24.05.2019 - 16:02 Uhr
PfreimdOberpfalz

Perlen der Stadtgeschichte

Wenn feuchte Luft durchs Bürgerhaus zieht, verströmen die getrockneten Heringshaifische aus der Zeit um 1600 noch immer ein gewisses Aroma. Dass sie nun einen neuen Platz im künftigen Museum bekommen, verdanken sie auch der EU.

Ein "Zeitfenster" gibt aktuell im Bürgerhaus den Blick auf vergangene Epochen frei. Ausgestellt sind dort derzeit Bilder von Hobbykünstlern. Bis zum Herbst 2020 sollen hier schwerpunktmäßig Fundstücke einziehen, die bei Ausgabungen ans Licht kamen oder die Epoche der Leuchtenberger illustrieren.
von Monika Bugl Kontakt Profil

Kein geringerer als Georg Ludwig von Leuchtenberg soll die beiden Fische einst für Pfreimd requiriert haben. Gut 400 Jahre später zeigen die tierischen Mumien aus dem Raritäten-Kabinett noch immer ihre spitzen Zahnreihen vor dem Sitzungssaal und lassen so manchen Betrachter bei einer Führung schaudern. Doch die Stadt hat noch viele ältere Fundstücke zu bieten. Da sind die bunten Glasperlen aus einem Gräberfeld bei Iffelsdorf, Tongefäße oder Waffen aus der Vor- und Frühgeschichte. Fehlt nur noch ein Museum - das Schild dafür ist schon angebracht.

Frack und Zylinder

"Ohne eine europäische Finanzspritze könnte man so ein Museum tatsächlich kaum stemmen", erklärt Museumsleiterin Carola Reul, die momentan noch hauptsächlich mit "Phase eins" des kulturellen Konzepts beschäftigt ist, dem "Dokument Schloss". Die EU kommt dann ins Spiel, wenn es um Phase zwei geht: das Stadtmuseum. Seit dem vergangenen Jahr laufen dafür die Vorbereitungen, zahlreiche Bürger haben Relikte aus der Vergangenheit an das künftige Museum abgegeben, doch so alt wie die beiden getrockneten Fische ist kaum etwas. Fotos, Bilder, Porzellan von der Oma und auch Kleidung, "alles querbeet", sind bei der Museumsleiterin eingegangen, zuletzt sogar eine Sammlung Hüte, inklusive Zylinder und dazu ein Frack. Dank des früheren Pfreimder Fahrradgeschäfts Ostler wird auch der Drahtesel für eine temporäre Ausstellung in Betracht gezogen. Ein Hochrad stünde parat, und auch zu einem Pfreimder Velociped- (Fahrrad-)verein gibt es interessante Details.

Der Schwerpunkt allerdings soll zunächst auf der Vor- und Frühgeschichte sowie auf der Epoche der Leuchtenberger liegen, berichtet die Museumsleiterin. "Was wir bislang gesammelt haben, ist dann eher für künftige Sonderausstellungen bestimmt", erklärt Reul. Für das Konzept ist der Regensburger Historiker Dr. Josef Paukner verantwortlich, die Innenarchitektur obliegt Wolfgang Engel aus Nabburg, und natürlich ist auch die Museumsleiterin mit im Boot. Insgesamt drei Räume plus das Treppenhaus im Bürgerhaus gibt es zu bestücken.

In Vitrinen sollen hier Funde Platz finden wie die Gürtelgarnitur eines awarischen Reiters, der wahrscheinlich vor rund 1300 Jahren auf einem Feld bei Iffelsdorf bestattet wurde. Schichtaugenperlen aus der Latènezeit, Keramik, Spinnwirtel und Kochgeschirr werden den Blick auf frühe Siedler im Naabtal lenken. Allein bei Bauarbeiten im Zuge der Produktionserweiterung der Firma Gerresheimer wurden rund 700 Fundstücke gesichert, als man das größte Reihengräberfeld in der Oberpfalz entdeckte. Sogar ein Relikt aus der mittleren Steinzeit hat die Erde wieder freigegeben.

