04.06.2020 - 16:52 Uhr
PfreimdOberpfalz

Pfreimder Supermärkte schaffen Platz für Menschen mit Handicap

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Geduld ist gefragt, wenn Barrieren weichen sollen. Kurt Stangl und Gertrud Gradl haben es geschafft: Drei große Pfreimder Supermärkte räumen Menschen mit Behinderung einen Platz ganz vorne ein.

Der Pfreimder Behindertenbeauftragte Kurt Stangl und VdK-Beraterin für Barrierefreiheit Gertrud Gradl sind froh über jeden Schritt, der Menschen mit Behinderung den Weg ebnet. Erfolgreich haben sie in drei Pfreimder Supermärkten für spezielle Parkplätze gekämpft, die von Personen mit einer außergewöhnlichen Gehbehinderung genutzt werden können.
von Monika Bugl Kontakt Profil

Schwachstellen ausmerzen: Diese Herausforderung im Dienst von Menschen mit Behinderung hat Gertrud Gradl vor vier Jahren zu ihrer Aufgabe gemacht. Beim VdK ist sie Beraterin für Barrierefreiheit, in Pfreimd im Seniorenbeirat aktiv. Seither bemüht sich 65-Jährige zusammen mit dem Pfreimder Behindertenbeauftragten Kurt Stangl um Verbesserungen für Menschen mit einem Handicap. Ein Schwerpunkt sind dabei Parkplätze, die breit genug sind, um einen Rollstuhl ins Auto zu hieven, die Krücken zu verstauen oder ohne komplizierte Verrenkungen den Platz hinterm Steuer einzunehmen. "Ob bei Edeka, Norma oder Netto, alle Chefs dort sind sehr sozial eingestellt", berichtet Gradl, die mit ihren Anregungen bei allen ein offenes Ohr gefunden hat.

"Allerdings kann das schon mal zwei Jahre dauern, bis Vorschläge umgesetzt werden", seufzt Kurt Stangl, der aus eigener Erfahrung weiß, wie wichtig so ein Parkplatz für Menschen mit Gehbehinderung ist. Es muss allerdings schon eine "außergewöhnliche Gehbehinderung" (aG) vorliegen, die das Parken auf diesen speziell gekennzeichneten Flächen erlaubt. "Es ist schon deshalb nicht einfach, weil neben den Supermarkt-Chefs auch die Investoren einzubeziehen sind, denen das Gelände gehört", gibt Gradl beim Pressetermin vor dem Edeka-Markt in Pfreimd zu bedenken. Dort sind gleich neben der Reihe an Einkaufswagen zwei gegenüberliegende Behinderten-Parkplätze entstanden. Ein großes Piktogramm eines Rollstuhlfahrer auf den beiden Flächen macht unmissverständlich klar, für wen der besonders breite Platz reserviert ist. Und drinnen kommen Menschen mit Gehhilfen oder Rollator nun auch besser über breite Gänge an der Kasse vorbei. Ähnlich gut hat es mit Verbesserungen beim Norma- und Netto-Markt geklappt.

Kurt Stangl erlebt es trotzdem immer wieder, dass die besonders günstig gelegenen Behinderten-Parkplätze von Menschen ohne Behinderung okkupiert sind. "Das ist normal", bedauert er. Kritisiert er die Falschparker, muss er sich auch noch dumme Sprüche anhören wie: "Geh arbeiten und mecker nicht rum." "So ein spezieller Parkplatz sollte aber auch gut sichtbar gekennzeichnet sein", weiß der 57-Jährige, der auf der Suche nach Schwachstellen in der Stadt auch auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen ist. Die Stadt jedenfalls sei willens, die Anliegen der Menschen mit Behinderungen aufzugreifen. "Die Kommunen sind sehr aufgeschlossen", lobt auch Gradl, "bei vielen Begehungen sind die Bürgermeister dabei". In Pfreimd, Bruck oder Schwandorf habe sie da gute Erfahrungen gemacht. "Allein bei den Plänen für die Friedrich-Ebert-Straße gab es neun Sitzungen", berichtet sie. Der 65-Jährigen ist es Lohn genug, "wenn bei 100 Fällen in einem was zurückkommt".

Positive Reaktionen auf die Verbesserungen in Pfreimd gibt es bereits. "Gut gemacht", lobt Rollstuhlfahrerin Nicole Ringlstetter, "Pfreimd hat wirklich was getan." VdK-Vorsitzende Gradl und Behindertenbeauftragter Stangl würden gern noch mehr Menschen ins Boot holen wollen, denn es gibt noch viel zu tun: Da ist der Schnee, der im Winter auf dem Behindertenparkplatz besonders hinderlich ist, oder eine Armatur in einer öffentlichen Dusche, die nicht jeder so einfach bedienen kann. Ein Geländer oder einen Lift fürs Schwimmbecken im Freibad Perschen steht auf der Wunschliste von Gradl: "Im Wasser sein, das ist für viele Menschen mit Behinderung der Himmel auf Erden." Bei der Finanzierung könne man meist auf hilfsbereite Vereine zählen. Dann sind da noch die Bahnhöfe. "Nicht einmal in Schwandorf gibt es einen barrierefreien Zugang zu den Gleisen", bedauert die 65-Jährige. Nicole Ringlstetter wäre froh, wenn sie mit ihrem Rollstuhl die öffentliche Toilette im Schlosshof aufsuchen könnte, so manche Stelle mit ruppigem Pflaster noch weichen würdee und bei der geplanten Sanierung der Bahnhofstraße auch die Bordsteine abgesenkt werden. "Es sind viele kleine Dinge, die es Rollstuhlfahrern leichter machen könnten", hat die 38-Jährige festgestellt.

Bis das alles abgearbeitet ist, dafür braucht es eine Portion Geduld, sind sich Gradl und Stangl einig. "Alle Schwachstellen werden wir nie ausmerzen können", zeigt sich Gradl realistisch. Sollte es aber mit dem Verständnis für die Anliegen bei den mobilen Zeitgenossen etwas haken, dann gibt die VdK-Beraterin nur eins zu bedenken: "Wer jung ist, sollte daran denken, dass eine Behinderung irgendwann jeden treffen kann."

Wer jung ist, sollte daran denken, dass eine Behinderung irgendwann jeden treffen kann.

Gertrud Gradl, Beraterin für Barrierefreiheit beim VdK

Gertrud Gradl, Beraterin für Barrierefreiheit beim VdK

Allerdings kann das schon mal zwei Jahre dauern, bis Vorschläge umgesetzt werden

Behindertenbeauftragter Kurt Stangl

Behindertenbeauftragter Kurt Stangl

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Info:

Nicht nur für Rollstuhlfahrer

Als schwer behinderte Menschen mit außergewöhnlicher Gehbehinderung sind solche Personen anzusehen, die sich wegen der Schwere ihres Leidens dauernd nur mit fremder Hilfe oder nur mit großer Anstrengung außerhalb ihres Kraftfahrzeuges bewegen können. Auf dem Schwerbehindertenausweis ist dies mit dem Zeichen "aG" vermerkt, ein Ausweis ohne dieses Zeichen reicht da nicht aus. Nach einer Entscheidung des Solzialgerichts Bremen kann das Merkzeichen auch zugestanden werden, wenn Menschen zwar noch kurze Stücke gehen können, sich dabei aber an einem Rollstuhl oder Rollator festhalten müssen. Der blaue EU-Parkausweis ist gut sichtbar ins Auto zu legen, nur dann können Kontrolleure feststellen, ob eine Parkberechtigung vorliegt.

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