31.03.2021 - 15:47 Uhr
PfreimdOberpfalz

Plantage wird für Pater zur Mördergrube: Spur vom KZ Dachau führt auch nach Pfreimd

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Strafappelle, Schläge, Demütigungen: Gerade in der Karwoche des Jahres 1942 soll es besonders schlimm gewesen für Geistliche im Konzentrationslager (KZ) Dachau. Dazu kam der Hunger. Die Spur der Opfer führt auch nach Pfreimd.

Pater Petrus Mangold
von Monika Bugl Kontakt Profil

Fast 80 Jahre nach seinem qualvollen Tod rückt Pater Petrus Mangold, lange Jahre Oberhaupt des Pfreimder Franziskaner-Klosters, noch einmal in den Fokus – und mit ihm die Leiden im "Pfarrerblock" des Konzentrationslagers Dachau. Monatelang hat Hobby-Historiker Hans Paulus in Archiven gewühlt, um sein Leben nachzuzeichnen und er ist dabei auf eine Reihe von Namen gestoßen, die ein ähnliches Schicksal hatten, darunter der gebürtige Pfreimder Johann Baptist Hugl, der als evangelischer Pastor 61 Monate seines Lebens in verschiedenen Konzentrationslagern verbrachte. Anders als Pater Mangold hat er die Barbarei der Nazizeit aber überlebt.

Es gibt nicht viele Fotos und Dokumente aus dieser Zeit. Aber es sind genug, um eine Ahnung von den grausamen Details zu bekommen. Ein Bild von Menschen, die barfuß in Holzpantinen Schnee räumen müssen. Menschen, die mit einer dünnen Brühe und Brot aus Kastanienmehl Kraft genug haben sollten, um bei Wind und Wetter auf einer Plantage zu arbeiten. Die Arbeit dort galt nicht einmal als Arbeit, sondern als "Verwendung", schildert Jean Bernard in dem Buch "Pfarrerblock" und klärt auf: "In Wirklichkeit ist es eine Mördergrube." Pater Petrus Mangold ist dort einen langsamen Tod gestorben.

Hans Paulus, stellvertretender Vorsitzender des heimatkundlichen historischen Arbeitskreises "Der Stadtturm" in Pfreimd, hat die einzelnen Schritte auf dem Weg des Paters dokumentiert und dem Vergessen entrissen – von den Erfahrungen im Ersten Weltkrieg über die Zwischenstation in Pfreimd bis hin zur Funktion als kommissarischer Provinzial an der Spitze der sudetendeutschen Klöster. "Er war ein wahnsinniger Kämpfer für den Glauben und hat sich sehr für seine Ordensbrüder eingesetzt." Der 67-jährige Hobby-Historiker zeichnet das Bild eines Menschen, "der sich von oben nichts gefallen ließ", der keine Angst, aber viel Menschenkenntnis mitbrachte. Ein Unbeugsamer, der sich weigerte, an Fronleichnam die Hakenkreuzfahne am Pfreimder Kloster aufzuziehen. Die Gestapo hatte ihn längst auf ihrer Liste, als ihr bei einer Razzia in Eger ein belastendes Schriftstück in die Hände fiel: Pater Mangold hatte verboten, in der Kirche "Deutschland, Deutschland über alles" zu singen. Die Folge: Am 29. März 1941 wurde er verhaftet und schließlich am 6. Juni ins KZ Dachau eingeliefert.

"Er traf dort ausgerechnet in den härtesten Monaten ein", hat Hans Paulus recherchiert, "zu einer Zeit, als es im Pfarrerblock keinerlei Hafterleichterungen gab, keine Pakete, unzulängliche Kleidung und einen üblen Lagerleiter". Der damals 52-Jährige musste 75 Kilo schwere Essenskübel schleppen, vor allem aber wurde er auf der Plantage eingesetzt, einem eigenständigen SS-Wirtschaftsbetrieb, Versuchsanstalt für den Anbau von Gemüse und Kräutern. Doch was nach einem Job in der Natur klingt, war "aller Häftlinge Schreckgespenst". So beschreibt es zumindest Daniella Seidl in einem Buch über die KZ-Plantage.

Pfreimder Hobby-Historiker auf den Spuren eines kritischen Geistes

Pfreimd

"Hinter der Kolonne entkräfteter, taumelnder Menschen wurden immer zehn und mehr Schubkarren mit den Toten und den Sterbenden geschoben," schildert ein Zeitzeuge die Umstände, unter denen die Häftlinge hier schuften mussten. Zwischen 1939 und 1945 starben dort mehr als 800 Menschen, unter ihnen Pater Petrus Mangold. Ein Mitgefangener schleppte ihn am 18. Juli 1942 noch auf dem Rücken ins Revier, eine Art Lazarett.

Als Folgen der Unterernährung waren dem Pater in den Wochen davor Füße, Hände und Kopf geschwollen. "Als ich ihn das letzte Mal sah, waren auch die Augen eingeschwollen, das letzte Zeichen eines nahen Hungertodes", schildert Pater Sales Heß den unaufhaltsamen Weg in den Tod. Der Benediktinerpater Heß hat diese Hölle überlebt, weil er als als Häftling dem "Fotografen-Kommando" der Plantage zugeteilt war. Auch der gebürtige Pfreimder Johann Baptist Hugl hatte Glück: Er wurde an seinem 51. Geburtstag, am 8. Mai 1945, aus dem KZ Ebensee befreit, war zuvor ebenfalls in Dachau. Ein Schicksal, auf das Heimatforscher Paulus erst jetzt durch Hedi Bäuml aufmerksam wurde. Die Lehrerin mit Pfreimder Wurzeln unterrichtet am Ignaz-Taschner-Gymnasium in Dachau und hat sich mit einer Schulklasse dem Thema gewidmet.