Beim zweiten Schwerpunkt, den Leuchtenbergern, sieht es mit den Objekten etwas dürftiger aus. Noch hofft die Museumsleiterin auf die ein oder andere Münze oder Landkarte. "Da ist viel in Sammlerhänden", weiß Reul. "Das hätten wir gern, vielleicht als Dauerleihgabe." Ohnehin sei es gar nicht mehr so wichtig, möglichst viel Anschauungsmaterial vorzuhalten, statt Fülle ist bei modernen Konzepten nämlich Inszenierung gefragt. "Die Tendenz geht zu immer weniger Exponaten, ganz nach dem Motto: Weniger ist mehr", berichtet die Pfreimder Museumsleiterin.

Aktion zum Bürgerfest

Größere Befürchtungen hegt sie mit Blick auf das Museum der Bayerischen Geschichte in Regensburg, das im Juni eröffnet wird: "Das zieht die Schulen nach Regensburg, da werden alle kleinen Museen nicht mithalten können." Schließlich haben auch die Pfreimder Museumsmacher vor allem Kinder als "Kunden" im Blick.

Noch heuer soll es zum Bürgerfest deshalb ein museumspädagogisches Programm geben. Reul denkt dabei an Aktionen wie das Feuermachen in alten Zeiten oder einen Blick auf die Modewelt des Burgfräuleins. Bis das Pfreimder Stadtmuseum eröffnet, werden noch einige Monate ins Land gehen. Termin dafür ist im Herbst 2020. Und weil das im Förderprogramm "Leader" so festgelegt ist, darf an dem Termin auch kaum gerüttelt werden. Immerhin geht es bei dem Projekt Stadtmuseum für die EU um eine Summe von 154 000 Euro. Die Landesstelle für nichtstaatliche Museen steuert 50 000 Euro bei, und rund 150 000 Euro muss die Stadt selbst aufbringen. "Verwendungsnachweise, Rechnungen Förderzeitraum, das wird alles wird seitens der EU strengstens kontrolliert", gibt Reul zu bedenken und stellt klar: "Die Bürger können wirklich sicher sein, dass das Geld in die richtigen Hände kommt." Und die über 400 Jahr alten Heringshaifische sind dann auch sicher untergebracht: in der Vitrine.

Ganz schön gruselig ist dieser Heringshaifisch, der momentan noch im Treppenhaus des Bürgerhauses hängt.
Museumsleiterin Carola Reul wirft einen Blick auf die Heringshaifische, die im Stadtmuseum einen Platz in der Vitrine bekommen sollen.
Jetzt mit eigenem Klingelschild: Museumsleiterin Carola Reul
Info:

Innovativ mit "Leader"

Das Förderprogramm "Leader" leitet sich ab vom französischen "Liaison entre actions de développement de l'économie rurale" (Verbindung zwischen Aktionen zur Entwicklung der ländlichen Wirtschaft). Dieses Programm der Europäischen Union fördert seit 1991 modellhaft innovative Maßnahmen im ländlichen Raum. Lokale Aktionsgruppen erarbeiten vor Ort Entwicklungskonzepte. Ziel ist es dabei, für die ländlichen Regionen jeweils eigene Strategien anzustoßen und Kooperationen zu fördern.

Zu den jüngsten Museumsstücken gehören diese Büsten, eine ungewöhnliche Lampe und nicht alltägliche Gläser. Sie sind derzeit in einer Vitrine am Eingang zum künftigen Stadtmuseum zu sehen.
Für das neue Museum gibt es künftig einen eigenen Eingang und vielleicht sogar einen kleinen Museums-Shop.

Ohne eine europäische Finanzspritze könnte man so ein Museum tatsächlich kaum stemmen.

Museumsleiterin Carola Reul

Museumsleiterin Carola Reul

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