist es viel zu anstrengend", berichtet er. Wenn er im Frühjahr oder Herbst auf einem Acker unterwegs ist, so sollte das Feld "gut abgeregnet" sein, damit Fundstücke erkennbar sind. "Da steht man denn bis zu den Knöcheln in der Ackerfurche und muss die Gummistiefel wieder rausbringen", so seine Erfahrungen aus der Praxis. "Nach 200 Mal Bücken hat man dann Kreuzweh und vielleicht nur Steine in der dreckigen Hand gehalten." Gibt es wirklichen ein Fund, dann muss der eingetütet, beschriftet und beim Landesamt für Denkmalschutz für eine Auswertung abgeliefert werden, "damit man jederzeit nachvollziehen kann, was es damit auf sich hat". Engelhardt hofft, dass die guten Stücke dann bald im Pfreimder Stadtmuseum landen, das sich im Aufbau befindet. Das könnte auch seine Regale im Nabburger Domizil entlasten, immerhin ist für ihn die Archäologie seit seiner Pensionierung "zu einem echten Vollzeit-Job geworden". "Inzwischen muss ich bei diesem Hobby aufpassen, dass mein Garten nicht verwildert", klagt er. Allen, die sich gerne mit dem Virus "Archäologie" infizieren würden, empfiehlt er einen Blick auf den bayerischen Denkmal-Atlas.

Wer hier noch Reste einer Burg erkennen will, muss schon genau hinschauen. "Burgstall" nennt man solche Formationen, wie diese Stelle bei Stein, die bis vor kurzem nicht einmal dem Grundstückseigentümer bekannt war.
Es braucht schon einen professionellen Blick, um hier ein am Künzelberg im Norden von Iffelsdorf ein Hügelgrab auszumachen. Josef Reil aus Iffelsdorf hat die verdächtige Stelle vor sechs Jahrendem Kreisheimatpfleger für Archäologie gemeldet.
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