Pater Petrus Mangold aber steht für die vielen, die nicht mehr von dieser grausamen Zeit erzählen können, in denen je nach Laune der Aufseher schon das Fehlen eines Knopfes am Sträflingsanzug das Todesurteil bedeuten konnte. Was von ihm bleibt, ist die Erinnerung an die sogenannte Mangold-Thoma-Liste. Gemeinsam mit dem Pfarrer Emil Thoma war es Mangold nämlich gelungen, ein Verzeichnis aller im KZ untergebrachten Geistlichen nach draußen zu schmuggeln. Der unbeugsame Pater hat inzwischen aber auch einen Platz im Gedächtnisbuch Dachau, einer Sammlung von Biographien ehemaliger Häftlinge, die ständig erweitert wird. Und er soll Teil einer Wanderausstellung sein mit dem Titel "Namen statt Nummern". Nicht zuletzt will ihm der historische Arbeitskreis eine Gedenktafel am Eingang zur Klosterkirche widmen. Ein Beitrag, um gerade jenen Menschen posthum zu würdigen, für dessen Vergessen die NS-Machthaber durch die Vernichtung von Briefen und Schriften gründlich sorgen wollten. Zum 80. Todestag des Paters im Juli 2022 soll ihr Scheitern sichtbar sein, das Wirken des Geistlichen in Stein gemeißelt.

Die Beisetzung der sterblichen Überreste des Paters, die 1942 per Post in Pfreimd ankamen, fand auf Anordnung des Naziregimes allerdings unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Trotzdem ging es feierlich zu auf dem inzwischen aufgelösten Klosterfriedhof, berichtete Jahre später seine Schwester Regina Mangold. "Die Glocken haben geläutet, das hat die SS vergessen zu verbieten."

Hintergrund :

Biografien mit "Schutzhaft" in der Baracke

  • Pater Petrus Mangold: am 31. 1. 1889 in Scheinfeld geboren; ab 1911 Novize in Dietfurt an der Altmühl, 1914 als Soldat im Ersten Weltkrieg; es folgten mehrere Verletzungen, 1918 die französische Kriegsgefangenschaft. 1920 Priesterweihe, von 1931 bis 1939 Guardian in Pfreimd, 1940 kommissarischer Provinzial der sudetendeutschen Klöster, März 1941 Verhaftung, gestorben 18. Juli 1942 in Dachau.
  • Franz Sales Heß: 1899 in Sassanfahrt geboren, Benediktinerpater und Gymnasiallehrer, verbreitet nach Aufhebung der Abtei Münsterschwarzach Flugblätter und wurde 1941 von der Gestapo verhaftet, wurde kurz vor Kriegsende aus dem KZ Dachau entlassen; Autor des Buchs "KZ Dachau - Welt ohne Gott"
  • Pater Karl Schmidt: 1904 geboren, kam als Jugendlicher in der Oberpfalz durch seinen Onkel in Kontakt mit den Salesianern Don Boscos, wegen "staatsfeindlicher" Äußerungen 1939 verhaftet, kam 1940 nach Dachau und gehörte ebenfalls zum "Fotografen-Kommando" auf der Plantage, er kam 1945 frei und starb 1968 in München.
  • Kaplan Ludwig Spießl: kommt 1938 als Benefiziumsprovisor nach Erbendorf, wird wegen Seelsorge einer Mischehe verhaftet, kommt 1940 ins KZ Dachau und wird dort im März 1945 entlassen.
  • Martin Rohrmeier: geboren 1906, wehrte sich als Pfarrer in Kelheim gegen die angeordnete Entfernung von Kreuzen aus Schulzimmern und stellte sich schützend vor Frauen, die seine Forderung unterstützten; 1941 kam er deswegen ins KZ Dachau, 1945 wurde er befreit.
  • Johann Baptist Hugl: 1894 in Pfreimd geboren, kam 1940 ins KZ Dachau, nach mehreren Verlegungen und Todesmarsch 1945 im KZ Ebensee befreit.
  • Gedenken: Die KZ-Gedenkstätte Dachau arbeitet an einem Gedächtnisbuch, die Sammlung von Häftlingsbiografien wird ständig erweitert. Zum 80 Todestag von Pater Petrus Mangold plant der Arbeitskreis "Stadtturm" eine Gedenktafel und hat dazu ein Sonderkonto bei der Sparkasse Pfreimd mit dem Namen des Paters als Kennwort für Spenden eingerichtet (DE 37750510400570493742)

"Pater Petrus Mangold war ein Unbeugsamer, der sich weigerte an Fronleichnam die Hakenkreuzfahne am Pfreimder Kloster aufzuziehen."

Hans Paulus, Hobby-Historiker aus Pfreimd

Hans Paulus, Hobby-Historiker aus Pfreimd

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