29.10.2021 - 12:47 Uhr
PfreimdOberpfalz

Pfreimder Nähkreis bastelt aus ausrangierten Wandkarten der Schule flotte Taschen

Einen Atlas ersetzt sie nicht und auch kein Navi, diese neue Taschen-Kollektion des Pfreimder Nähkreises. Den Weg Richtung Upcycling aber weist das Sortiment sehr wohl.

Museumsleiterin Carola Reul, Marita Hausknecht und Cornelia Schäfer (von links) präsentieren die neue Taschen-Kollektion des Pfreimder Nähkreises, gefertigt aus Wandkarten, die von der Schule aussortiert wurden.
von Monika Bugl Kontakt Profil

Ländergrenzen, unregelmäßige Verben und Blütenstände: Bildlich sollten sie noch vor ein paar Jahren im Großformat auch den Schülern in der letzten Bank nahe gebracht werden. Ein "Kartendienst" lieferte in den Schulen das aufgerollte Lehrmaterial ins Klassenzimmer, wo es in Deutsch, Biologie, Englisch oder Erdkunde für einen Überblick sorgen sollte. Doch im digitalen Zeitalter sind die sperrigen Großformate der Wandkarten überflüssig, viele sind längst im Abfall-Container gelandet. So wäre es vielleicht auch dem Pfreimder Material ergangen, wenn Museumsleiterin Carola Reul sich nicht für den Fundus interessiert hätte. Jetzt dienen die Wandkarten als Rohmaterial für Taschen.

Dabei hatte die Museumsleiterin zunächst nur Material für künftige Ausstellungen zu historischen Themen im Blick. Beim Sichten des umfangreichen Bestands in der Volksschule kam ihr die zündende Idee: "Das ist doch was für meine Nähdamen!" Was nicht fürs Museum eingelagert oder aussortiert wurde, ging an den örtlichen Nähkreis. Vor allem die stabileren Dokumente sollten dort beim Upcycling-Projekt zugunsten des Museums unter die Nähmaschine kommen. "Man sieht das ja immer wieder, da gibt es Taschen aus Lkw-Planen, aus Heißluftballons oder Regenmänteln", sagt Cornelia Schäfer, die vor der Herausforderung mit dem Material Kunststoff nicht zurückgeschreckt ist. "Das geht sogar mit Kaffee-Verpackungen", ergänzt Marita Hausknecht und hält eine von Anita Butz gefertigte Tasche hoch, die von einem "Espresso Mailänder Art" erzählt.

Wie kommt man nur auf solche Ideen? Deko-Geschäfte, das Internet oder einfach nur mit wachen Augen durch die Gegend laufen: So einfach ist das Rezept für das kreative Resultat. Zahnbürsten-Etui, Utensilio, Geldbeutel, Dokumentenmappe, Handytasche, Strohhalm-Behälter, ein Masskrugband, ein Etui für den Kabelsalat und Kopfhörer oder einfach nur ein Geschenkbeutel: Die Phantasie kennt beim Pfreimder Nähkreis keine Grenzen – auch wenn die Corona-Pandemie den Kontakt unter den Beteiligten weitgehend aufs Telefon, Internet oder einen Plausch vor der Haustüre reduziert hat. "Wir befruchten uns natürlich mehr, wenn wir beieinanderhocken", gesteht Schäfer, die die Idee zum Upcycling ursprünglich von einem Besuch bei ihrer Tochter in Australien importiert hat.

Verdorben, vergessen, verloren

Schäfer, die "Ideengeberin" in der Runde, war es auch, die sich mit einer robusten Singer-Nähmaschine, einem Erbstück, als erste an die Karten wagte. "Ganz einfach war das nicht mit diesem Material, aber es geht. Und wenn man sieht, was dabei herauskommt..." Vor ihr liegt jetzt ein "Utensilio" mit den Umrissen von Berlin. Blaue Flüsse mäandern über Einkaufstaschen mit rot markierten Grenzen, und auf Dokumentenmappen macht sich die Vogelwelt breit. Deutsche und englische Stammformen lassen rätseln, ob diese Taschen auch in der Schule noch durchgehen oder schon als "Spickzettel" zählen. "Verdorben, vergessen, verloren", steht da auf einem kleinen Mäppchen mit Druckknopf, was hoffentlich kein Omen ist. Wer es weniger schrill mag, kann ja immer noch auf das Sortiment aus Leder oder Stoff zurückgreifen.

