07.10.2021 - 16:36 Uhr
PfreimdOberpfalz

Pfreimder mit Roman-Debüt über WAA-Zeiten und lesbische Liebe

Der Streit um die Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) in Wackersdorf hat seine Jugend geprägt. Ein Vierteljahrhundert später veröffentlicht Kurt F. Stangl aus Pfreimd einen Roman, der nicht nur die alten Konflikte beleuchtet.

Kurt F. Stangl hat in seinem jetzt im Selbstverlag veröffentlichten Roman "Gott war dort, aber sie ist schon wieder fort" der Gefühlslage in Zeiten des WAA-Protests nachgespürt.
von Monika Bugl Kontakt Profil

Die zündende Idee zum Roman kommt Kurt F. Stangl keineswegs am Bauzaun in Wackersdorf, sondern vor der Cheops-Pyramide in Ägypten. Mit der Kamera wartet er auf das perfekte Licht für ein Foto, als ein junges Pärchen in seinen Blick gerät. Was, wenn das nun zwei verliebte Frauen sind? Als engagiertes Mitglied bei Amnesty International kommt ihm in den Sinn, das so eine Liebesbeziehung vor wenigen Wochen für zwei Frauen aus dem Iran das Todesurteil bedeutet hat. "In diesem Moment fällt mir das ganze Gerüst für meinen Roman ein", erzählt der 58-Jährige im Gespräch mit Oberpfalz-Medien.

Dass es um die Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf gehen sollte, stand schon fest. Ein Mann als Hauptperson, das erschien dem Schreiber zu autobiographisch, auch wenn er zunächst die Geschichte an einem Rollstuhlfahrer festmachen wollte. "Aber wie kriegst du den durch den Taxöldener Forst?", beschreibt der Autor Probleme mit den Szenen, und macht die Handlung lieber an einer Heldin fest, die nach und nach immer realer für ihn wird: Johanna Schön heißt seine Hauptperson aus dem fiktiven Naabwenden. Eine Frau, die die Hüttendorf-Räumung miterlebt, als WAA-Gegnerin jede Menge Anfeindungen aushalten muss und auch in der Liebe unkonventionelle Wege geht. "Eine Liebesbeziehung gehört sich überall rein", sagt Stangl, der sich auf die Seite der Feministen schlägt und seinen Buchtitel entsprechend gewählt hat: " "Gott war dort, aber sie ist schon wieder fort. Mosaik einer Jugend in Wackersdorf."

Wegen Sticker diffamiert

Dort, das ist da, wo am 7. Januar 1986 das Hüttendorf geräumt wird, wo vorübergehend auch eine hölzerne Christusfigur eingezogen war. Stangl stand damals selbst auf der Seite der WAA-Gegner, war bei vielen Demos dabei, "nur zufällig nicht dann, wenn es richtig gekracht hat". Er hat erfahren, wie es ist, wegen eines WAA-Nein-Stickers diffamiert zu werden, wie schnell üble Gerüchte kursieren und wie das Thema für tiefe Gräben in den Familien sorgte. "So etwas geht an die Nieren", erinnert er sich an die Montage, als die Rebellen vom Wochenende wieder mit den WAA-Befürwortern auskommen mussten. Aber es gab auch schöne Momente, damals, als aus dem Bettlaken ein Transparent wurde, das nicht mehr ins Auto passen wollte. Es ist die Gefühlslage in der Oberpfalz der 80er Jahre, die hier im Rückblick auf über 400 Seiten Raum bekommt, während parallel dazu eine junge Frau auf der Suche nach ihrer sexuellen Identität ist.

Fokus auf "kleine Leute"

Warum erst so spät, Jahrzehnte nach dem Aus für die WAA? Das liegt laut Autor schon mal daran, dass er immerhin fünf Jahre und neun Monate brauchte, um Autobiografisches und Fiktives in eine Form zu bringen. Fertig war das Manuskript dann eigentlich schon im September 2007, doch die Suche nach einem Verlag war nicht von Erfolg gekrönt. Fast hätte es geklappt, ein Interessent war da, doch ein anderer Autor war schneller, und "Buch zwei" – so der Arbeitstitel – verschwand erst einmal in der Schublade. Als "Buch eins" hat der 58-Jährige nämlich einen Roman über die Urgroßmutter von Johanna im Kopf, der im Ersten Weltkrieg ansetzt und aktuell erst 30 Seiten zählt. Sich mit auf Trittbrett zu schwingen, als der WAA-Widerstand ins Kino kam, das hat der Pfreimder verpasst. "Als Porträt von Landrat Hans Schuierer gut so, klasse gemacht", lautet sein fachmännisches Urteil über das Werk, "als Panorama des Protests zu wenig". "Da gehört für mich ein Film her, der die kleinen Leute jenseits der Politik zeigt, Leute wie Johanna."

Dass seine Vorlage nun von den großen Medien aufgegriffen wird, darauf baut Kurt F. Stangl nicht. Ihm war es einfach wichtig im Angesicht des fortschreitenden Alters eine Lebensaufgabe zu erledigen. Den Tod eines guten Freundes und Mitstreiters vor eineinhalb Jahren empfand er dabei als Mahnung, sich nicht zu lange Zeit zu lassen. Wer sich nun durch den Riss, der damals durch die Debatte um Kernkraft durch die Gesellschaft geht, an aktuelle Tendenzen mit Querdenkern und Fanatikern erinnert fühlt, dem führt der Autor einen entscheidenden Unterschied vor Augen: "Gewalt war nie mein Ding", so seine Überzeugung. "Wir haben damals an den Rechtsstaat geglaubt. Das ist heute anders, und das ist gar nicht gut."

WAA-Zeit liefert auch Stoff für die Wissenschaft

Schwandorf
Hintergrund:

Roman-Debüt mit einer Portion Autobiografisches

  • Lebenslauf: Kurt F. Stangl, geboren 1963 in Trausnitz, lebt seit 1969 in Pfreimd, nach einer Lehre als Büropraktiker in einem Steuerbüro, später beim Fernmeldeamt beschäftigt, inzwischen in Frührente.
  • Ehrenamt: seit 25 Jahren bei Amnesty International und in der Vergangenheit über viele Jahre auch beim VdK engagiert, aktiv im Fotoclub Pfreimd, bei der SPD und bei Arbeitskreisen wie "Südliches Afrika".
  • Verlag: Selfpublishing bei Tredition, Hamburg, ISBN 978-347-33727-2 (Hardcover-Ausgabe)
Kurt F. Stangl hat in seinem jetzt im Selbstverlag veröffentlichten Roman "Gott war dort, aber sie ist schon wieder fort" der Gefühlslage in Zeiten des WAA-Protests nachgespürt.

"Wir haben damals an den Rechtsstaat geglaubt. Das ist heute anders, und das ist gar nicht gut."

Kurt F. Stangl über Parallelen zu Protestbewegungen in der Gegenwart

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