"Bei uns wird bewusst kein neues Material gekauft, sogar die Reißverschlüsse sind gebraucht", berichtet Schäfer, "höchstens mal Gurtbänder sind neu". Das prägt auch den Look. "Hier darf der Charme des Gebrauchten zu sehen sein, ist doch besser, als dass es in den Schränken verkommt." Ein kleiner Teil wartet nun in der Vitrine vor der Stadtbücherei auf Kundschaft, auch auf der Homepage der Stadt Pfreimd sind Beispiele zu sehen. "Alle mit dem Logo des Museums", so die Vertreterinnen des Nähprojekts, die nun auf einen größeren Absatz beim anstehenden Weihnachtsmarkt oder im nächsten Jahr beim Bürgerfest hoffen. Besonders stolz macht es sie, dass der Erlös aus dem Verkauf der selbst genähten Produkte auch wieder ins Museum fließt. Anvisiert ist da beispielsweise die Finanzierung einer Replik, die einen goldenen Kelch aus dem "Pfreimder Schatz" wieder greifbar macht. Wenn das Museum im April eröffnet und der Verkauf der Taschen dann über den Museums-Shop läuft, könnte noch das ein oder andere Objekt dazukommen.

Brief aus München

Den fleißigen Näherinnen bleiben als Lohn nur die "Lorbeeren" für ihr Engagement. Dass hier vorbildlich recycelt wird, ist aber schon bis zur bayerischen Staatskanzlei vorgedrungen. Obwohl die Nähtreffen in der Pandemie auf der Strecke geblieben waren, hatten die Teilnehmer drei weiß-blaue Stoffmasken an den Ministerpräsidenten geschickt, zu einer Zeit, als dieser Schutz noch Mangelware war. Die Antwort kam prompt in einem Schreiben aus München mit einem Lob für die Näherinnen und ihr "vorbildliches Engagement, die Herausforderungen durch Eigeninitiative anzugehen".

In Pfreimd war die Wertschätzung auch ohne Worte sichtbar: Bis genug medizinische und FFP2-Masken auf dem Markt waren, trugen die Ministranten einheitlichen weißen Mund- und Nasenschutz, gefertigt vom Nähkreis. Und bei Veranstaltungen in der Stadt gab es für die Upcycler so manches Wiedersehen mit diversen Mustern. Museumsleiterin Reul hat sich dann erinnert: "Das war doch mal diese ganz bestimmte Bettwäsche..."

Mit Stofftaschen fing es an

Pfreimd
Info:

Ein Nähkreis mit Mission

  • Team: Gerlinde Blödt, Anita Butz, Resi Eichinger, Marita Hausknecht, Theresia Kederer, Maria Ostler-Scharl, Anja Paulus, Carola Reul, Cornelia Schäfer.
  • Idee: nutzlose Stoffe in neuwertige Produkte umwandeln (Upcycling).
  • Ziele: Beim Upcycling werden Abfallprodukte oder nutzlose Stoffe in neuwertige Produkte umgewandelt. Bei dieser Form des Recyclings erfolgt eine stoffliche Aufwertung. Die Wiederverwertung oder Nachnutzung von bereits vorhandenem Material reduziert die Verwendung von Rohstoffen.
  • Erlös: fließt komplett in das Pfreimder Museum, das im April eröffnen soll.
  • Verkauf: bei diversen Märkten und im künftigen Museums-Shop; weitere Infos über die Homepage der Stadt Pfreimd
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